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Bergischer Hexenbrunnen

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Fabelwesen am Odenthaler Hexenbrunnen

Wer auf deutschen Jakobswegen unterwegs ist, wird immer wieder auf ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte stoßen, für das nach bis heute geläufigem Vorurteil die Kirche verantwortlich sein soll. Gemeint sind die Hexenprozesse und –Verbrennungen, die weit bis in die Neuzeit reichten. Gerade auch die Bergische wie auch Oberbergische Region, wenn man auf Brüder-, Zeit- oder Heidenstraße pilgert oder den Weg von Wuppertal nach Köln geht, war davon betroffen. Gelegentlich wird in einzelnen Orten daran erinnert. So etwa in Friesenhagen an der roten Kapelle und dann besonders auch in Odenthal, das auf dem Jakobsweg von Wuppertal-Beyenburg nach Köln liegt.
 

Hexenbrunnen (Hexenkessel), Odenthal

Relief ‘heilkundige Frau’

Hier findet sich im historischen Ortskern, nur ein paar Meter von der romanischen Kirche St. Pankratius entfernt, ein Mahnmal, der so genannte Hexenbrunnen. Er hat die Form eines Kessels. Auf den Randreliefs wird der Mechanismus von Denunziation, Folter und Tod dargestellt.

Odenthal war besonders von Hexenverfolgungen betroffen, und so ist es eine mutige Tat, sich diesem dunklen Kapitel mit einem Mahnmal zu stellen. Nicht einverstanden mag man aber mit einer Passage der Erklärungstafel sein, eine Erklärung, die sich auch im Kirchenführer von St. Pankratius wiederholt.

„Fünf Fabelwesen tragen den Bronzekessel. Sie sind Sinnbilder für die im Dunkeln liegenden Ursachen und Auslöser fanatischer Verfolgungen und Pogrome.“

Im Kirchenführer heißt es: „Der Kessel wird von fünf namenlosen Fabelwesen getragen. Sie sind Sinnbilder dafür, dass man die Ursachen für Verfolgungen, Irrungen und Verwirrungen im Nachhinein nicht einmal mehr benennen kann.“
 

Relief, Denunziantentum

Relief, Inquisitor

 

Relief, Übergabe zur Folterung

Relief, Folterung

Doch. Man kann sie benennen. In erster Linie waren es Boshaftigkeit und Habgier. Denn wer jemanden als Hexe verleumdete, bekam nicht selten ein Drittel des Vermögens zugesprochen, zumindest aber zwei Gulden. Reichlich entlohnt wurde auch der Inquisitor des weltlichen (!) Gerichts. Die Gerichtsbarkeit lag in der Hand der Landesherren, die dem dumpfen Aberglauben, der Habgier und dem Denunziantentum des Volkes stattgaben. In Ländern wie Italien und Spanien, wo die katholische Kirche die Oberhand hatte, kam es selten zu Hexenverfolgungen. Und in Deutschland bekämpften gerade auch Leute der Kirche die absurden Prozessverfahren. Geständnisse wurden per Folter erzwungen. Überstand man (in der Mehrzahl waren es in dieser Region Frauen) die Folter, galt es als Beweis für einen Teufelspakt. Eine Verurteilung stand also von vorneherein fest.

Gleichwohl war die Kirche, die katholische wie die protestantische, in den Hexenwahn verwickelt. Luther und Calvin hatten Hexenpredigten gehalten, und auf katholischer Seite hatten einige Dominikaner dem Hexenwahn Vorschub geleistet. Ebenso spielte die kirchliche Inquisition, die sich ursprünglich gegen Irrlehren richtete und seit Thomas von Aquin vor allem disputatorisch orientiert war, später aber entgleiste, eine nicht unbedeutende Rolle.

Es ist eine äußerst komplexe Geschichte, die bei einem Minimum an Sachkenntnis nach wie vor von volksläufigen Vorurteilen beherrscht wird. Insbesondere dem, der katholischen Kirche einseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Tatsächlich aber ist es die Geschichte einer dumpfen, unchristlichen europäischen Massenhysterie. Die Fabelwesen des Odenthaler Brunnens verweisen nicht auf ein namenloses, irrationales Dunkel, sondern lassen sich sehr wohl benennen. Sie heißen Habgier, Neid, Verleumdung, Unwissen, Aberglauben, Boshaftigkeit und sind psychologische Phänomene, die sich gerade auch in Deutschland bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein fortsetzten. Und ob man beim Hexenbrunnen in neuzeitlicher Überheblichkeit überhaupt von Vergangenheit sprechen darf, sei dahin gestellt. Zumindest solange die ‘Fabelwesen’ Materialismus, Neid, Habgier, Argwohn, Verleumdung, Ausgrenzung immer noch eine Rolle spielen. Insofern ist der Odenthaler Hexenbrunnen ein Mahnmal, das nicht nur in die Vergangenheit zeigt.  

 

 

Bonn, März 2013