Pilgergruppe-I-850

Interview mit Eva Gruber, Autorin des Buches ‘Via de la Plata’

von Rüdiger Schneider, © Fotos: Eva Gruber

 


PorträtfotoEvaGruber_200


Zur Person: Eva Gruber, geb. 1963, Studium der Germanistik und Anglistik. Die ehemalige Archivarin im Gugginger Art-Brut-Center „Haus der Künstler“ und Leiterin der Abteilung für Presse und PR in den Verlagen Böhlau und Christian Brandstätter lebt als selbstständige Künstlerin und Autorin in Wien, Gloggnitz und auf Reisen. Zu den Reisezielen gehörten neben Europa unter anderem Neuseeland, Australien, Nicaragua, Kuba, Namibia, Marokko, Tunesien, Thailand, Vietnam und Burma. Seit 2002 hat sie weltweit etwa 600 landart-Projekte realisiert. 2008 erschien dazu das Buch „Ein Jahr am Fluss. Kreationen mit Natur, Licht und Zeit“ mit einem Vorwort von André Heller. Jakobspilgerin auf der Via de la Plata im Jahr 2009. 2010 erschien im Tyrolia-Verlag der Bild-Text-Band „Via de la Plata“. Es ist die erste deutschsprachige Publikation, die den Weg in Wort und Bild vorstellt (siehe hierzu unsere Buchempfehlung >>>).

 

RS: Frau Gruber, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur ‚Via de la Plata’. Was André Heller vor zwei Jahren zu Ihrem Buch „Ein Jahr am Fluss“ sagt, kann ich hier nur uneingeschränkt wiederholen: „Erste Klasse“. Es betrifft Bilder, Text und die überzeugende Einheit beider. Für „Ein Jahr am Fluss“ hatten Sie vergängliche Objekte und landschaftsgestaltende Bilder aus Schnee, Eis, Blumen, Blättern, Holz und Steinen gestaltet – als meditative Reise durch die Jahreszeiten und Einladung zur sinnlichen Wahrnehmung, wie es auf dem Einband des Buches heißt. Auch hier schon spielt der Text eine gewisse Rolle. Zugeschaltet ist er neben eigenen Kommentaren als Haiku oder als Zen-Gedicht. Der Fluss ist die Schwarza. Gewidmet ist das Buch dem Höllental, durch das die Schwarza fließt. Beim Lesen und Anschauen dieses Buches stellte sich bei mir spontan der Gedanke ein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen „Ein Jahr am Fluss“ und dem nachfolgenden Jakobsweg. Gibt es diese Affinität? 

cover_fluss_500

EG: Vielen herzlichen Dank für Ihre netten Worte und: Ich freue mich, dass Sie diesen Zusammenhang sehen! Ja, für mich ist das Jakobswegbuch ganz definitiv eine Fortsetzung des Flußbuches. Wenn ich mir anschaue, welche Phänomene an beiden Projekten für mich die Wichtigsten waren – sind es genau dieselben: die Natur, die Kreativität, die Zeit und die Stille.

Zuerst zur Natur: Meine Liebe zur Natur halte ich für das Beste an mir. Wäre ich Pfarrer, ich würde vermutlich lauter Feldgottesdienste halten. Als landartistin ist die Natur meine Kathedrale und ich gestalte hier und da einen Altar. Dabei ist mir die Natur zugleich Gestaltungsraum und –mittel; sie ist meine Mitspielerin, meine Lehrmeisterin und die Zerstörerin meiner Bildnisse. Auch als Pilgerin habe ich die Natur als den Erfahrungsraum und die Lehrmeisterin schlechthin erfahren: Ich bin verbunden mit allem. Die Wesen der Natur, Tiere und Pflanzen, zeigen mir ihr Eins-Sein mit allem vor und das beweist mir auch das Wetter, der ansteigende Weg, meine Körperlichkeit – ich bin mitnichten getrennt, sondern gehöre dazu zum großen Ganzen.

