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Unterwegs mit Gandalf
von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

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Gandalf (rechts)

 Vor unserer ersten Begegnung kannte ich den Namen noch nicht. Gandalf. Aus Tolkiens Roman ‚Herr der Ringe’ stammt er. In der realen Begegnung ist er ein Esel. Dass ich ihn überhaupt treffe, ist einer jener schönen Zufälle auf dem Jakobsweg. Ich bin an einem frühen Samstagabend am Rande von Mannebach. Der Ort liegt südlich von Trier. Bis zur französischen Grenze sind es noch dreißig Kilometer. Die Gegend ist idyllisch, erinnert an den Morvan in Frankreich. Es ist ein weitläufiges, hügeliges Gelände, mit Wiesen, Feldern und Wald. Und natürlich gehört auch ein kleines Dorf dazu. Ich passiere einen Hof. Den Riedhof. Kurz zuvor muss dort eine Weinprobe gewesen sein. Ich bin leider zu spät. Die Bänke im Hof sind leer. Ebenso die Gläser, die auf den Tischen stehen. In der Scheune nebenan ist noch ein Stand mit Flaschen aufgebaut. Ich setze mich auf eine der Bänke. Wenigstens eine kleine Pause.

 Vor dem Wohnhaus des Hofes erscheint eine Frau.

 „Haben Sie noch ein Gläschen Wein für einen müden Pilger?“ frage ich.

 „Ja.“

 Nebenan auf der Wiese grasen zwei Esel. Ein schwarzbrauner und ein Graukittel, wie er so gerne im Grimmschen Märchen genannt wird.

 „Wem gehören die beiden?“ frage ich.

 Der Besitzer der Esel ist in der Nähe, wird gerufen. Ich erzähle von meinem Traum, einmal mit einem Esel auf den Jakobsweg zu gehen. Ergibt sich jetzt vielleicht die Gelegenheit, erste Erfahrungen zu sammeln? Von Mannebach aus führt ein schönes und klassisches Stück Jakobsweg nach Rehling, Merzkirchen und Perl ins Dreiländereck. Es geht adarum, eine erste Erfahrung zu gewinnen. Was ist das für ein Gefühl, mit einem Esel zu wandern? Wie wandert der überhaupt? Und vor allem: Manchmal will der ja nicht. Sind die Schwierigkeiten, die entgegenstehen, zu groß? Oder aber: Lohnt es sich, diese Schwierigkeiten zu überwinden? Welches Wissen gehört dazu? Auf die Spitze getrieben lautet die Frage: „Sind wir dem Esel zumutbar?“

 Ausprobieren. Eine erste Erfahrung machen. Ich komme mit Armin Schneider, dem Besitzer der Esel, ins Gespräch.

 Ja, irgendwann will er die Esel vermieten, für Wandertouren. Daran hat er langfristig schon gedacht.

 Wir werden das einmal versuchen, kommen wir überein. Wann?

 „Morgen, um zehn Uhr“, schlage ich vor und frage nach dem Preis.

 Er schüttelt den Kopf: „Nichts“, sagt er.

 Für ihn ist es eine wertvolle Erfahrung, mit einem Greenhorn auf eine kleine Tour zu gehen. Für mich ist es die Gelegenheit, darüber zu schreiben, so dass man auch weiß, welche Attraktion Mannebach neben seinem berühmten Brauhaus noch zu bieten hat. Dass es im Mannebacher Brauhaus an diesem Wochenende keine Übernachtungsmöglichkeit mehr gibt, hatte ich befürchtet. Ich trinke ein Bier dort und begebe mich dann auf eine benachbarte Streuobstwiese, um zu übernachten. Das Zelt aufzuschlagen, dazu bin ich zu faul. Ich lege mich unter einen Baum. Ab und zu fällt in der Nacht ein Apfel neben mich. Gegen halb vier weckt mich ein schnüffelnder Igel. Und ich höre auch Gandalf und Bilbo in der Ferne schreien. Jetzt weiß ich: Esel kann man nur halten, wenn man keine Nachbarn hat oder sehr verständnisvolle.

