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Von Bonn nach Linz - rechtsrheinisch

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht) - Orte mit Jakobusdarstellungen
sind mit dem Muschelzeichen markiert.

Wer als Jakobspilger von Bonn aus einmal rechtsrheinisch gehen will, findet einen sehr schönen und spannenden Weg vor, der meist unmittelbar dem Rhein folgt. Auf der ersten Etappe soll es knapp 30 Kilometer von Bonn aus nach Linz gehen. In Bonn kann man mit Jakobus starten, z.B. in der Remigiuskirche in der Brüderstraße, ein paar hundert Meter nur entfernt vom Bonner Münster. Hier gibt es ein Altarbild der Nazarener. Auf dem rechten (vom Betrachter aus gesehen) Flügel des Triptychons ist der Apostel mit Hut und Pilgerstab dargestellt. Nach dem Besuch der Kirche (geöffnet) geht es entweder über die Kennedybrücke oder mit der Fähre vom alten Zollamt ans andere Ufer nach Beuel und von dort stromaufwärts Richtung Süden nach Linz. Der Weg ist landschaftlich sehr schön, autofrei und führt meist unmittelbar am Rhein entlang, teils durch Parklandschaften, auf schmalen Leinpfaden und breiten Uferpromenaden. Dass man sich auf historischen Abschnitten bewegt, zeigt z.B. der Weg zwischen der Bad Honnefer Fähre und Rheinbreitbach. Er trägt den bezeichnenden Namen ‚Heerstraße’.
 

Altarbild, St. Remigius, Bonn

Jakobusfenster, St. Cäcilia,Oberkassel

 

 

Jakobusfenster, St. Pantaleon, Unkel

Pilgerkrönung, St. Martin, Linz

Nur ein paar Kilometer hinter Beuel begegnet man wieder einer Jakobusdarstellung, die wohl unter Jakobspilgern kaum bekannt sein dürfte. In Oberkassel, in der 1144 erstmals urkundlich erwähnten Kirche St. Cäcilia (nur zu Gottesdienstzeiten geöffnet), gibt es an der Südseite ein Jakobusfenster. Auf ein weiteres Jakobusfenster, wahrscheinlich auch weniger bekannt, trifft man dann in Unkel in der Kirche St. Pantaleon (geöffnet). Und in Linz, sozusagen zum krönenden Abschluss der Etappe, findet sich in der Martinskirche (geöffnet) das berühmte Fresko mit der Pilgerkrönung. Jakobus krönt die Pilger. Man begegnet also auf knapp dreißig Kilometern vier Jakobusdarstellungen.
 

St. Servatius mit Muschel,
St. Johannes Baptist, Bad Honnef

Marienfigur, St. Johannes Baptist, Bad Honnef

Weitere Pilgerheilige, auf die man unterwegs trifft, sind St. Rochus (Leonarduskapelle in Rheinbreitbach und St. Pantaleon in Unkel), und in Bad Honnef, in der Kirche St. Johannes Baptist, gibt es ein bemerkenswertes Fenster, das eine Figur mit drei Muscheln zeigt, eine davon am Pilger- bzw. Bischofsstab. Soweit man es lesen kann, dürfte unter der Darstellung St. Servat stehen, gemeint wahrscheinlich St. Servatius, der im ökumenischen Heiligenlexikon als ‚bischöflicher Pilger’ bezeichnet wird. St. Servatius war Bischof von Tongern. Er hatte im 4. Jahrhundert gelebt. Durch die Beigabe der Muscheln hat der Künstler wohl sein Wander- und Pilgerleben ausdrücken wollen.
 

Mondsichelmadonna an Fachwerkhaus, Unkel

St. Cäcilia, Schutzpatronin der Musik,
St. Cäcilia, Oberkassel

Der Weg ist reich an Kirchen und Kapellen. Sehr schön und voller Anmut sind auch die Marienfiguren, denen man begegnet. So etwa in Rhöndorf, Bad Honnef und Unkel. Gewiss gehören sie mit zu den ‚schönen Madonnen am Rhein’. Links- wie auch rechtsrheinisch ist das ein auffallendes Merkmal des Weges. Wer einen etwas steileren An- und Abstieg nicht scheut, kann von Königswinter aus über den Drachenfels nach Rhöndorf gelangen. Belohnt wird man mit einem faszinierenden Rheinpanorama, bewegt sich dafür freilich auf recht touristischem Gebiet.
 

