Pilgergruppe-I-850

Louise Seidler und das Rochusbild in Bingen

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Rochusbild_Bingen
Rochusbild Bingen

Wer auf dem Jakobsweg ist, wird häufig auch der Pilgerfigur des St. Rochus begegnen. Vor allem in Südfrankreich, auf der via podiensis, wo der Heilige in manchen Gegenden populärer ist als der Jakobus Maior selbst. Bilder oder Skulpturen zeigen stets die gleiche typische Geste: St. Rochus hat das Pilgergewand über dem linken oder auch rechten Oberschenkel hochgezogen, wo eine alte Wunde sichtbar wird. Neben sich hat der Heilige meist einen Hund, der ein Brot im Maul trägt. Bisweilen wird er auch begleitet von einem Engel.

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Rochusskulptur Bingen

Die bedeutendste und wohl auch bekannteste Stätte der Rochusverehrung in Deutschland dürfte Bingen sein. Hier befindet sich auf dem Rochusberg oberhalb des Rheins die 1666 erbaute Rochuskapelle. 1795 wurde sie im Zuge deutsch-französischer Auseinandersetzungen zerstört, 1814 wieder aufgebaut.

Rochuskapelle_Bingen
Rochuskapelle Bingen

Bekannt geworden sind Rochusberg und Rochuskapelle insbesondere auch durch Goethe, der eine ausführliche Beschreibung des alljährlich im August stattfindenden St. Rochusfestes gibt. Es ist die Reiseschilderung ‘Sankt Rochusfest zu Bingen - aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar in den Jahren 1814 und 1815'. Der Weimarer fühlte sich Bingen so sehr verbunden, dass er 1816 ein Bild für die Kapelle malen ließ.

Was die Entstehungsgeschichte betrifft, fertigte Goethe selbst die erste Skizze (Brief an Sulpiz Boisserée vom 24. Juni 1816). Anschließend beauftragte er den Direktor der Weimarer Zeichenakademie, Hofrat Johann Heinrich Meyer, die Zeichnung (den Karton) für das spätere Bild zu liefern. Die Übertragung in Öl wurde der Malerin Louise Seidler (1786-1866) anvertraut. Diese aber übertrug nicht nur, sondern brachte auch eigene Ideen in das Bild mit ein. Was die Durchsetzung dieser eigenen Ideen betrifft, schreibt Louise Seidler:

‘Da ich dem Dichter in diesen trüben und schweren Tagen nicht lästig fallen mochte, so hatte ich ohne nochmalige Anfrage in Weimar das Bild bereits nach den Anweisungen des Hofraths Meyer fertig untermalt, wobei ich mir im Interesse der Composition mancherlei kleine Änderungen erlaubt hatte. Dem in Aussicht gestellten Besuche sah ich deshalb mit nicht geringem Herzklopfen entgegen. Doppelte Freude empfand ich aber, als Goethe in seiner gewinnenden Art beifällig meinte, daß in solchen Sachen Frauengefühl stets das Richtige träfe. Einige Einwendungen, die Hofrath Meyer machte, versprach Goethe zu überdenken, schickte mir aber gleich am nächsten Morgen folgendes eigenhändige Billet:

‘Aendern Sie, liebe Freundin, nichts an dem Bilde, bis wir die Sache nochmals besprechen. Die Sache ist schwieriger als man denkt. Gestern Abend war es wirklich recht schön. Alles Gute! Goethe.’

Louise Seidler berichtet weiter: ‘Unterdessen vollendete ich das Oelgemälde des H. Rochus und war so glücklich, mir des Dichters ganze Zufriedenheit zu erwerben, so zwar, daß er des Bildes öffentlich ehrend gedachte.’ [zitiert nach: Goethes Malerin - Die Erinnerungen der Louise Seidler, hrsg. Von Sylke Kaufmann, S. 117 f]

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Louise Seidler, Selbstbildnis, Bleistiftzeichnung, 1820
[aus Wikipedia]

