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Der Schuh am Ende der Welt

von Rüdiger Schneider (Text/Foto)

 

Wer von Santiago aus weiter zum Kap Finisterre geht, findet auf einem Felsen die Skulptur eines Schuhs, dessen Spitze meerwärts zeigt. Man blickt in die Unendlichkeit des Atlantiks und kann verstehen, dass dieser Punkt für die Menschen des Altertums und auch des Mittelalters das Ende der Welt schien. Daher auch der lateinische Name des Kaps – finis terrae. Weiter findet sich am Kap auch ein Markierungsstein mit dem Zeichen für den Jakobsweg und der Angabe darunter ‚Santiago 0,0 km’.

Der Gang von Santiago de Compostela nach Finisterre wirft Fragen auf. Kann man das, was über Santiago hinausgeht, noch Pilgern auf dem Jakobsweg nennen? Ist mit der Kathedrale in Santiago nicht das eigentliche Ziel erreicht?

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man in Santiago lange auf der Praza do Obreiro verweilt hat, um die Westfassade der Kathedrale auf sich wirken zu lassen, jenes Werk des Meisters Mateo, das man auch eine in Stein geschriebene Sinfonie nennen könnte, und wenn man dann ein paar Tage später in die gestaltlose Unendlichkeit des Atlantiks blickt. Es mag, vor allem je nach Wetterlage, etwas Trostloses haben, so als hätte man eine zuvor gewonnene Kultur wieder verloren. Seltsam muten auf den Felsen auch die Reste verkohlter Textilien an. Es ist ein Ritual, seine alte Kleidung hier zu verbrennen, um Verwandlung zu bekunden. Wilde Margeriten wären mir an diesen Stellen lieber.

Die Kilometerangabe auf dem Stein ist falsch, denke ich. Müsste dort nicht stehen ‚Santiago 94 km’ und sollte die Spitze des Schuhs nicht andersherum zeigen?

In ihrer Gegensätzlichkeit sind sie großartig. Das Cabo Finisterre mit seinem Blick in eine unbehauste Unendlichkeit und die Kathedrale in Santiago in ihrer ebenso unendlich scheinenden detailliert-konkreten Gestaltung. Im Abendlicht entsprechen sich die beiden. Der mit Moos und goldgelben Flechten überzogene Granit der Westfassade fängt das Licht der Sonne auf und lässt eine geheimnisvolle Linie zur Westküste Spaniens entstehen, zu jener Tierra de leyendas, wo alles seinen Anfang nahm.

12.8.2011