Blick vom Drachenfels auf Nonnenwerth

linksrheinischer Blick auf das Siebengebirge

Die Rhöndorfer Marienkapelle ist eine Rarität. Sie steht mitten im Ort auf einer Verkehrsinsel, teilt die Straße in einen Links- und einen Rechtsbogen, dem die Autos folgen müssen. Die Marienverehrung hatte also Vorrang vor den ökonomischen Überlegungen beim Straßenbau. Die Kapelle steht da, erratisch, ein Zeichen gegen den Mobilitätswahn der Moderne. Ob Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, seine Hände mit im Spiel hatte? Es ist ein vager Gedanke, der beim Anblick der Kapelle auftaucht, hatte Adenauer doch an einem Ort der Marienverehrung, in Maria Laach, Zuflucht gefunden vor den Nazischergen. In Rhöndorf hat er gewohnt. Von seinem Haus blickte er auf die Kirche ‚Mariä Heimsuchung’. (siehe Anmerkung unten)* Ein einfaches Messingschild mit der Aufschrift ‚Bundeskanzler’ erinnert an den Platz, auf dem er in der Kirchenbank saß. Nicht ganz vorne, wie man vermuten könnte, sondern in aller Bescheidenheit etwa in der Mitte der rechten Bankreihe am äußersten Rand. So gibt der Jakobsweg wieder einmal den Anstoß, sich mit Biographien zu befassen.
 

Marienkapelle, Rhöndorf

Schild für Konrad Adenauer,
Kirche Mariae Heimsuchung, Rhöndorf

 

 

Idylle in Rhöndorf

malerische Gasse in Unkel

In Unkel ist es Willy Brandt, auf dessen Spuren man stößt. So erinnert etwa eine Skulptur an einem Brunnen an den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Kanzler der Bundesrepublik. Und man trifft in Unkel auch wieder auf Konrad Adenauer. Zehn Monate hatte er während der Nazizeit im Pax-Erholungsheim für katholische Priester Zuflucht gefunden. Eine Erinnerungstafel weist darauf hin. So finden sich beide Kanzler der Bundesrepublik, der eine CDU, der andere SPD, am Rhein nachbarschaftlich vereint. Ob das gemeinsame Schicksal, Verfolgung durch die Nazis, eine bewusste oder unbewusste Rolle spielte, sich in kleinen, heimeligen Rheinorten niederzulassen? Spekulation. Merkwürdig ist es schon.
 

Blick auf Unkel mit St. Pantaleon

Rheinpromenade, Unkel

Neben den zahlreichen sakralen Stationen dieser Etappe begegnet man auch der Literatur. In Oberkassel gibt es ein Denkmal für Gottfried Kinkel, u.a. Mitbegründer des literarischen Zirkels ‚Maikäferbund’ und Verfasser der berühmten Reisebeschreibung ‚Die Ahr’. In Königswinter ist es ein Denkmal für Wolfgang Müller, den rheinischen Dichter, der ebenso wie Brentano und Heine unter vielen rheinromantischen Beiträgen auch ein Loreleigedicht hinterlassen hat. Was die Malkunst betrifft, hat man in Königswinter im Siebengebirgsmuseum die Gelegenheit die Sammlung Rheinromantik zu betrachten. Hierunter befinden sich Gemälde der Heisterbacher Chorruine, die nordöstlich von Königswinter liegt. Ihr bekanntester Mönch war Caesarius von Heisterbach, der selbst ein Pilger war und in seiner Exempelsammlung ‚Wunderbare und denkwürdige Geschichten’ auch Erzählungen über Jakobspilger hinterlassen hat. Man sieht: Auf dieser Strecke wird viel geboten. Man trifft auf ein reiches, schier unerschöpfliches kulturelles Erbe. Ich tippe in diesem Artikel nur ein paar wenige Beispiele an.
 

Glockenkreuz in Erpel

Fachwerkidylle in Erpel

In Erpel, in der ‚Herrlichkeit Erpel’, wie sich der Ort auch stolz nennt, gibt es gegenüber der Kirche das so genannte ‚Glockenkreuz’. Es stammt aus dem Jahr 1388 und ist eines der ältesten Wegekreuze des Rheinlandes. Der Legende nach soll der Glockengießermeister Heinrich von Gerresheim seinen Lehrling ermordet haben, weil dieser den zunächst misslungenen Guss der Erpeler Kirchenglocke ‚Osanna’ eigenmächtig wiederholt hatte. Der Rheinweg ist auch der Weg der Legenden und Sagen.

