Pilgergruppe-I-850

‚Der Weg ist das Ziel’
Von Coesfeld nach Santiago de Compostela
Pilgerbericht von Pfarrer Dieter Frintrop


 

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Pilgerstab mit Muschel, Hut und Kalebasse
in der Coesfelder Wohnung
Foto: R.S.

Von 1981 bis 1988 pilgerte Pfarrer Dieter Frintrop von der St. Jakobi Gemeinde in Coesfeld von Le Puy im Südosten Frankreichs nach Santiago de Compostela. 1991 und 1992 kam dann die Strecke Strecke zwischen Coesfeld und Le Puy hinzu. In 92 reinen Wandertagen hat er ca. 2500 Kilometer zurückgelegt und ist damit wahrscheinlich der erste Pastor in der 800jährigen Geschichte der Gemeinde, der den ganzen Jakobusweg zu Fuß zurückgelegt hat.

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Pfarrer Dieter Frintrop mit einem Bund Ähren für
den Pilgerstab seiner Jakobusstatue von 1700
Foto: R.S.

Pfarrer Frintrop, den ich im März in Coesfeld besuchte (Artikel vom 16.3.2008), danke ich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Pilgerberichtes. Der Bericht ist ein Auszug aus dem Festbuch ‚800 Jahre St. Jakobi’ und war 1995 erschienen. Pfarrer Frintrops Verdienste um die Gemeinde St. Jakobi und was er dort für die (Wieder)Belebung der Jakobusverehrung geleistet hat, kann man in dem Artikel ‚Zu Besuch bei Pfarrer Dieter Frintrop’ nachlesen. Hier sein Pilgerbericht, der in Le Puy mit der ‘via podiensis’ beginnt.

 

Im Frühjahr 1981 erfuhr ich, dass die ‚Jakobus-Bruderschaft Düsseldorf e.V.’ in den Sommerferien eine Pilgerwanderung von ca. 200 km auf einem alten Jakobus-Pilgerweg durch Frankreich plante. Sofort war mein Interesse dafür geweckt. Ich ahnte damals nicht, in welch großes Abenteuer ich mich damit stürzte! Von anfänglich 16 Interessenten blieben nur 3 ‚Pilger’ übrig, die dieses Abenteuer beginnen wollten: zwei Männer aus Köln und ich. Am 26. Juni starteten wir mit einem Camping-Bus in Richtung Frankreich, übernachteten in Dijon und erreichten am nächsten Tag unseren Startort Le Puy en Velay (Südost Frankreich). Hier war im Mittelalter ein wichtiger Sammelpunkt für Santiago-Pilger aus Deutschland und Italien. Unterwegs lernten wir uns näher kennen. Wenn auch die beiden Kölner zunächst mehr als Touristen diese Wanderung unternehmen wollten, waren wir uns bald einig: „Jakobus möge uns begleiten, helfend uns zur Seite sein!“ Wir wollten einmal zu erspüren versuchen: Was hat im Mittelalter die Menschen zu Hunderttausenden aufbrechen lassen aus dem hohen Norden Skandinaviens oder Vorder-Rußlands, aus Ungarn oder Deutschland, um zum Grab des Apostels Jakobus zu pilgern? Welchen Strapazen waren sie ausgesetzt? Nun, im Zeitalter eines vielgegliederten Verkehrsverbundes mit Flugzeug, Auto oder Eisenbahn ist das heute kaum noch nachzuempfinden. Wer als Pilger im Mittelalter zu dieser Reise ‚ans Ende der Welt’ aufbrach, war wenigstens 6-8 Monate unterwegs und konnte nicht einfach eine Etappe abbrechen, um sie in 1 oder 2 Jahren fortzusetzen, wie wir das geplant hatten. Viele Pilger waren den gewaltigen Strapazen nicht gewachsen und kamen um. Viele erlagen unterwegs einer Seuche. Vielleicht gewährte ihnen Trost in ihrer Todesnot der mittelalterliche Glaube, nach dem ein ‚Freund des Apostels Jakobus’ den Tod nicht zu fürchten brauche, da der Apostel ihn unmittelbar an den Thron Gottes geleitet. Es ist zu vermuten, dass aus dieser gläubigen Haltung heraus der Apostel Jakobus allgemein als Patron der Sterbenden verehrt wurde. In vielen mittelalterlichen Sterberegistern der Kirchengemeinden steht neben dem Namen eines Verstorbenen: „Bliff up Sünt Jakob’s Straoten“. Alle aber, die aufbrachen, hatten als Hauptmotiv: Wir tun, was wir sind! Wir sind „Pilger zwischen zwei Welten“. Nicht ‚Besitzen’ sondern ‚Aufbrechen’, ‚Loslassen’ war ihre Lebenseinstellung. Diese Erfahrung machten wir gleich an den ersten Tagen unserer Pilgerwanderung: je weniger Gepäck man zu tragen hat, umso besser kann man laufen. Ist das nicht auch eine Lebenserfahrung, wenn wir oft meinen, ‚alles haben zu müssen’?

