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Rosalía de Castro - ‘Cantares gallegos’

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Durch einen Zufall und auf späteren Umwegen werde ich auf Rosalía de Castro aufmerksam. Doch zunächst ist es ein anderer, der mein Interesse weckt. Ich weiß nicht, wie viele Male ich in Lugo - wir sind also jetzt in Galicien und nicht mehr in Asturien - in Nähe der Porta de Santiago vor die Tür der Bar getreten bin, mir eine Zigarette drehte, in den Regen schaute, bis ich endlich neben mir eine schon mit etwas Patina besetzte Gedenktafel an der Hausfassade entdeckte: „In diesem Haus lebte der Dichter Lorenzo Varela in den Jahren 1932 bis 1934. Galicischer Literaturtag 2005.“ Nach Hause zurückgekehrt will ich wissen: Wer war Lorenzo Varela? Was ist der Galicische Literaturtag? In der Bonner Bibliothek finde ich kein Buch von ihm oder über ihn.


Aber immerhin kann ich einer biographischen Kurzbeschreibung entnehmen, dass er zu jenen gehörte, die auf Grund des Faschismus in Spanien einen Teil ihres Lebens im südamerikanischen Exil verbringen mussten, von wo aus sie mit ihren Schriften das Franco-Regime weiter bekämpften. Jedes Jahr gibt es den galicischen Literaturtag (17. Mai), und jedes Jahr wird ein anderer Schriftsteller oder eine Schriftstellerin, die sich um die galicische Literatur oder Sprache verdient gemacht hat, geehrt. 2005 war es Lorenzo Varela.
 


Santiago de Compostela, Geburtsort und
letzte Ruhestätte Rosalía de Castros

Die erste aber, die postum geehrt wurde, war 1963 Rosalía de Castro. Für eine gewisse Zeit lebte sie ebenfalls in Lugo, und zwar von 1864 bis 1868. Von ihr finde ich in der Bibliothek den Gedichtband ‚En las orillas del Sar’ – ‚An den Ufern des Sar’. Das Buch ist auf Spanisch und auf Deutsch (in der Übertragung von Fritz Vogelsang), so dass ich mich nicht um die Übersetzung bemühen muss [Rosalía de Castro, ‚An den Ufern des Sar’, Gedichte Spanisch und Deutsch, Inselverlag, Frankfurt 1987]. Und in dem excellenten, dankenswerten Nachwort von Fritz Vogelsang werden einige der wenigen erhaltenen Briefzitate Rosalia de Castros angeführt und auch eine bezeichnende Stelle aus einem Prosatext. Auf zwei dieser Zitate werde ich später noch zurückkommen.

 


Mit Rosalía de Castro, mit ihren 1863 erschienenen ‚Cantares gallegos’, den ‘Galicischen Gesängen’, beginnt das so genannte Rexurdimento, die sprachlich-literarische Wiedergeburt des Galicischen in der spanischen Literatur, in der Wirkung vergleichbar mit der Bretagne und der Wiederbelebung des Keltisch-Bretonischen durch die Lieder- und Gedichtsammlung des Barzaz Breiz. Und wohl deswegen war sie auch die erste, die mit dem galicischen Literaturtag geehrt wurde. Wobei zu sagen ist, dass sich ihre Bedeutung keineswegs nur auf das Galicische bezieht. Sie dürfte mit ihrer Kunst, die überkommene Formen sprengte, eine Poetin von Weltrang sein. Und hätte es ihn damals schon gegeben, so hätte sie den Nobelpreis für Literatur verdient wie später etwa Juan Ramón Jiménez für seine Lyrik.

Rosalía de Castro wurde 1837 in Santiago de Compostela als Tochter einer galicischen Adligen und eines angehenden Priesters, der anonym bleiben wollte, geboren. Getauft wurde sie in unmittelbarer Nachbarschaft der Kathedrale von Santiago, in der Kapelle des Hospital Real, das heute als Luxushotel ‚Hostal de los Reyes Católicos’ weltberühmt ist und wo täglich zehn Pilger im Dienstraum der Belegschaft umsonst speisen dürfen. Dorthin werden sie, um die feine, zahlungskräftige Gesellschaft nicht zu stören, auf Nebenwegen geleitet. Ähnlich verschämt wird man auch Rosalía zur Taufe getragen haben. Wegen ihrer Abstammung kommt sie zunächst in die Obhut der Schwestern des Priesters, der ihr Vater ist. Später bekennt sich ihre Mutter zu ihr, wohnt mit ihr zusammen in Padrón, danach in Santiago de Compostela, um ihr eine Schulausbildung zu ermöglichen.

In Madrid heiratet sie den Jounalisten und Historiker Manuel Murguía, zieht mit ihm fern vom geliebten Galicien durch Spanien, muss oft ihren Wohnsitz verlegen. Sie wird Mutter von sieben Kindern (das letzte kommt tot zur Welt, das vorletzte stirbt an den Folgen eines Unfalls). Ihre letzten zehn Jahre verbringt sie wieder in Galicien, wo sie mit nur 48 Jahren in Padrón an Gebärmutterkrebs stirbt. Begraben wurde sie zunächst, wie sie es gewünscht hatte, in Iria Flavia, das aus der Jakobuslegende bekannt ist als der Ort, wo Theodorus und Athanasius, zwei Jünger des Jakobus, mit dem Apostelleichnam landeten. Später jedoch überführte man Rosalías Gebeine nach Santiago de Compostela, wo sie nun im Kloster Santo Domingo de Bonaval (heute Sitz des Museums des Galicischen Volkes) im Kreis der ‚Galegos Ilustres’, der Galicischen Berühmtheiten, ruhen. Das sind einige wenige Eckdaten ihrer, nennen wir es so, statistischen Biographie.

