Pilgergruppe-I-850

Unverhoffte Begegnung am Jakobsweg - ‚Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik’

von Rüdiger Schneider (Text/Foto)

 

Cecilia_Bödingen

Auch das kann passieren: Dass man auf einem Stück Jakobsweg an Literatur erinnert wird, die man schon längst vergessen hatte. So geschehen und unvorhergesehen in Bödingen an der Sieg – auf der Etappe von Herchen nach Siegburg.

Bödingen ist ein Marienwallfahrtsort, der um 1400 entstanden ist. Gewiss war er auch Station für Jakobspilger, die den kleinen Fluss entlang nach Bonn gezogen sind. In der Bödinger Wallfahrtskirche treffe ich auf eine Figur, die mir zunächst wegen ihrer beschwingten Anmut und poesievollen Heiterkeit auffällt. Die meisten Figuren, die man in den Kirchen vorfindet, sind ja todernst. Wen die Figur darstellt, war nicht angegeben. Aber dann fiel mir eine Novelle von Heinrich von Kleist ein. Er selbst nennt den Text ‚Legende’. Der Titel ist: ‚Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik’. Es ist eine für Kleist typische Erzählung. Etwas Irrationales widersteht allen Erklärungsversuchen.

Das musste sie sein. Endlich also einmal war ich auf dem Jakobsweg auf eine Figur der Patronin der Kirchenmusik, der Instrumentenmacher, der Sänger, Musiker und Dichter gestoßen. Natürlich habe ich Kleists kurze Novelle noch einmal gelesen. Die Geschichte ist furios. Man wird sich zwar zunächst an den ungewöhnlichen Kleistschen Satzbau gewöhnen müssen, an diese atemlose Hypotaxe, aber es lohnt sich. In aller Kürze zum Plot selbst: Das Aachener Kloster der heiligen Cäcilia soll während eines Festes von Bilderstürmern verwüstet werden. Aber als die Tat geschehen soll, sitzt Cäcilia selbst an der Orgel, verzaubert mit ihrer Musik die Bilderstürmer. Das Kloster wird gerettet. Die Anführer der frevelhaften Rotte werden mit Wahnsinn geschlagen.

Lesenswert.

Zur Kleistschen Erzählung >>>

Bonn, September 2009