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Begegnung in Gijón

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

 

Eine der Freuden des Jakobsweges ist es, dem stündlichen Stakkato der Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen entflohen zu sein und damit dem dort am häufigsten gehörten Wort ‚Krise’. Zumeist ist es die Eurokrise, mit der wir seit Jahren leben. In Gijón holte mich die Krise ein.

Es war in der Nähe des Palacio de los Valdés. Ein Mann spielte auf seiner Ziehharmonika Stücke der keltisch geprägten Música de Asturias. Vor ihm stand ein kleiner Karton. Leer. Passanten gingen achtlos vorüber. Er erinnerte mich an Grillparzers Novelle ‚Der arme Spielmann’. Wir blieben stehen, hörten uns eins der Stücke an. Ich legte einen Euro in den Karton. Da lächelte der Mann verschämt, hob entschuldigend die Schulter und sagte: „Dosde que existe el Euro se a reducido mi pensión por la mitad.“ – Der Euro hat mir die Rente halbiert.

Da war sie also wieder, die Krise. Und wieder kam Zorn hoch. Man hatte uns bei der Einführung des Euro feierlich versprochen, dass die gemeinsame Währung erstens dem Frieden diene und zweitens würden die Preise fair umgerechnet. Nichts davon erwies sich als wahr. Zornig war ich auch darüber, dass man uns entmündigt hatte und in einer so wichtigen Angelegenheit nicht wie in der Schweiz das Volk abstimmen ließ. Dabei bezeichnen wir uns als Demokratie. Was den Frieden betrifft, so hat der Euro mehr Frust, Zank und Armut gebracht und eben nicht die so blumig beschworene Harmonie. Ist etwa durch den Euro in Griechenland das Ansehen der Deutschen gestiegen oder die Freundlichkeit der Griechen ihnen gegenüber? Und mit den Preisen, das hat auch nicht gestimmt. Sie sind rasch davon galoppiert. Was man vorher für eine Mark bekam, kostete bald einen Euro. So dass der Spanier Recht hat. Man hatte ihm die Rente, mit der er zuvor knapp hinkam, halbiert. Jetzt musste er sich mit der Straßenmusik etwas dazuverdienen, und er hatte sich für etwas entschuldigt, für das er wie so viele nichts konnte.

Die Schere zwischen Reich und Arm hat sich auch in Spanien weiter geöffnet. Die Zahl der Bettler in den Städten hat sich vermehrt, und am Rande von Madrid ist mit 30 000 ‚Bewohnern’ Europas größter Slum entstanden. Hier landen die, deren Häuser zwangsgeräumt wurden. Nicolas Borns Wort vom ‘Zuwachskrampf’ fällt mir ein. Zuwachs für wen denn? Für den ‘armen Spielmann’ gewiss nicht. Und warum muss die Wirtschaft immer wachsen? Was soll dieses unsinnige Diktat, diese Spirale des Wahnsinns?

Der Euro trägt nichts zum Frieden und zur Verständigung bei. In dieser Hinsicht leistet der Jakobweg mehr.

Bonn, Mai 2013