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Spanisches Leben

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 


Ich lebe in einer Zeit, wo Alte lästig sind. Weil sie aus der wirtschaftlichen Produktion und dem Profit hinausgefallen sind. Man muss sie bei uns versorgen, mit Renten am Leben erhalten. Das gebietet die christliche Pflicht, die jedoch nur ein dünnes Alibimäntelchen ist. Die indianische Tradition, dass das Alter seine besondere Würde und seinen besonderen Wert hat, gilt in Deutschland nicht. Die familiären Zusammenhalte sind unter der Diktatur eines profit- und zuwachsorientierten Kapitalismus schon lange zertrümmert. Als Alter müsste man sich eigentlich in die Ecke setzen und den Tod abwarten oder sich eilig am Fensterrahmen erhängen. Mit einem schelen Auge wird beobachtet, wie Rentner an Werktagen vormittags den Rhein entlang radeln. Die Angehörigen bemühen sich währenddessen um billigere osteuropäische oder thailändische Entsorgungsplätze.

So kenne ich es. So kannte ich es. Welch angenehme Überraschung war es dann aber in Cangas de Onís, als auf einem zentralen Platz der Stadt die Alten zusammen mit den Jungen tanzten. Es war spanische Lebensfreude, das Niederreißen ökonomischer Bedenken, die Überwindung der Nutzüberlegungen, die Gemeinsamkeit an der Freude des Lebens, die Erinnerung an die alte indianische Tradition. Eine Erinnerung nicht nur an indianische Tradition, sondern an eins der wichtigsten Kulturgüter, die wir besaßen. Die Einheit von Jugend und Alter. Die Gemeinsamkeit des Lebens. Wer sich nur an Profit und Ökonomie orientiert, was ja heute zum Zwang geworden ist, verliert diese Perspektive und verfehlt damit das Leben. Ein Börsentipp wird höher gehandelt als der Rat in einer entscheidenden Lebenslage. Erfahrung, wenn sie nicht ökonomisch ist, ist auf den Nullpunkt gekommen.

So aber ist das Leben nicht. Der Mensch ist keine Nutznummer im Lauf der kapitalistischen Megamaschine. Unter der christlichen Oberfläche dreht sich hier alles um Profit, Ökonomie und Eurokrise. Das Kaufland und die Supermärkte sind unsere Tempel geworden. Meine Generation versündigt sich an den kommenden. Unser Jahrhundert wird in nachfolgenden, wenn es sie gibt, als blind dastehen. Der DAX ist wichtiger als das Wort zum Sonntag. Gibt es diese schöne, nostalgische Einrichtung überhaupt noch? Ich weiß es nicht, da mich das Fernsehen dumm macht, dieses stündliche Trommelfeuer der Krisen und wie gut es uns demnach geht. Das Wetter könnte besser sein. Ob man sich in der Klimaerwärmung befindet oder auf eine neue Eiszeit zugeht, weiß man auch nicht. Der Westen sagt so, die Russen anders.

Es sind solche Überlegungen in Cangas de Onís. Es ist einfach schön, das zu sehen. Der unbekümmerte Tanz der Menschen. Jetzt müsste man eine Spanierin auffordern und mit ihr über den Platz schweben. Egal ob alt oder jung. Das wäre Leben, Erlebnis, Abenteuer im besten Sinne. Auch das gehört zum Jakobsweg unweigerlich dazu. Es ist nicht nur die Route der Pilger, die um zehn in den Herbergen verschwinden und am frühen Morgen tapfer weitergehen. Auf einem der Stühle am Rand des Platzes sitzt eine Señora, die allein, aber amüsiert in die Gegend schaut. Mir gefallen ihre wachen Augen, ihr Lächeln. Ein Alemán, der lange nicht mehr getanzt hat, geht hin und fordert sie auf.
 

Bonn, Mai 2013