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Covadonga

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Basilika, Covadonga

Dort, wo die Picos de Europa sich erheben und jetzt noch im Mai mit schneebedeckten Gipfeln glänzen, fiel eine der wichtigsten Entscheidungen, ohne die es ein christlich geprägtes Europa, wie wir es heute kennen, womöglich nicht gäbe. Die Araber, Muslime oder auch Sarazenen erkundeten bereits die Gebiete nördlich der Pyrenäen, als sich hier in den Bergen unter ihrem Anführer Pelayo christliche Rebellen formierten und in Covadonga, dem Ort eines Marienheiligtums, eine arabische Strafexpedition aufrieben. Der Aufstand der Könige Asturiens, die Reconquista, die Rückeroberung Spaniens, hatte begonnen. Das war im Jahr 722. Weitere Versuche der Araber, das christliche Widerstandsgebiet im Norden in ihre Gewalt zu bekommen, scheiterten. Wie hätte Europa oder gar die Welt ausgesehen ohne Covadonga? Gut hundert Jahre nach Pelayos Aufstand wurde das Grab des Apostels Jakobus entdeckt, und der asturische König Alfonso II. machte sich von seiner Hauptstadt Oviedo als erster Pilger auf den Weg nach Santiago de Compostela. Dieser Camino, der Camino Primitivo, ist der erste, der ursprüngliche Jakobsweg, und noch lange, nachdem sich der heute so bekannte Camino Francés zu etablieren begann, ging man über Oviedo nach Santiago, nahm einen Umweg bewusst in Kauf.
 

Gedenkstein, Alfonso II, Lugo

Jakobus als Matamoros, Lugo

An Alfonso den Zweiten erinnert in Lugo, und zwar an der Porta de San Pedro ein Denkmal. Die Übersetzung der Schrift auf dem Gedenkstein lautet: „Durch dieses Tor betrat König Alfonso der Zweite, der Keusche, die Stadt im 9. Jahrhundert und begründete den ersten Camino von Santiago.“ Sein heute geläufiger Beiname ‚der Keusche’, das spanische ‚casto’, ist eine neuzeitliche Sinnminimierung, da das ursprüngliche Bedeutungsspektrum des Begriffes weit über die sexuelle Einengung hinausgeht. ‚Alfonso der Tugendhafte’ wäre der richtige Beiname.
 

Blick auf die Picos de Europa

Pelayo-Denkmal, Covadonga

Auf der Fahrt nach Oviedo, also dem Startpunkt des Camino Primitivo, wählen wir den Weg über Covadonga. Reist man mit dem Zug nach Spanien, so nimmt man von Irun aus den Bus nach Oviedo, steigt aber, statt nach Oviedo durchzufahren, an der Atlantikküste in Llanes aus, fährt mit einem anderen Bus weiter ins Landesinnere nach Arriondas und von dort mit wieder einem anderen Bus über Cangas de Onís nach Covadonga. Der Umweg über Covadonga erhöht also die Strapazen einer ohnehin schon langen Anreise erheblich.

Meine Bedenken für diesen Umweg galten weniger den Strapazen als vielmehr der Erwartung beziehungsweise der Enttäuschung wieder einmal auf einen Wallfahrtsort zu treffen, der mit Tourismus und Souvenirläden überfrachtet ist, so wie man das von Lourdes, Mont St. Michel und vielen anderen Orten her kennt. So dass man sich in die Zeit des Ablasshandels zurückversetzt fühlt und Anwandlungen lutherischer Empörungen bekommt. Aber Covadonga ist anders.

Bei strahlend blauem Himmel fahren wir den Picos de Europa entgegen, treten ein in die wilde Bergwelt Asturiens, wo man sich leicht vorstellen kann, dass hier noch Wölfe und Bären hausen, und erreichen an einem Sonntag Covadonga. Der Marienwallfahrtsort ist tatsächlich umschwärmt, aber das Business mit der Frömmigkeit ist dezenter als an anderen Wallfahrtsorten. Den kleinen versteckten Souvenirladen muss man erst suchen. An diesem Tag haben wir das Glück, dass asturische Trachtengruppen zur Basilika kommen, die sich hier auf einem schmalen Plateau erhebt. Der spanische Stolz auf Traditionen fällt auf und wird wie selbstverständlich gelebt. Es ist eine andere Welt, eine andere Haltung, eine Welt im Kontrast zur einebnenden Anonymität, der man sonst begegnet. Es mutet nostalgisch an, aber man mag die Asturier um diese Traditionen beneiden, die so völlig querstehen zu der Scheinwelt von McDonald’s und Co. Neben der Basilika steht vor der Kulisse der Berge die Statue König Pelayos und erinnert an die Geburtsstunde der Reconquista.
 



