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Eine Tagestour im Bonner Raum – Von Duisdorf
über Gielsdorf nach Buschhoven

von Rüdiger Schneider (Text/Bilder)

 

 
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Weg bei Schillingskapellen

Schön, wenn man den Jakobsweg vor der Haustür hat und wenn er dann noch, von Zersiedelungen weitgehend verschont, durch eine recht attraktive Landschaft führt, die ihren Höhepunkt in der Swisttalebene bei Buschhoven findet. Weite des Horizonts, Wege, die in die Unendlichkeit zu laufen scheinen, die Linien der Felder, die der Ebene Kontur verleihen. An lichtdurchfluteten Sommertagen mag man sich hier tatsächlich an die Weite der spanischen Extremadura erinnert fühlen. Als Tagesetappe mit rund 20, vielleicht auch 25 Kilometern, je nachdem, wie man von Buschhoven zurückläuft, sehr zu empfehlen, zumal der Weg auch reich an Kulturgütern ist, ein Aspekt, der gerade für den Pilger Bedeutung hat. Man will ja nicht nur spazieren gehen.
 

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Weg bei Meßdorf

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Wegzeichen bei Meßdorf

Der Weg beginnt in Duisdorf in Höhe der Bundesministerien bei den Meßdorfer Feldern, überquert auf einer Brücke die Bahngleise und führt geradewegs nach Meßdorf, wo man in Höhe des Gutes Ostler (ein Erlebnis-Bauernhof), auch schon die ersten Wegezeichen findet, die Strahlen der Muschel auf blauem Grund. Mehr oder weniger zuverlässig führt das Zeichen einen bis Buschhoven. An manchen Stellen, wo es hilfreich wäre, fehlt es allerdings. Es empfiehlt sich, insbesondere im Kottenforst, eine detaillierte Wanderkarte. Bei gutem Wetter hilft einem hier auch der Sonnenstand. Es geht im Prinzip in südwestliche Richtung.
 

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August Macke, 1911: ‘Gemüsefeld’

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Hans Thuar, 1911: ‘Meßdorf’

Das erste kulturelle ‚Highlight’ findet man vor Überquerung der Bahngleise nach Meßdorf. Hier lassen sich auf einer Schautafel zwei Bilder bewundern. Eins ist von August Macke (1887-1914), das andere von seinem Freund Hans Thuar (1887-1945). Beide haben im Stil des sogenannten ‚Rheinischen Expressionismus’ auf dem Meßdorfer Feld gemalt. Im Original kann man die Bilder im Kunstmuseum Bonn betrachten. Durch die Aussaat von kräftig blühenden Pflanzen wie etwa Mohn und Margarite, aber auch Sonnenblumen, soll in diesem Landschaftsraum ein sozusagen ‚natürliches Kunstwerk’ geschaffen werden, das an die beiden Maler erinnert und einen Gegenpol zur rein wirtschaftlichen Nutzung des Landes setzt.
 

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ehemaliger barocker Hochaltar, St. Laurentius

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Gielsdorf, im Hintergrund Turm von St. Jakobus

Am Gutshof Ostler vorbei geht es auf dem Burgweg zur Meßdorfer Straße, hier links nach Lessenich, wo sich mit St. Laurentius die älteste Kirche des Bonner Umlandes befindet. St. Laurentius ist auch die Mutterkirche von St. Jakobus in Gielsdorf. Ursprünglich war es eine Saalkirche (11. Jh.). Um 1200 wurden Chorturm und ein nördliches Seitenschiff angebaut. Mitte des 13. Jh. kam ein südliches Seitenschiff hinzu, das 1650 abgebrochen und 1965 rekonstruiert wurde. Pfarrhaus und Pfarrhof sind von 1780. In der Kirche sind noch Reste von Freskomalereien zu sehen. Die Innenausstattung stammt aus der Zeit des Barock. St. Laurentius wurde auf dem Boden einer ehemaligen römisch-keltischen Kultstätte erbaut.
 

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Weg bei Gielsdorf

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Salatfelder bei Gielsdorf

Man folgt weiter der Meßdorfer Straße bis zum Dompfaffenweg, wo man rechts einbiegt und bald eine weite Feldlandschaft erreicht. Linker Hand sieht man schon den Kirchturm von St. Jakobus Gielsdorf und kann sich hieran orientieren. In Gielsdorf selbst geht es dann die Kirchgasse hoch zur romanischen Jakobuskapelle aus dem 11. Jahrhundert und zur Kirche, die mit der alten Kapelle (das älteste erhaltene kirchliche Bauwerk im Vorgebirge) eine Einheit bildet. Jakobusfresken und Jakobusfiguren sind hier neben anderen Schätzen zu bewundern. Eine Stele des Landschaftsverbandes Rheinland erinnert daran, dass man sich auf einem alten Pilgerweg befindet. Eine Führung durch Kapelle und Kirche sollte man sich nicht entgehen lassen. Näheres zu den Figuren und Fresken auch im Artikel ‚Winterwanderung zu den Gielsdorfer Fresken’ >>>
 

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Jakobusfigur Gielsdorf

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Fresko in der Kapelle (Jakobus bekehrt den Zauberer Hermogenes.)

Weiter geht es auf die Höhe. Das Wegezeichen führt einen sicher in den Kottenforst, wo man nun in südwestlicher Richtung bis zum ‚Eisernen Mann’ läuft, einem im Boden verankerten Roheisenbarren, um den sich zahlreiche Legenden ranken. Seine jetzige Stelle (zuvor war er Grenzmarkierung zwischen Alfter und Heimerzheim) verdankt er Kurfürst Clemens, der ihn 1727 als Markierungspunkt setzen ließ für das Schneisensystem zwischen Schloss Augustusburg in Brühl und Schloss Herzogsfreude in Röttgen.
 

