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Friesenhagen: Die rote Kapelle

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 


Das Wetter passt zu dem Ort, den ich an diesem Tag, unterwegs auf der Brüderstraße, im Wildenburger Land erreiche. Der Himmel ist grau, verharschter Schnee liegt wie ein Leichentuch über der Landschaft. Ein Kreuz hebt sich vom Horizont ab. Einziger Farbtupfer ist die rote Kapelle auf dem Blumenberg bei Friesenhagen. Eine Holztafel erinnert an die Hinrichtungsstätte während der Wildenburger Hexenprozesse in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die Friesenhagen dezimierten. Männer wie Frauen, in der Mehrzahl Frauen, fielen hier dem Gerichtskommissar Hermann Heistermann zum Opfer, wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Beschuldigt der Zauberei wurden sie als verantwortlich angesehen für Missernten, Hagelschlag, Viehseuchen. Geständnisse wurden unter Folter erpresst, Denunziantentum war an der Tagesordnung, Heistermann selbst bereicherte sich, da er für jede Hinrichtung vier Reichstaler bekam. Die rote Kapelle selbst hat mit dem Geschehen nichts zu tun. Sie wurde erst Ende des 17. Jahrhunderts erbaut, beherbergt eine Kopie der Anna Selbdritt. Die rote Farbe des äußeren Anstrichs mag man zur Erinnerung an die vorhergegangenen Geschehnisse gewählt haben.

Einzelschicksale verbergen sich an dem Ort. Wie etwa das der Agnes Schmidt, deren Geschichte der Autor Joseph Rinscheid nacherzählt. Auch andere Namen lassen sich anhand der Gerichtsprotokolle zurückverfolgen. Grete vom Heiligenborn oder Elschen im Wildenburger Tale und viele mehr.

Es ist ein dunkles Kapitel der Kirche, nicht nur der katholischen. Auch Luther hatte eine Hexenpredigt gehalten. Und es ist nicht nur ein Kapitel der Kirche, sondern auch der weltlichen Obrigkeit. Und es ist auch ein Kapitel der Bevölkerung selbst, die sich in Aberglauben, Hysterie, Missgunst und Denunziantentum erging. Man bereicherte sich, räumte Konkurrenten weg, fand Sündenböcke vor allem unter den Frauen. Es ist nicht nur eine Wildenburger Geschichte, sondern eine deutsche, verfolgt man zu diesem Thema die Chroniken der Bistümer. Die letzte Hexenhinrichtung fand noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zur Blütezeit der so genannten Aufklärung, in Kempten statt.

Schwer zu begreifen ist, dass die Menschen und insbesondere die Landesherren den Kommissar Heistermann so lange gewähren ließen. Welche Macht, welcher Gehorsam, welche Fügsamkeit, welche Interessen, welche Irrationalität hinderte sie daran, ihn rechtzeitig fortzujagen? Viel zu lange hat es gedauert, bis er schließlich nach Paderborn fliehen musste. Ohnmächtig scheinen auch die Franziskanerpatres gewesen zu sein, in deren Hände die Feudalherren die Rekatholisierung des Wildenburger Landes gelegt hatten. Wirkungslos waren die Botschaften des Neuen Testamentes. Was nur den Schluss zulässt, dass es um Macht und Intrigen ging. Das Irrationale war willkommenes Werkzeug.  
 


Es ist ein äußerst komplexes Thema. Es betrifft religiöse, psychologische, soziologische, politische Fragestellungen. Die rote Kapelle bei Friesenhagen mag ein erster Anlass dazu sein. An diesem Wintertag jedenfalls ist der Ort am Jakobsweg alles andere als eine erbauliche Idylle.  

 

Bonn, Februar 2013