Das Rochusbild hängt heute in der Grabkapelle des Erbauers der neuen Rochuskapelle, Pfarrer Engelhardt. Auf dem Bild ist Seidlers Signatur nicht mehr zu erkennen. 1819 wurde dazu noch vermerkt: “Das Gemälde St. Rochus wurde vom Großherzoglichen Hof in Sachsen-Weimar angeliefert. Es ist von einem lutherischen adeligen Fräulein namens Luise Seidler gemalt worden. Der Name steht auf der Seite des Bildes neben den Worten ‘Ex Voto’. [zitiert nach Krasenbrink/Redenius: Goethes Reisen an den Mittelrhein, hrsg. von der St. Rochusbruderschaft, Bingen]

Warum der Name heute nicht mehr zu erkennen ist, darüber mag man spekulieren. Vielleicht waren es die Spuren der Zeit und des Weihrauchs, vielleicht aber sollte es mit Absicht als ‘Goethebild’ bekannt werden. Was einerseits ja richtig ist, da Goethe nicht nur der Stifter und Initiator des Bildes ist, sondern auch derjenige, auf den die allererste Zeichnung sowie die Vorgaben zur Komposition zurückgehen. Andererseits verkürzt es natürlich erheblich die Anteile Louise Seidlers. Denn für den Weg vom ersten zeichnerischen Entwurf hin bis zur Vollendung in Öl bedurfte es einer excellenten Künstlerhand.

Die Komposition indes ist typisch für Goethe. Das Bild atmet mediterranes Flair. Es hat sozusagen einen Hauch von Italien, auch wenn Montpellier gemeint ist, der Geburtsort des heiligen Rochus. Auffallend ist die Beschwingtheit des Aufbruchs, das Spielerische, das zugleich auch eine nachdenkliche Bestimmtheit aufweist. Die beiden Kinder und der Hund sind liebliche Attribute, die dem Geschmack der Zeit huldigen, zugleich aber ihren symbolischen Sinn haben. Dass der Hund nicht der sein kann, der Rochus mit Brot versorgte, ist klar. Denn dieser, der Legende nach ein unbotmäßiger Jagdhund, taucht erst viel später auf und nicht nach den ersten Schritten eines langen Weges. Rochus verlässt auf dem Bild nur ein niedliches Schoßhündchen, um nach Italien zu ziehen. In eine Richtung also, die Goethe wie auch Louise Seidler sehr gut gefallen hat.

Bewusst hat Goethe die Aufbruchsituation gewählt und darstellen lassen. Die lag ihm näher, die hat er verstanden, nachvollziehen können, selbst erlebt. Hier liegt der persönliche Affekt. An der üblichen Darstellung, Rochus mit der verbliebenen Pestwunde am Oberschenkel, war er nicht interessiert. Hier ist der Weimarer ein klassischer Ästhet.

Doch lassen wir Goethe selbst die Interpretation liefern: ‘Der Heilige ist als Jüngling vorgestellt, der seinem verödeten Palast den Rücken wendet. Die Pilgerkleidung zeigt uns den Stand an, den er ergriffen. Zu seiner Rechten sehen wir ein Kind, das sich an Silbergeschirr und Perlen als einer Ausbeute frommer Güterspende freut, zur Linken ein zu spät gekommenes, unschuldig flehendes Geschöpf, dem er die letzten Goldstücke aus dem Beutel hinschüttet, ja, den Beutel selbst nachzuwerfen scheint. Unten zur Rechten drängt sich ein Hündchen heraus, die Wanderung mit anzutreten bereit; es ist freilich nicht dasselbige, welches ihm in der Folgezeit so wunderbar hilfreich geworden, aber darauf deutet es, daß er als freundlicher und frommer Mann auch solchen Geschöpfen wohltätig und dadurch verdient, von ihresgleichen [seinesgleichen? Anmerkung R.S.] künftighin gemalet zu werden. Hinten, über die mit Orangenbäumchen gezierte Mauer, sieht man in eine Wildnis, um anzudeuten, daß der fromme Mann sich von der Welt gänzlich ablösen und in die Wüste ziehen werde. Eine durch die Lüfte sich im Bogen schwingende Kette von Zugvögeln deutet auf die Weite seiner Wanderschaft, indessen der Brunnen im Hofe immerfort läuft und auf die unabgeteilte Zeit hinweist, welche fließt und fließen wird, der Mensch mag wandern oder zurückkehren, geboren werden oder sterben. Haben wir diesen Nebendingen zu viel Bedeutung beigelegt, so mag uns die Neigung des Jahrhunderts entschuldigen, welche überall Zusammenhang, Allegorie und Geheimnis mit Recht und Unrecht aufzusuchen Lust hat.’ [Zweites Heft, Aufsatz ‘Über Kunst und Altertum in den Rhein- und Mayn-Gegenden’ - hier zitiert nach Krasenbrink/Redenius: ‘Goethes Reisen an den Mittelrhein, hrsg. von der St. Rochusbruderschaft, Bingen]