‘Keltische Vagabundin’ - auf diese Formulierung stoße ich in einem Essay im Internet. Wie kommt man dazu, sie so zu nennen? Was die soziale Seite ihrer Biographie angeht, scheint diese Bezeichnung zunächst nicht zu stimmen. Sie gehörte zu jenen Frauen des 19. Jahrhunderts, die eher in gesellschaftlichen Konventionen gefangen und gefesselt waren. Aber: In ihrem dichterischen Werk kommt eine übermächtige Sehnsucht nach Ausbruch, Aufbruch, Abenteuer, Freiheit zum Ausdruck. Zwei deutsche Beispiele zu Frauen in einer ähnlichen Situation:

Annette von Droste Hülshoff mit ihrem Gedicht ‚Am Turme’: „Ich steh auf hohem Balkone am Turm, umstrichen vom schreienden Stare, und lass gleich einer Mänade den Sturm mir wühlen im flatternden Haare… Wär ich ein Jäger auf freier Flur, ein Stück nur von einem Soldaten, wär ich ein Mann doch mindestens nur, so würde der Himmel mir raten; nun muss ich sitzen so fein und klar, gleich einem artigen Kinde, und darf nur heimlich lösen mein Haar und lassen es flattern im Winde.“

Das zweite Beispiel ist Karoline von Günderode, nicht nur durch ihre Gedichte bekannt, sondern auch durch ihr Harakiri am Rhein. Sie schreibt: „Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Missverhältnis in meiner Seele; und es wird und muss so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann.“

Es ist genau diese Sehnsucht, die sich auch in Rosalías Gedichten zeigt. Und es gibt in den wenigen Briefen, die nicht vernichtet worden sind, eine sehr markante Stelle, die diese Seelenverwandtschaft zur Droste und Günderode deutlich zeigt.

„Wenn ich ein Mann wäre, würde ich augenblicklich hinausgehen und mich auf einen Berg begeben, denn der Tag ist herrlich; ich muss mich jedoch damit begnügen, eingesperrt in meiner großen Stube zu bleiben.“ [zitiert nach: An den Ufern des Sar, S. 346]

Und an anderer Stelle schreibt sie: „Meine Gedanken sind Vagabunden, meine Phantasie schweift umher… Nur Lieder der Unabhängigkeit und Freiheit haben meine Lippen gestammelt, obwohl ich ringsum, schon von der Wiege an, das Rasseln der Ketten hörte, die mich für immer zur Gefangenen machen sollten, denn das Erbteil der Frau sind Fußfesseln der Sklaverei. – Ich bin dennoch frei, frei wie die Vögel, wie die Winde.“ [zitiert nach: An den Ufern des Sar, S. 348]

Insofern mag das Prädikat ‚Keltische Vagabundin’ wieder stimmen. Rechnen wir es nicht ihrer äußeren Biographie, sondern ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihrem Werk zu.

Berühmt wurde sie vor allem durch die ‚Cantares gallegos’, die galicischen Lieder, geschrieben, und das war mit das Sensationelle, in der galicischen Sprache, die seit Hunderten von Jahren keinen Eingang in die Literatur mehr gefunden hatte. Geschrieben wurden die Cantares im sozusagen kastilischen ‚Exil’, wo ihr die Natur Galiciens fehlte. Es sind Lieder, Hymnen der Sehnsucht, der Heimatliebe, des Stolzes auf ihr galicisches Land und auf die Verbundenheit mit ihm. Um endlich einmal zu sagen, zu ‚singen’, dass Galacien entgegen vieler Vorurteile rühmenswert ist und seine Sprache nicht nur ein verachtenswerter Dialekt. Später, aus Gründen, die hier zu weit führen würden, schreibt sie dann wieder auf Kastilisch, im Castellano, also der offiziellen Hochsprache.

Rosalías Werk ist nicht nur Hymnus auf Galicien, es ist auch Anklage, Appell. Damals schon. Sie bezieht sich zum Beispiel auf die Zerstörung der Natur, die sie entlang des Sar [Fluss, der in den Bergen nördlich von Santiago de Compostela entspringt] wahrnimmt. Der Frevel an der Natur, die Verödung der Welt wird zu einem Motiv. Die ‘Nachtigall Galiciens’ schlägt dunklere und zugleich beschwörende Töne an, in denen die Klage um das verlorene Paradies zu vernehmen ist. So lauten Zeilen in einem der Gedichte aus ‘An den Ufern des Sar’:

„Doch wir, wenn sie verwüsten unsre Wälder, die Jahrhunderte zählen – und von denen so wenige noch da sind!- wenn ein fremder Wille hier bei uns Herr spielt, nehmen wir’s einfach hin, als wär’s etwas Unvermeidliches… Ich senke die Stirn zu Boden und rufe betrübt mit dem Opfer von Golgatha: Vergib ihnen, Herr; sie wissen nicht, was sie tun. Aber, o Herr, laß nie wieder es zu, daß der Hauch eisiger Gleichgültigkeit auslöscht den Protestschrei auf unsern Lippen; denn das Verschweigen ist Bruder des Todes, und ich will nicht, daß meine Heimat stirbt, sondern daß sie wie Lazarus, o guter Gott, erwache vom Tod zu neuem Leben und mit neuer Stimme, die Ruhm erlange, es der Welt sage, daß Galicien lebt, so voll Mut, so voll Wert, wie du’s geschaffen, und so groß und so glücklich, wie es schön ist.“ [zitiert nach: Rosalía de Castro, ‚An den Ufern des Sar’, Gedichte Spanisch und Deutsch, Inselverlag, Frankfurt 1987, S. 91]

Bonn, Mai 2013