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Der städtische Abschnitt der Brüderstraße

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)
 


Köln-Deutz, an der Lanxess-Arena - Im Hintergrund taucht der Dom auf.

Ich tauche ein in die Welt aus Glas, Stahl und Beton, an deren Ende und auf der anderen Rheinseite liegend sich sichtbar der Dom erhebt. Zwei Welten stoßen in dieser Perspektive aufeinander. Die mittelalterliche, eine Zeit, in der man noch Kathedralen baute, und die neuzeitliche, beherrscht von kühler Baukunst, Kommerz und Coca Cola. Hier betet man nicht. Hier lässt man sich zerstreuen. Ich bin in der Gebäudeschlucht der Lanxess-Arena im rechtsrheinischen Köln-Deutz. Bis zur Rheinpromenade ist es noch ein Kilometer, dann öffnet sich auf der anderen Seite des Stromes mit dem Dom, Groß St. Martin und der Hohenzollernbrücke ein anderes Panorama.

Ich wollte den letzten Abschnitt der Brüderstraße kennen lernen und starte in Köln-Brück. Bis zum Ziel, dem Kölner Dom, sind es etwa zehn Kilometer. Der Weg führt durch städtisches Gebiet entlang der B 55, die hier den Verlauf dieses ehemaligen mittelalterlichen Pilgerweges von Siegen nach Köln markiert. Pilgergemäß wird hier nichts mehr sein, aber gerade dieser Kontrast wird seinen besonderen Reiz haben. Oder auch nicht. Nicht umsonst nennt der Pilgerführer statt des Fußweges auch die Alternative „Straßenbahn, Linie 1 vom Brücker Mauspfad“. Wer nicht mit der Straßenbahn fährt, durchläuft die Stadtteile Brück, Merheim, Höhenberg, Kalk und Deutz.

Es ist ein nasskalter Tag Anfang Februar. Schnee- und Graupelschauer gehen nieder. Der Himmel lastet mit dem seit Monaten üblichen Grau. Der Vorgängermonat, der Januar, war der dunkelste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und der Februar beginnt nicht anders. Nur bei der Ankunft in Köln reißt die Wolkendecke auf. In den Lücken zeigt sich für kurze Zeit die Sonne, die es offensichtlich doch noch gibt. Es ist kein Pilgerwetter und wahrhaftig auch keine angenehme Strecke. Der Verkehr nervt. Die Menschen auf den Bürgersteigen hasten mit verschlossenen Gesichtern an einem vorbei. Man kommt sich als Pilger mit der Jakobsmuschel fremd, sehr fremd vor.   

Die Kirchen in Brück, Merheim, Höhenberg und Kalk sind geschlossen. Der liebe Gott hat sich der Neuzeit angepasst und geregelte Geschäftszeiten eingeführt. Erst die unscheinbare Marienkapelle in Kalk ist geöffnet. Der stille Raum mit den Kerzen und der Pietà ist eine Oase in der sinnlosen Brandung ringsum.

Höhepunkt des Tages ist dann aber die Kirche Neu St. Heribert in Deutz. Sie ist geöffnet. Die dreischiffige Basilika mit ihrer Doppelturmfassade folgte der zu klein gewordenen und zur ehemaligen Benediktinerabtei gehörenden Kirche Alt St. Heribert. Schon das Tympanon über dem Eingangsportal setzt mit seiner Bildersprache andere Akzente als die geschäftige Welt da draußen. Alt St. Heribert, das ein paar hundert Meter weiter unmittelbar an der Rheinpromenade liegt, beherbergt heute mit prachtvoller Innenausstattung die griechisch-orthodoxe Gemeinde ‚Mariä-Entschlafung zu Köln’.  

In Neu St. Heribert beeindrucken besonders die Arkaden im Innenraum, das Sanktuarium mit dem Heribertschrein, der Taufort mit dem wellenförmig gestalteten Fußboden aus grünem und weißem Marmor und den in den Nischen ruhenden Plastiken der vier Kirchenväter. Weitere Schätze sind die in Silber getriebene Kevelaer-Madonna, das Triptychon des Marienaltares an der Westwand, die Rad- und Rosettenfenster und vieles mehr. Im Sacrarium im Sakristeigebäude kann man den Schatz von St. Heribert besichtigen. In zwei Vitrinen sind die mit Heribert verbundenen Heiltümer ausgestellt - Kasel, Stab, Pokal und Seidengewebe aus Byzanz.

Allein schon wegen der Basilika Neu St. Heribert lohnt es sich, nicht mit der Linie 1 von Brück ins Kölner Zentrum durchzufahren, sondern, will man nicht den gesamten Weg zu Fuß zurücklegen, auf noch rechtsrheinischem Gebiet an der ‚Deutzer Freiheit’ auszusteigen. Ansonsten sind die Sehenswürdigkeiten zwischen Brück und Deutz nicht gerade üppig. Für Brück wären zu erwähnen der ‚Faule Wirt’, eine Brunnenplastik auf dem Marktplatz, die alte Brücker Schule und der Fachwerk-Schieferbau ‚Em Hähnche’. Zu Merheim siehe den Artikel ‚Die Fußfallstraße’ (>>>). An den Jakobsweg erinnert auf der zehn Kilometer langen städtisch dominierten Strecke bis zur Deutzer Rheinpromenade einzig die Stele der Deutschen Jakobusgesellschaft und des Landschaftsverbandes Rheinland neben der St. Hubertus Kirche in Brück.

Pilgerwelt und profane Welt sind Gegensätze. Das waren sie auch schon im Mittelalter. Nur hatte dieses eine intensivere und nach außen hin auch sichtbarere allgemeine Frömmigkeit. Wir können die Kathedralen von einst nur noch bewundern, sind aber trotz der größeren technischen Möglichkeiten nicht mehr in der Lage sie zu bauen. Das heißt, in der Lage wäre man schon, aber man setzt andere, rein irdische Prioritäten. Unsere Gotteshäuser sind die hochgezogenen spiegelnden Fassaden der Banken, Arenen und Konzerne. Um gegensätzliche Welten zu erleben sei der Fußweg von Brück zum Kölner Dom bestens empfohlen. An der Fassade des Doms empfängt einen St. Jakobus schließlich mit einer Muschel in der linken Hand, als wolle er sagen: „Verliere sie nicht aus den Augen!“  

Zu den Impressionen dieses Abschnitts siehe die Fotogalerie >>>

 

Literatur zur Brüderstraße von Siegen nach Köln bzw. zum Jakobsweg von Marburg nach Köln: Annette Heusch-Altenstein, Christoph Kühn, ‘Jakobswege - Wege der Jakobspilger in Rheinland und Westfalen’, Band V, Köln 2007

 

Bonn, Februar 2013