 Am Morgen wird die Wetterlage kritisch. Es regnet. Aber ein Regenbogen über Mannebach kündet mir an, dass alles gut werden wird.

 
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Die Tour mit Armin Schneider ist vorbereitet.

 Punkt zehn bin ich auf dem Riedhof. Das Abenteuer kann beginnen. Armin Schneider kommt. Jetzt probieren wir die Tour zur Rehlinger Kirche aus. In der nächsten Stunde werde ich unterwiesen in die allernotwendigsten Dinge, die man von einem Esel und der Tour mit ihm wissen sollte. Armin Schneider ist ein geduldiger, excellenter Lehrer und vor allem hat er das wohltuende Prinzip drauf ‚learning by doing’. Erfahrungen sammeln, indem man etwas einfach macht und ausprobiert und nicht bei einem deutschen Amt nachfragt, ob man eine Genehmigung und einen Qualifikationsnachweis dazu braucht.  

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Auskratzen der Hufe

 Die Hufe der Esel werden gereinigt. Danach bekommen beide ihr Halfter. Gandalf wird noch eine Decke aufgelegt, ein Holzgestell wird befestigt, das die beiden Satteltaschen für das Gepäck trägt.

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Armin Schneider sattelt Gandalf.

 Ich habe tausend Fragen, die sich bei so einem Unternehmen zunächst stellen. Nachhaltig bleibt mir in Erinnerung, dass einem ein Esel wie Gandalf, der ein Hengst ist, abhanden kommen kann, wenn man eine Weide mit Stuten passiert. Man lese die dazu passende köstliche Episode in Tim Moores Buch ‚Zwei Esel auf dem Jakobsweg’.

 
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Yilmaz Ünker beim Sprachunterricht

 Ich erfahre auch, was Esel auf Türkisch heißt: Esek. Unter das s müsste noch ein Häkchen. Armin Schneiders Schwiegervater Yilmaz Ünker erklärt mir das. Und auch was Eselsfohlen auf Türkisch heißt: Sipa. Ob ich diese Sprachkenntnisse einmal brauchen kann? Wer weiß? Ich muss ja nicht immer auf dem Jakobsweg unterwegs sein. Die Türkei ist auch schön.

 Gegen Mittag gehen wir dann los Richtung Rehling. Armin geht mit Bilbo voran. Ich trotte mit Gandalf hinterher.

 Ob Gandalf ein Gourmet ist und die Reise ausnutzt oder auch nur kleine Machtproben veranstalten will, weiß ich nicht, vermute es aber. Immer wieder will er gerade am Anfang der Reise stehen bleiben und sich etwas vom Wegesrand rupfen. Aber ein leichtes Ziehen am Strick reicht, um weiter zu wandern. Der Esel ist sehr gutmütig und willig. Ab und zu gucke ich mich auch um, ob er tatsächlich noch an der Leine ist. So einfach ist die Tour zunächst. Und schön ist auch, dass man in einen Wandertrott verfällt, der etwas selbstverständlich Meditatives hat. Langsam ist man dabei nicht. Zwanzig Kilometer an einem Tag sind leicht.

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Mit gelber Weste, wenn es zur befahrenen Landstraße geht

 Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt. Ich suche nach dem passenden Eigenschaftswort. ‚Archaisch’? Kann man das so sagen? Ja. Ursprünglich ist es. Wohltuend. Die technisierte, hektische Welt ist ausgeschaltet. Auf einem Stück Landstraße merke ich, dass die Autos sogar Respekt haben. Sie bremsen beim ersten Gewahrwerden schon in der Ferne ab, reduzieren die Geschwindigkeit, fahren langsam in einem Bogen vorbei. Wenn sie passieren, bekommt man ein freundliches Lächeln. Überhaupt mache ich die Erfahrung, dass man auf dem Weg mit einem Esel nur freundlichen, aufgeschlossenen Menschen begegnet. Der Esel ist der kommunikativste Reisebegleiter überhaupt. Man kommt mit jedem sofort ins Gespräch.