Die Baupläne der Basilika, die Ende des 19. Jahrhunderts im romanischen Stil errichtet wurde, gehen zurück auf einen nach Spanien ausgewanderten Deutschen mit zugleich italienischen Wurzeln. Roberto Frassinelli Burnitz wurde 1811 in Ludwigsburg geboren, engagierte sich in der revolutionären Demokratiebewegung in Deutschland, gehörte der Verbindung der ‚Feuerreiter’ an. 1833 nahm er am Frankfurter Wachensturm teil, bei dem es galt, die Gesandten der selbstherrlichen deutschen Fürsten gefangen zu nehmen und endlich eine Demokratie zu begründen. Das Unternehmen scheiterte jedoch an der staatlichen Gewalt. Viele Aufständische  wurden wegen Hochverrats hingerichtet. Roberto Frassinelli Burnitz konnte nach Nordspanien entkommen und entschied sich hier für die Picos de Europa als neue Heimat, ließ sich in Corao nieder. Von den Asturiern wird er auch „El Alemán de Corao“ genannt. Seine bewegende Biografie ist eine jener Geschichten des 19. Jahrhunderts, als man sich gegen staatliche Zwangsmaßnahmen wehrte und sich nicht für dumm verkaufen ließ. Auch das ist eine Eigentümlichkeit des Jakobsweges. Es tauchen Namen auf, von denen man vorher nichts wusste. Biographien, die sich aus dem Nebel bilden. Lorenzo Varela, Rosalia de Castro und eben Roberto Frassinelli. Und es sind noch einige mehr.
 

Brunnen und Wasserfall, Covadonga

Felsgrotte mit Kapelle, Covadonga

An einem Wasserfall des Río Deva liegt die Grotte mit der Virgen de Covadonga und den Gebeinen König Pelayos. ‚Covadonga’ heißt in der deutschen Übersetzung ‚Höhle der Herrin’. Eine Kapelle ist in den Fels hineingebaut. Es ist ein mystischer Ort, der bei mir sogleich den Gedanken aufkommen lässt, dass es sich um eine ehemals keltische Lokalität handelt. Die Umgebung in ihrer Erscheinungsart und mit ihrer Faszination ist eindeutig ein weiblich geweihter Ort. Spätere Recherchen scheinen das zu bewahrheiten. Asturische Legenden weisen auf La Xana hin, eine der Feen und Nixen, die an Quellen, Brunnen, Wasserfällen leben. Schön und verführerisch sind sie, wenn sie ihr Haar kämmen wie die Loreley. John William Waterhouse, besessen von den Variationen des Motivs, hat die ‚rainbow-sided’ Fee 1909 unter dem Titel ‚The Xana’ oder auch ‚Lamia’ so gemalt. Die Fontäne des Río Deva fällt in einen Teich mit kristallklarem Wasser, in dem Münzen blinken, hineingeworfen mit Wünschen, Fürbitten für sich und andere. Es ist schön, dass das Irrationale immer noch seinen Platz behauptet in einer rational durchorganisierten Welt. Covadonga ist durchaus auch ein romantischer Ort, im Sinne einer ursprünglichen Romantik, die Kathedralen erneuern ließ, Kirchen und Kapellen baute und die, wie man den literarischen Werken etwa Brentanos, Eichendorffs, E.T.A. Hoffmanns und auch des sich nicht zur Romantik zählenden Goethes entnehmen kann, früh um die dämonische Seite der Industrialisierung und der von ihr verursachten Verödung der menschlichen Seele wusste.
 

Río Sella, Cangas de Onís

über die romanische Brücke, Cangas de Onís

In einer kleinen, versteckt liegenden Bar, die zwischen Bäumen hindurch den Ausblick auf die lichtüberflutete Basilika gewährt, sitzen wir später bei einem Sidra, versuchen uns an der asturischen Eingusstechnik und fahren am frühen Abend mit dem Bus zurück nach Cangas de Onís. Am Ufer des Río Sella schlagen wir das Zelt auf und gehen dann über die romanische Brücke, unter der das asturische Kreuz schwebt, in den Ort, der unter Pelayo Hauptstadt war.

 

 

Bonn, Mai 2013