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Jakobusfigur - Bilderstöckchen, Pilgerweg Bingen

Einen Hinweis möchte ich hier nicht versäumen. Der Besuch des Rochusberges und der Rochuskapelle ist ein besonderes Erlebnis. Man steigt die Rochusallee hoch, ein Stück lang läuft parallel ein Pilgerweg mit Bilderstöckchen u.a. mit Figuren des Heiligen Jakob und der Maria-Magdalena.

Maria_Magdalena_Bingen
Maria-Magdalena - Bilderstöckchen, Pilgerweg Bingen

Oben auf dem Berg genießt man einen Aus- und Rundblick über den Rhein, die Täler, die Berge und Weingärten, der wohl seinesgleichen sucht. In hymnisch-romantischen Worten beschreibt ihn Bettina Brentano in einem langen Brief an Goethe und mag damit dazu beigetragen haben, dass der Dichter Bingen besuchte [Dieser Brief vom 18.7.1808 findet sich in ihrem Werk ‘Goethes Briefwechsel mit einem Kinde’].

Als Überschrift des Artikels habe ich gewählt ‘Louise Seidler und das Rochusbild in Bingen’. Womöglich naheliegender wäre als Titel gewesen ‘Goethe und das Rochusbild in Bingen’. Aber es ging mir auch darum, die Anteile der Malerin nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es ist nicht nur ein ‘Goethebild’, das in der Rochuskapelle hängt. Das Bild in Bingen gehört zu den schönsten und auch eigentümlichsten Rochusdarstellungen und ist in seiner mediterranen Heiterkeit zugleich auch eine Hommage der Malerin an Goethes Italienreise und an den Weimarer selbst - zeigt das Gesicht des sich auf die Pilgerschaft begebenden Rochus doch unverkennbar die Züge des jungen Goethe.  

Als Literatur über Louise Seidler ist sehr zu empfehlen ‘Goethes Malerin - Die Erinnerungen der Louise Seidler, herausgegeben von Sylke Kaufmann, Berlin 2003. Die Aufzeichnungen der Louise Seidler sind u.a. schon von Theodor Fontane sehr empfohlen worden. Ein weiteres Buch, dem ich zu Dank verpflichtet bin, ist von Josef Krasenbrink und Hans Tönjes Redenius. Der Titel ist ‘Goethes Reisen an den Mittelrhein’, herausgegeben von der St. Rochusbruderschaft zu Bingen, 2. Auflage 2007.

Ein willkommener Nebeneffekt der Recherchen zu Louise Seidler war das Aufspüren und Ersteigern eines Porträts der Alma Goethe (Goethes Enkelin) bei einem Schweizer Auktionator. Seidler hatte es 1832 gemalt, zu einer Zeit, als sie die kleine Alma Goethe in Weimar betreute. Es ist ein schöner alter Druck in einem ebenso alten schönen goldenen Rahmen.

Alma_Goethe
Louise Seidler: Porträt der Alma Goethe, 1832
Privatbesitz R.S.

Dank natürlich auch an Bernd Koldewey, den sachkundigen und engagierten Gefährten, der über 3000 Kilometer auf dem Jakobsweg von Herne nach Santiago gelaufen ist [www.via-jakobsweg.de]. Ohne ihn wäre der Artikel nicht entstanden.

Siehe auch: www.via-jakobsweg.de/bingen.html

Bonn, 26. Dezember 2008