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‘Entschlafen zu Melesinen’

von Rüdiger Schneider (Text/Foto)

 

Friesheim

Es ist so anrührend wie rätselhaft zugleich - jenes steinerne Gedenkkreuz an der Kirche St. Martin in Friesheim. Oben zeigt das Kreuz in einem Kranz das Erlöserzeichen (JHS = Jesus Hominis Salvator), am Fuße ist ein Wappenschild mit drei Jakobsmuscheln. Die Inschrift in der Mitte nennt klar die Namen und das Datum und wirft zugleich tausend Fragen auf, die wohl für immer im Dunkel der Geschichte bleiben werden.

Die Inschrift lautet: ‘A(nn)o 1651 DEN 18 OCTOBRIS IST BERTRAM BAUR ZWISCHEN ROHM UND ST JACOB ZU MELESINEN IN GOTT ENTSCHLAFFEN DER SEELEN GOTT BEGNADE AMEN’

Da hatte Mitte des siebzehnten Jahrhunderts jener Bertram Baur aus Friesheim eine Doppelwallfahrt nach Rom und Santiago unternommen, war aber nicht nach Hause zurückgekehrt, sondern unterwegs, also auf St. Jakobs Straßen, ‘zu Melesinen in Gott entschlaffen’, wie die Inschrift auf dem Kreuz angibt.

Wer war dieser Bertram Baur? Wie alt war er? Warum begibt er sich auf diesen weiten Weg? Hundertfünfzig Jahre nach der abenteuerlichen Pilgerreise des Ritters Arnold von Harff unternimmt er ein Wagnis, das immer noch genauso gefährlich ist wie die Reise des rheinischen Ritters. Man schreibt zwar historisch den Beginn einer ‘frühen Neuzeit’, aber der Dreißigjährige Krieg ist gerade erst zu Ende gegangen, Europa von inneren und äußeren Machtkämpfen zerrissen, die Wege zwischen Friesheim, Rom und Santiago sind alles andere als sicher.

Wer hat dieses Kreuz aufstellen lassen? Waren es Mitpilger? Waren es Angehörige, denen irgend jemand die Kunde von seinem Tod überbracht hatte? Auch hierüber kann man letztlich nur spekulieren.

Rätselhaft zunächst scheint auch der Ort seines Todes ‘zwischen Rohm und St. Jacob zu Melesinen’. Wie ist dieses ‘zwischen’ gemeint? Ist es eine lokale Präposition oder eine temporale, würde dann also bedeuten: er ist gestorben, als er nach Rom und Santiago unterwegs war. Ist dieses ‘zwischen’ eine lokale Angabe, so kommt man zunächst auf den Gedanken, dass er auf dem Weg von Rom nach Santiago ‘entschlafen’ ist. Das hieße, er ist zwar in Rom, aber nicht in Santiago angekommen. Bei dem Ort ‘Melesinen’ mag man zunächst an jenes Malcesine denken, das insbesondere auch aus Goethes Italienischer Reise bekannt ist. Es liegt am östlichen Ufer des Gardasees und damit allerdings auf einer Route, die Baur von Rom aus auf dem Weg nach Spanien kaum genommen haben wird. Es wäre ein schwer zu erklärender Umweg. Zudem müsste man unterstellen, dass derjenige oder diejenigen, die den Ort des Todes überliefert haben, Malcesine zu Melesine umgeformt hätten.

Es ist die verdienstvolle Arbeit von Horst und Wiltrud Bursch, den Autoren des Buches ‘Santiago liegt bei Bonn’ (Verlag Divossen, Bonn), die überzeugendste These zu dem Ort Melesinen aufgestellt zu haben. Gemeint wäre demnach das französische Lusignan, das in der Nähe von Poitiers liegt. Somit ergäbe auch dieses ‘zwischen’ als lokale Angabe einen Sinn, denn Lusignan liegt, denkt man sich eine Ost-West-Achse, die Rom und Santiago verbindet, zwischen diesen beiden Orten, allerdings nördlich verschoben. Die Präposition ‘zwischen’ macht sowohl als lokale wie auch als temporale Angabe Sinn. Bertram Baur wird also tatsächlich, wie die beiden Autoren vermuten, auf dem Heimweg gestorben sein. Lusignan liegt an der Via Turonensis und hatte ein Jakobushospital. ‘Wir können davon ausgehen, dass Bertram Baur auf dem Hospitalsfriedhof von Lusignan beigesetzt wurde’, heißt es in dem Buch ‘Santiago liegt bei Bonn’ (S. 60).