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Kottenforst bei Gielsdorf

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der sagenumwobene ‘Eiserne Mann’

Der Weg durch den Kottenforst an diesem sonnigen ersten Septembersonntag ist sehr angenehm. Er ist an diesem Tag auch nicht einsam. Man begegnet zahlreichen Reitern und vor allem auch Pilzsammlern, die sich mit ihren Körbchen durch das Unterholz schlagen. Und tatsächlich: Der Waldboden, verlässt man ein wenig nur den Weg, ist mit Pilzen gesegnet.
 

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Reiter im Kottenforst

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‘Marienhäuschen’ im Kottenforst

Ich lasse sie stehen, weil ich mir nicht ganz sicher bin, was essbar ist und was nicht. Ich kenne mich nur halbwegs mit den Maronen aus. Irgendwo im Moos entdecke ich auch einen korallenartigen Ziegenbart. Ungiftig soll er sein. Aber auch essbar? Die Pilger im Mittelalter werden sich da besser ausgekannt haben. Wer im September oder Oktober den Kottenforst Richtung Trier durcheilte, hat gewiss leckere Mahlzeiten gefunden. Die leckere Mahlzeit und den Pilgerwein nehme ich lieber in Buschhoven ein. Sehr zu empfehlen das Restaurante ‚La Trattoria’ am Toniusplatz neben der Kirche.
 

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leckere Marone (?)

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korallenförmiger Pilz (Ziegenbart)

Am Rande des Swisttals verlässt man den Kottenforst, geht zunächst rechts Richtung Dünstekoven. Linker Hand sieht man Gut Schillingskapellen liegen und kann auf einem Feldweg direkt darauf zusteuern. Dort dann an einem Weiher vorbei in die offene Ebene. In der Ferne sieht man den Turm von St. Katharina Buschhoven und geht durch die sehr schöne Swisttalebene darauf zu. Der Bogen um Gut Schillingskapellen bedeutet einen Umweg, aber wegen der landschaftlichen Reize lohnt er sich. Schillingskapellen ist eng verbunden mit der Legende um die ‚Rosa Mystica’. Früher gab es hier ein Prämonstratenserkloster und ein Hospiz für Jakobspilger.
 

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Weiher am Gut Schillingskapellen

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Swisttal bei Buschhoven

Man kann auch, wenn man den Kottenforst verlassen hat, im direkteren Weg, links um einen Sportplatz herum, dem Talzug folgen. Zur näheren Geschichte des Pilger- und Wallfahrtsortes Buschhoven und zur Legende siehe den Artikel „Auf den Spuren der ‚Rosa Mystica’ nach Buschhoven“ >>>.
 

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Swisttal bei Buschhoven

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Swisttal bei Buschhoven

An der Marienkapelle vorbei und über eine Brücke geht es in den Ort Buschhoven. Eine Jakobsmuschel befindet sich an der Evangelischen Kirche. In der katholischen Kirche St. Katharina ist jene legendäre Figur der ‘Rosa Mystica’.
 

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Marienkapelle, Buschhoven

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‘Rosa Mystica’, Buschhoven

Da es der erste Sonntag im Monat September ist, hat die Museumstube geöffnet. Die Museumstube liegt am Rande der B56, Ortsanfang von Buschhoven (von Bonn aus gesehen). Die genaue Adresse ist: Am Steinrausch 27. Sigrid und Wolfram Lindner haben in liebevoller Arbeit ‚Altertümer’ gesammelt, lassen mich eine Zeitreise erleben.
 

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Besinnliches und Unterhaltsames: ‘Die Gartenlaube’

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Gold, gewaschen aus dem Rhein bei Bonn

Die Sammlung beherbergt etwa 600 Exponate aus den Bereichen Spielzeug und Alltagskultur sowie Photoapparate, Radios, alte Bücher, Schulsachen, alte Ansichtskarten, ebenso auch sakrale Gegenstände. Die Museumstube ist von Juni bis September an jedem ersten Sonntag des Monats von 14.30 bis 17.30 Uhr und ganzjährig auf Anfrage geöffnet. Für weitere Informationen: www.museumstube-buschhoven.de
 

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Sakrales aus vergangener Zeit

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Kaffeetasse, aus der Richard Wagner getrunken hat

Wer nach der Tour nicht denselben Weg zurücklaufen will, kann der B56 auf dem Fahrradweg nach Duisdorf folgen. Im krassen Gegensatz zum Hinweg ist dieser Rückweg allerdings sehr laut und man ist wieder mittendrin im normalen Wahnsinn. Möglich ist auch die Rückfahrt mit dem Bus. Der fährt am Sonntag allerdings nur alle zwei Stunden, werktags öfter. Ein Kompromiss zwischen Fahren und Laufen: Man geht von Buschhoven noch etwa vier Kilometer bis zum Bahnhof Kottenforst und steigt hier in den Zug, der jedoch nur am Wochenende an diesem Bahnhof Halt macht. Für Jakobspilger ist die beschriebene Tour wegen der landschaftlichen und auch kulturellen Höhepunkte als Tagesausflug und Pilgererlebnis unbedingt zu empfehlen.

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Bücher zum Jakobsweg >>>

Bonn, September 2010