Home

   Berichte

Spurensuche

Rheincamino

Vogelsberg

Literatur

Diashow

Vortrag

Impressum

Links

Elenas Laden

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Elena

Wir sind gewöhnt an unsere modernen Supermärkte, das Stakkato an den Kassen, dieses Keine-Zeit-Haben, so als hätten wir stündlich wichtigen Terminen zuzueilen, die, wenn man nicht drängt und auf die Uhr schaut, uns unbarmherzig verlorengehen. Sucht und zählt jemand an der Kasse nur ein paar Sekunden zu lang die Münzen im Portemonnaie, ergreift uns die Ungeduld. Wir treten von einem Bein auf das andere, befinden uns in der Gemeinschaft einer Menge, die ebenfalls ergeben zum Himmel beziehungsweise an die Decke des Marktes blickt. Und die Kassiererin beginnt ungeduldig mit den Fingern zu trommeln.

In dem kleinen Dorf La Mortera begegnet man etwas anderem. Hier steht Elena hinter der Theke ihrer Bar und ihres Ladens und hat jede Menge Zeit für einen. Man sagt, was man wünscht. Sie sucht es, bringt es und zwischendurch betreten andere Frauen des Ortes den Laden und man unterhält sich. Und wehe, man wird ungeduldig. Dann schüttelt Elena besorgt den Kopf, so als sei man von einer schlimmen Krankheit befallen, eben dem Wahnsinn der Unrast. Bestellt man Kaffee, so schenkt sie ihn selbst ein und bringt auch noch ein Tellerchen mit Gebäck
 

Elenas Laden

Elena schenkt Kaffee ein.

Es ist eine Welt, die nicht mehr lange bestehen wird. Wer übernimmt nach Elena den Laden? Die Dörfer werden verlassen. Die Arbeitslosigkeit der Jugend in Spanien beträgt über fünfzig Prozent. Man wird diese Jugendlichen eher in deutschen Supermärkten wieder finden als in La Mortera. Wir selbst sind wohl die letzten Zeugen einer Welt geworden, in der man noch Zeit hatte. 

Bonn, Mai 2013