Dass Lusignan mit dem Sagenstoff der ‘schönen Melusine’ aufs Engste verbunden ist, wird von den Autoren überzeugend dargelegt. So wurde der Ort in früherer Zeit auch ‘Melusine(s)’ oder ‘Melusine(n)’ genannt.

Als Sagen-, Märchen- und Mythenstoff war und ist die Geschichte von der schönen Melusine europaweit bekannt. Selbst Goethe kam nicht umhin, den Stoff in seinem ‘Wilhelm Meister’ zu verarbeiten, wenn auch auf seine ganz eigene Weise. Die Adaptionen des Melusinenstoffes sind Legion, sei es in der Literatur, der Malerei oder Musik. Hier etwa und nur als eines der Beispiele Felix Mendelssohns Ouvertüre ‘Die schöne Melusine’.

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Der Bruch des Tabus: Illustration aus ‘Le livre de Mélusine’,
Jean d'Arras, 1478. (Quelle: Wikipedia)

Die Geschichte selbst handelt vom sogenannten ‘Betrachtungstabu’. Ein Ritter vermählt sich mit einem schönen, geheimnisvollen Weib und bekommt zur Auflage, sie an einem Tag der Woche nicht sehen zu dürfen. An diesem Tag badet sie. Solange der Ritter sich an das Tabu hält, geht es ihm gut und er kommt zu Reichtum und Wohlstand. Aber da im Laufe der Zeit die Neugierde und auch der Argwohn überwiegen, kommt es schließlich doch zu der verhängnisvollen Beobachtung. Der Ritter entdeckt, dass die badende Melusine halb Weib, halb Schlange ist. Melusine entschwindet. Von nun an geht’s in der Regel bergab. So weit und in aller Kürze zu der Geschichte, die natürlich auch zahllose Varianten hat.

Den ersten Melusinen-Roman in Prosaform schrieb 1478 Jean d’Arras. Es ist eine Auftragsarbeit des Herzogs von Berry, des Bruders des französischen Königs Karl V. Gerade in Frankreich ist die Melusinengeschichte sehr populär. Insbesondere die Herren von Lousignan legten Wert darauf, mit dieser Geschichte ahnenmäßig verbunden zu sein. Sie sollen sogar ein Wappen mit dem ‘Schlangenweib’ geführt haben. Die Einwohner Lusignans werden bis heute Mélusins bzw. Mélusines genannt.

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Burg Lusignan - Über dem rechten Turm schwebt Melusine in dieser Illustration
als geflügelte, goldene Schlange. (Quelle: Wikipedia)

Lousignan oder Melesinen war damals ein bekannter Ort, so dass man sich mit der knappen Angabe auf dem Friesheimer Gedenkreuz begnügen konnte, also nicht etwa schreiben musste ‘zu Melesinen in Frankreich’. Nach einer langen und gefährlichen Pilgerreise ist Bertram Baur nach der Ankunft in Rom und Santiago also aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Heimweg gestorben. Die Umstände liegen im Dunkeln der Geschichte und werden dort auch wohl bleiben. Und so ist das Friesheimer Gedenkkreuz anrührendes Zeugnis und Rätsel zugleich.

Literaturtipp: Horst und Wiltrud Bursch: ‘Santiago liegt bei Bonn - Auf den Spuren des Apostels Jakobus im Rheinland’,
Verlag Divossen, Bonn 2001

Bonn, 17. April 2009