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Äpfelsorten beim Viez-Fest

 Irgendwann kommen wir an einem Hoffest vorbei. Da gibt es den berühmten Viez, der dem französischen Cidre entspricht. Die Esel binden wir draußen an einem Weidezaun an. Beim Anbinden versuche ich den speziellen Eselsknoten. Armin zeigt ihn mir geduldig noch einmal. Ich muss das aber noch fünfmal lernen, wie das mit dem Durchziehn der Schlaufen geht

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Jakobus, Rehlinger Kirche

 Dann geht es weiter zur Rehlinger Kirche. Es ist ein Jakobus-Kultort. Mit Pilgerbuch, Jabobusfigur, Quelle und einer langen, eigentümlichen Geschichte. Das Eigentümlichste daran war wahrscheinlich der Eremit, der in einem ‚Schwalbennest’ am Turm wohnte, in Bienenkörben Honig sammelte, die Kirche bewachte und die umliegenden Pfarreien mit Oblaten versorgte. Solche Geschichten empfinde ich als schön. Sie durchbrechen unsere normale Welt.

 Von Rehlingen geht es in einem weiten Bogen zurück nach Mannebach. Der kürzeste Weg würde an einer Pferdeweide vorbeiführen. Aber Armin entschließt sich aus gutem Grund lieber für ein Stück Landstraße und dann in den Wald hinein.

 
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Was jetzt?

 Im Wald kommt eine echte Eselsprobe. Der Weg ist mit einem rotweißen Band gesperrt. ‚Lebensgefahr, Holzfällerarbeiten’. Die sind allerdings nicht an einem Sonntag. Also kein Problem. Für uns nicht. Für Bilbo auch nicht. Aber für Gandalf. Wir halten ihm das rotweiße Band hoch. Aber er will nicht durch. Da hilft zunächst kein Zerren und kein Ziehen. Wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht. Aber irgendwann macht er es doch. Wir bugsieren ihn schließlich irgendwie unter dem Band hindurch.

 Die Etappe danach durch den Wald geht einfach. Gandalf bleibt nur da stehen, wo Pferdeäpfel liegen. Die dreht er dreimal um. Das geht rasch. Dann geht es weiter. Bis etwa fünfzig Meter vor die eigene Weide geht alles glatt. Aber dann kommt Fallobst. Birnen, Äpfel. Jetzt geht nichts mehr. Ich kann an Gandalf ziehn und schieben, wie ich will. Er will nicht. Liebevolle Umarmungen sind ergebnislos. Auch Einflüsterungen wie „Ei, du Lieber, ach komm doch!“ stoßen auf Unverständnis. Mit dem Programm scheiter ich. Ich räume das Fallobst weg und locke Gandalf mit einer Birne vor mir her. Langsam trottet er weiter. Die Verweigerung kurz vor der Weide lege ich mir so aus, dass Gandalf noch keine Lust hatte, wieder auf seine Wiese zu kommen, wo er jeden Grashalm kennt.

 
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 Ich hatte Premiere mit einem Esel. Ich vermute, das war der Auftakt. Jetzt vermisse ich Gandalf und diesen meditativen Trott mit ihm an der Seite. Oder mit ihm hinter mir. Und manchmal war er auch vorneweg und zog mich einen Pfad im Wald hinunter. Mit einem Esel zu wandern ist ein besonderes Abenteuer. Und wenn man dann noch Stationen des Jakobsweges aufsucht…

 Gandalf habe ich nichts gezeigt. Er aber mir. Ich liege seltsam quer zur normalen Welt der Geschwindigkeit und ihrem Mobilitätswahn. Gandalf hat mir gezeigt, dass der Weg der Weg ist. Wenn er etwas Schönes entdeckt hat, bleibt er stehen, schnuppert und rupft. Wir blicken als Menschen analytisch in die Vergangenheit und besorgt in die Zukunft. Gandalf geht einfach.

Für weitere Informationen: www.packeselwanderungen.de

Bonn, Sept. 2009

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