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Michaels-Kapelle, Le Puy
Foto: iStockphoto.com/aprott

Zum Pflichtprogramm eines jeden Pilgers gehört bei einer Stadtbesichtigung von Le Puy der Aufstieg zur Michaels-Kapelle auf einem 86 m hohen, spitzen Felsen. In der berühmten Kathedrale begann mit einer hl. Messe vor der ‚Schwarzen Madonna’ unsere Pilgerschaft zum Grab des hl. Jakobus. Der erste Pilgertag konfrontierte uns gleich mit einem Problem: „Regen in Fülle!“ Dieser Regentag setzte meine Fotoausrüstung gleich am Beginn der Wanderung ‚außer Gefecht’. Neun Tage wanderten wir durch herrliche Gegenden, bergauf, bergab über Espalion und Estaing. Ein lustiges Erlebnis hatten wir in dem kleinen Ort Espeyrac: Zum Abendessen hatten wir uns im Restaurant ‚La Poste’ eingefunden, zusammen mit mehreren französischen Familien, die z.T. ihre Hunde mitgebracht hatten. Da betritt die kleine Tochter des Hauses mit einer Katze auf dem Arm den Speiseraum. Sofort bellten die Hunde, die Katze riß sich los und sprang in panischer Angst auf einen Stuhl und von dort auf unseren Tisch… mitten in die Schüssel mit Eier- und Tomatensalat. Pilger-Überraschung mit großem Gelächter!

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Landschaft im französischen Zentralmassiv
(hier La Causse Méjean en Lozere)
Foto: iStockphoto.com/macumazahn

Die erste Pilgeretappe auf der ‚Via Podiensis’ (von Le Puy bis zu den Pyrenäen) beendeten wir nach 9 Tagen in der Kathedrale von Conques, einem in einem engen Tal gelegenen kleinen Ort von wenigen hundert Einwohnern. Dieses Dorf war ein wichtiger Ort für die Jakobus-Pilger, konnten doch in der alten romanischen Kirche über 2000 Pilger gleichzeitig übernachten. Berühmt ist die Kathedrale aber besonders wegen des Tympanons (XII. Jhdt.), einem Torbogen-Relief mit der Darstellung des Letzten Gerichtes. Rund 200 km lagen hinter uns. Wir waren uns einig: Der ‚Einstieg’ war gelungen! Wir machen 1983 weiter! Es war uns auch klar: Nachempfinden, was Pilger früherer Jahrhunderte erlebt hatten, konnten wir nicht. An jedem Abend stand ein Hotel bereit, uns aufzunehmen und zu beköstigen. Im Notfall fanden wir irgendwo eine Telfonzelle, um evtl. notwendig werdende Hilfe anzufordern. An Sparkassen und Banken konnten wir uns unser Reisegeld ‚aufbessern’. Auch hatten wir den größten Teil unseres Gepäcks jeweils am Morgen mit unserem Bully an den Zielort unserer Tages-Etappe gefahren und fuhren mit einem Taxi zum Startpunkt zurück, oder wir holten am Abend auf ähnliche Weise unser Transport-Auto nach. So macht Pilgern keine allzu große Mühe.

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Conques
Foto: iStockphoto.com/JYB

Im Jahre 1983 machte ich mich wieder – wie 1981 beschlossen – auf die Pilgerwanderung. Diesmal führte uns unser Weg von Conques nach Moissac. Unsere Pilgergruppe bestand aus 12 Pilgerinnen und Pilgern, davon 5 aus Coesfeld. In der Kathedrale von Conques überreichte ich allen das Jakobus-Pilger-Kreuz. Unsre Gruppe wuchs schnell zu einer echten Gemeinschaft zusammen, in der Beten und Singen, Lachen und Schweigen, aber auch am Abend Essen und Trinken und die Freude nicht zu kurz kamen. Immer wieder machten wir die Lebenserfahrung: Wir gehen gemeinsam als Glaubende durch die Zeit. Jeder ist auf den anderen angewiesen mit seinen Fähigkeiten und Unvollkommenheiten. Der Weg ist das Ziel! Umwege und manchmal kleine Unstimmigkeiten gibt es nicht nur beim Wandern, sondern auch im Leben jedes Menschen. Überall begegneten uns unterwegs freundliche Menschen, die sich uns „beim Apostel empfahlen“. Das reife Obst entlang unseres Weges war als ‚Pilgernahrung’ immer begehrt. Täglich standen 25-32 km auf dem Programm, meistens in sommerlicher Hitze. Aber alle hielten durch. Die Hauptstationen waren Figeac und Cahors.

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Cahors, Pont Valentré
Foto: iStockphoto.com/ogen

Wir besuchten alle Kirchen und Kapellen am Weg. Sie waren kurze Raststätten zum Atemholen der Seele. Auf diesen Wegabschnitten waren nur wenige St. Jakobus-Spuren zu entdecken. Nach 10 Pilgertagen erreichten wir nach ca. 220 km das diesjährige Etappenziel: Moissac. Unsere große Enttäuschung: Die St. Jakobus-Kirche ist heute als Ausstellungshalle entsakralisiert. Von der berühmten Abtei-Kirche St. Peter ist nur noch das alte romanische Portal und der berühmte Kloster-Kreuzgang mit den 76 kunstvoll gestalteten Kapitellen sehenswert.

Wir verabredeten: „Und weiter geht’s 1985!“

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