Pilgergruppe-I-850

Traum eines Jakobspilgers

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Heunenhof-Plausch 500
Bernd Koldewey im Gespräch mit einem Einwohner von Heunenhof
(im Hintergrund das besagte Anwesen)

Wäre ich die Strecke von Monreal nach Cochem doch etwas früher gegangen! Im Weiler Heunenhof begegne ich einem verpassten Traum. Seit nunmehr dreißig Jahren zitiere ich immer wieder Albert Einstein, der einmal gesagt hat, er wünsche sich, in Ruhe vertrotteln zu dürfen. In Heunenhof wäre das möglich gewesen. Das mit dem ‘Vertrotteln’ ist natürlich eine raffinierte Geschichte. Es besagt eher das Gegenteil: Dass man nämlich die Gnade hat, in naturbelassener Umgebung in Ruhe seinen Dingen nachzugehen. So und nicht anders hat das Einstein auch gemeint. Als Gegenteil von großstädterischer Verblödung, Ablenkung und Geschäftigkeit.

Heunenhof II 500

In Heunenhof treffe ich auf ein Anwesen, das verlassen ist. Etwas heruntergekommen, aber sehr idyllisch liegt es da. Groß ist es, bietet alles. Drei Gebäude und wilde Blumen. Und vor dem Haus eine Weide, wo mein Esel grasen könnte. Der kleine Hof ist wildromantisch. Ein zurückgesetzter Schuppen wäre ein treffliches Atelier. Fenster sind genug da. Und erst der Ausblick: über ein Tal, Wald, Weiden, Felder. Dicht vorm Auge eine kleine Kapelle mit einer Jakobusfigur.

Kaffeehuette 500
Kaffeehütte - hier ‘via podiensis’

Am Haus vorbei läuft der Jakobsweg. Natürlich würde ich vor dem Anwesen eine Hütte bauen, einen Tisch aufstellen, wo sich Pilger mit Kaffee oder Tee bedienen können. So war es auf der via podiensis. Das hatten wir immer mit großer Freude und Dankbarkeit wahr- und entgegengenommen.

Von abgeschiedener Einsamkeit in Heunenhof keine Spur. Von Ruhe ja. Im Winter sähe ich endlich mal wieder weißen Schnee statt grauen Matsch. Der Kamin würde brennen genauso wie die Sorge um zugefrorene Wasserleitungen. Die geräumige Scheune neben dem Haus würde komfortabel eingerichtet und zur Verfügung gestellt werden für Freunde und Freundinnen, die verstanden haben, was mit dem legendären ‘vertrotteln’ eigentlich gemeint ist. Heunenhof würde aus dem Schlaf gerissen und so manches andere auch.

Heunenhof III 500

Weiter würde ich in die Scheunenfassade eine Nische einbauen lassen mit einer Jakobusskulptur. Dafür würde ich sogar auf ein Auto verzichten. Brauche ich ja auch gar nicht. Denn mit dem Esel kann ich nach Kaisersesch wandern, um im Supermarkt für ein paar Wochen einzukaufen. Das treue Tier trägt mir alles.

Solche Träume sind teuer. So scheint es. Wir kommen ins Gespräch mit einem Einwohner Heunenhofs. Er wohnt direkt neben dem heruntergekommenen Anwesen. Man kann auch nur daneben wohnen. Heunenhof hat nur ein paar Häuser.

Er klärt uns auf: Dieses schöne Anwesen ist von einer trauernden Witwe, die den Ort nach dem Tod ihres Mannes unbedingt verlassen wollte, für sage und schreibe 6000 Euro verkauft worden.

Schade. Wäre ich nur etwas früher gegangen. Ich hätt’s sofort gemacht. Aber wandern wir doch ruhig weiter. Träume haben die verrückte Eigenschaft in Erfüllung gehen zu können.