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Jakobsweg Region Vogelsberg - Hainzell

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

abgelehnte Krone, St. Wendelin-Gemälde, Hainzell

 

abgelehnte Krone, St. Jodokus-Gemälde, Walberberg

Zwischen Kleinheiligkreuz und Blankenau trifft der Jakobspilger auf den Ort Hainzell mit seiner den Märtyrern Simplicius und Faustinus geweihten Kirche. Die katholische Kirche in Hainzell wird auch als ‚Dom des Vogelsberges’ bezeichnet. Für Pilger ist die Kirche, die tagsüber geöffnet ist, ein guter Ort zur Einkehr und hier lassen sich auch einige interessante Beobachtungen machen. So stößt man z. B. wiederum auf eine Darstellung der 14 Nothelfer, denen man in variantenreicher Zusammensetzung zuvor in Malkes (hier mit Jacobus Maior) und in der Schnepfenkapelle begegnet war, und diese Dichte der Verehrung wird kein Zufall sein, sondern ist gewiss ein Hinweis auf leidvolle Zeiten, in denen nicht nur ein einziger Schutzpatron und Helfer genügte, sondern gleich eine eindrucksvolle Schar zu Hilfe gerufen wurde.
 

14 Nothelfer, Hainzell

Altar, Hainzell, auf seitlichen Konsolen
Faustinus und Simplicius in Ritterrüstung

Weiterhin mag ein Gemälde sehr interessant sein, das St. Wendelin in barocker Schäfertracht zeigt, einen Pilger und Königssohn irisch-keltischer Herkunft, der laut Legende bei seiner Rückkehr von einer Pilgerreise nach Rom in Trier blieb und in der Umgebung in franziskanischer Demut ein einfaches Hirtenamt annahm. Bei St. Wendelin zeigt sich eine interessante Parallele zu dem Pilgerpatron St. Jodokus (auch Jobst), der ab und zu mit Jakobus verwechselt wird. Jodokus wie auch Wendelin werden oft mit einer Krone zu ihren Füßen dargestellt. Dies ist ein Zeichen für abgelehnte, königliche Macht. Beide stammten aus königlichem Haus. Bei Wendelin handelt es sich in der Darstellung allerdings, auch wenn er wegen seiner Romreise ein Pilger war, nicht um einen Pilger-, sondern um einen Hirtenstab. Er ist u.a. Schutzpatron der Viehhirten.
 

St. Wendelin, Hainzell

St. Jodokus, Walberberg

Die Begegnung mit St. Wendelin in Hainzell mag zeigen, wie man immer wieder entlang des Weges auf Motive stößt, die zur Besinnung und Einkehr auffordern. Ich meine hier die niedergelegte und abgelehnte Krone als Symbol einer Macht, auf die verzichtet wird. Mit Absicht benutze ich den Begriff ‚franziskanische Demut’, auch wenn zwischen St. Wendelin und Franziskus nahezu 600 Jahre liegen. Die Richtung ist die gleiche. Beide hatten erkannt, dass es besser ist, Macht, Reichtum, Materialismus den Rücken zu kehren und anders zu wirken. Die Begegnung mit diesem zunächst unscheinbaren Motiv, mit dieser niedergelegten Krone als Zeichen einer Abkehr, scheint mir auch und gerade in der heutigen Zeit ein hochaktuelles Signal zu sein. Auch so etwas macht den Reiz des Jakobsweges Vogelsberg aus.

 

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Bonn, März 2012