 In Oberkassel kann man mit der 1683 errichteten Kapelle (‚Alte Kapelle’) das älteste evangelische Gotteshaus im Gebiet der heutigen Stadt Bonn besichtigen. Die Reformation spielt auf dieser Rheinstrecke eine weniger prägende Rolle wie etwa auf hessischen Jakobswegen oder auch linksrheinisch ab Oppenheim, wo Luther auf dem Weg nach Worms übernachtete und die Spaltung in Konfessionen an den Kirchen, die ja auch theologische Programme spiegeln, deutlich sichtbar wird.
 

Leinpfad zwischen Rheinbreitbach und Unkel

Marktplatz in Linz

Um das leibliche Wohl muss man sich auf dieser Strecke keine Sorgen machen. Es gibt zahlreiche Einkehrmöglichkeiten, viele davon sogar direkt am Rheinufer. Die Orte, die unmittelbar an der Strecke liegen, sind mit ihren alten, blumengeschmückten Fachwerkhäusern malerisch. Hervorzuheben bei den kleineren Orten wären insbesondere Rhöndorf, Unkel und Erpel. Von Königswinter und Linz ist die touristische Attraktion ja hinreichend bekannt. Wer den Rhein entlang gehend auch nach Rheinbreitbach will, kann am Campingplatz (‚Salmfang’) auf etwas abenteuerlichem Pfad ostwärts in den Ort abbiegen (etwa 1 km), hat eine Bahnschranke, die sich auf Zuruf öffnet, zu überqueren und dann über eine etwas bemooste Holzbrücke die wie eine Autobahn rauschende B42.

Vom rechtsrheinischen Weg eröffnen sich immer wieder sehr schöne Panoramen auf die linksrheinischen Orte mit ihren Kirchen. So etwa mit den Blicken auf Oberwinter oder Remagen mit Peters- und Apollinariskirche.

Was An- und Abfahrt betrifft, ist die Strecke wunderbar eingerichtet. Sie liegt an der Bahnlinie, von Bonn bis Bad Honnef auch Straßenbahn. Von jedem Ort aus kann man die Rückfahrt nach Bonn antreten. Das geht auch vom linksrheinischen Ufer. Fähren gibt es von Königswinter, Bad Honnef, Erpel und Linz zur anderen Rheinseite und ihren Bahnhöfen hin. Die B42 stört bis Linz nicht. Ab Linz ist es empfehlenswert für den weiteren Weg Richtung Süden wenigstens auf einigen Abschnitten auf den rechtsrheinischen Rheinhöhenweg auszuweichen, der z.B. von Linz bis Rheinbrohl, wo man auf die nächste Jakobusspur stößt, annähernd parallel zum Rhein verläuft. Vor Linz ist er für Jakobspilger nicht zu empfehlen, da man an manchen sehenswerten Orten vorbeilaufen würde. Auch würde sich hier diese Etappe durch ausufernde Kehren und Zick-Zack-Schleifen erheblich verlängern.

Als Jakobsweg ist die Strecke nicht oder noch nicht installiert. Zweifelsfrei aber dürfte sein, dass die linksrheinische wie auch die rechtsrheinische Route im Mittelalter zu den Hauptwegen im Netz der deutschen Jakobswege zählte. Die Gründe sind einfach. Der Rhein garantierte den Pilgern, die in aller Regel weder lesen noch schreiben konnten und auch keine Karten, geschweige denn topographische, besaßen, eine sichere Orientierung, geschützte Wege, Unterkünfte in Klöstern und Hospizen, Wallfahrtsorte, Möglichkeiten der mündlichen Information, auf die man angewiesen war, und einiges mehr (siehe hierzu auch ‚Vorbemerkung zu einem Jakobsweg entlang der Rheinschiene’ >>>).

Wer sich um offizielle Markierungen und Installationen nicht kümmert und auch ein wenig neugierig und abenteuerlustig ist, findet mit der Rheinstrecke eine spannende Alternative Richtung Santiago. Dass die Jakobusdarstellungen auf dieser Route recht zahlreich sind, wird neben der landschaftlichen Schönheit das Pilgerherz zusätzlich erfreuen.

* Der Begriff ‚Heimsuchung’ ist missverständlich, da er im Allgemeinen negativ belegt ist.  So wird man etwa von einer Plage heimgesucht. Hier aber geht der Begriff auf Lukas I, 39-46 zurück. Es wird von Marias Besuch bei Elisabeth, die ebenfalls im sechsten Monat schwanger ist, berichtet und von der Lobpreisung Elisabeths, als sie Marias Gruß empfängt. Maria antwortet auf den prophetischen Willkommensgruß mit dem Magnificat. Das lateinische ‚Visitatio Mariae’ (Besuch Mariens) ist mit ‚Heimsuchung’ unglücklich übersetzt.

 

 

Bonn, Juli 2012