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Vorläufer des Bänkelgesangs? Das jakobäische Galgen- und Hühnerwunder in Herchen

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Bänkelsänger
Bänkelsänger - Gemälde eines holländischen Malers aus dem 17. oder 18. Jahrhundert

In Herchen an der Sieg (Gemeinde Windeck) gibt es in der Kirche St. Peter einen Freskenzyklus von sechs Bildern zum sogenannten Galgen- und Hühnerwunder. Die Bilder stammen aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert und erzählen von der Wallfahrt einer Familie nach Santiago de Compostela. Es ist die Darstellung einer doppelten Mirakelerzählung, die mit dem sechsten Bild in einer ‘Moralstrophe’ endet und damit die fromme Moritat (moralité) abschließt. Der Zyklus gibt das sogenannte Galgenwunder wieder, dann nachfolgend das Hühnerwunder und endet mit der Bestrafung der Übeltäter. Die Geschichte in aller Kürze:

Hühnerwunder_Herchen_I

Eine Pilgerfamilie kehrt in einem Wirtshaus ein (Bild 1). Der Legende nach widersteht dort der Sohn der Familie den Nachstellungen der Wirtstochter. Der niederträchtige Wirtsvater, der sich anscheinend um die Mitgift betrogen sieht, versteckt einen Silberbecher im Gepäck der Pilger.

Hühnerwunder_Herchen_II

Der Sohn des Pilgerpaares wird angeklagt und an den Galgen gebracht (Bild 2).

Hühnerwunder_Herchen_III

Die Eltern setzen die Pilgerreise nach Santiago fort und beten dort beim Heiligen Jakob für ihren Sohn (Bild 3).

Hühnerwunder_Herchen_IV

Als die Eltern zum Ort des heimtückischen Geschehens zurückkehren, sehen sie, dass ihr Sohn, der am Galgen aufgeknüpft wurde, noch lebt. Der heilige Jakob hatte ihn gestützt und so die ganze Zeit am Leben gehalten. (Bild 4).

Hühnerwunder_Herchen_V

Die Eltern begeben sich zum Richter und erzählen von dem Wunder. Der Richter aber glaubt es erst, als ihm zwei gebratene Hühner aus dem Topf fliegen (Bild 5).

Hühnerwunder_Herchen_VI

Nun kommen der Wirt und seine Tochter an den Galgen (Bild 6).

Die in sechs Fresken erzählte Geschichte wird dem Mutmachen und der Tröstung gedient haben. „Habt keine Furcht! Jakobus ist mit euch!“ mag die eine Botschaft lauten. Die zweite, als das Pilgern noch sehr gefährlich war, dürfte Warnung und Abschreckung sein: „Vergreift euch nicht an Jakobspilgern! Die gerechte Strafe folgt auf dem Fuß.“ Das sechste Fresko ist sozusagen die Moralstrophe des Zyklus. „Und die Moral von der Geschicht, tu so was einem Pilger nicht!“ Zugleich spiegelt sich darin auch wieder das bekannte Sprichwort: “Wer einem eine Grube gräbt...”

Der Inhalt ist dramatisch und man mag ihn und auch die Art der Darstellung als einen stummen, bebilderten Vorläufer des im siebzehnten Jahrhunderts aufblühenden Bänkelsangs betrachten.

Noch bis ins 19. Jahrhundert zogen Bänkelsänger durch die Ortschaften, um auf dem Markt von Mord, Liebe, Merkwürdigkeiten und Wundern zu berichten. Der Bänkelsänger stand dabei auf einer Bank und zeigte auf eine Bildtafel, die die vorgetragene Moritat (moralité) anschaulich machte.

Zur Jakobuskirche in Gielsdorf und den Fresken zum Hühnerwunder siehe auch den Artikel ‘Winterwanderung zu den Gielsdorfer Fresken’ >>>

Bonn, August 2009