P1010602a_250
Abbildung aus ‘Ein Jahr am Fluss’ - © Eva Gruber

Die Kreativität: Ich möchte mir wichtige Dinge ausdrücken, etwas „tun“ und daher muss ich auch mit meiner Liebe zur Natur etwas „machen“. Das können landschaftsgestalterische Interventionen sein… Es kann aber auch „genügen“, eine Landschaft gehend zu durchreisen. Wobei der Segen des Gehens ein vielfacher ist – ich kann ihn gar nicht genug loben!! Der gestalterische Akt war auch bei dem Projekt parallel da – weil ich den Weg in vielen Tausend Fotos und in Texten dokumentiert habe und daheim dann an deren Formulierung und dem Buchlayout gearbeitet habe. Mir hätte nichts besser gefallen können als die Kombination des Gehens und der Wegdokumentation!

Die Zeit: Mir war bei meinen gestalterischen Arbeiten ganz wichtig, dass sie vergänglich sind – ein Lob des Augenblicks sollten sie sein und ihnen die Vergänglichkeit daher innewohnen. Stirb und Werde, das ist das Geheimnis. Beim Pilgern war das Erleben des Phänomens Zeit auch besonders intensiv: Weil jeder Schritt mit dem Jetzt verbindet – wer nicht auf ihn achtet, stolpert. Außerdem wird mir täglich, dauernd, vor Augen geführt, dass ich auf der Durchreise bin, in jeder Weise. Und die Fußreise zwingt zum Auffinden des eigenen Tempos – gegen alles andere rebelliert der Körper mit Schmerzen. Und: diese Reiseart ist so langsam – sie entschleunigt massiv und das tut so gut!

P1010052a_250
Abbildung aus ‘Ein Jahr am Fluss’, © Eva Gruber

Schließlich: die Stille: Sowohl die zwei Jahre des Gestaltens am Fluss als auch die Pilgerreise waren von einer großen meditativen Qualität. Der äußere Lärm schweigt und irgendwann wird’s auch in einem selbst still und man hört wieder was die Seele sagt, was einem wirklich wichtig ist im Leben.

Meine beiden Bücher reden sicher nicht dem „weiter, höher, schneller“ das Wort, sondern dem „tiefer, achtsamer, sensibler“. Und diesen schönen alten Weg der VÍA DE LA PLATA gehen war und ist für mich ein Schritt in diese Richtung. Ich danke dem Weg! Ihn gehen war für mich eine immens wertvolle Erfahrung! Sie hört nicht auf, immer neue, positive Auswirkungen auf mein Leben zu haben! Die Vía de la Plata halte ich nicht nur wegen ihrer großen landschaftlichen Schönheit, ihrer hervorragenden kulturellen Highlights und reichen Geschichte wegen für so empfehlenswert, sondern auch, weil der Pilger und die Pilgerin auf ihr tatsächlich zu Einkehr und Neu-Werden finden können - denn auf diesem Weg gibt es das dafür Nötige in Hülle und Fülle: Raum, Zeit und Stille!

16_Etappe7
Weite Felder unter einem weiten Himmel in der Tierra de Barros
zwischen Fuente de Cantos und Zafra,
© Eva Gruber

R.S.: Was hat Sie bewegt, nach Ihren Weltreisen auf den Jakobsweg zu gehen und dann nicht den traditionellen Camino Francés zu wählen, sondern die Via de la Plata?

E.G.: Ich bin auf früheren Spanienreisen immer wieder dem Pilgerstrom begegnet, der auf dem Camino Francés unterwegs war. Und das Bild war immens attraktiv – ich hatte bei dem Anblick regelmäßig heftige Sehnsucht, auch einmal richtig lang zu gehen, in die Stille und zu mir zu kommen. Aber: Es waren sehr viele Menschen unterwegs – zu viele für mich. Dann hat mein Lebensgefährte Christian Schneider vor einigen Jahren von der „Vía de la Plata“ erfahren und recherchiert über sie: Ein schöner, einsamer Weg, den schon die Römer befestigt haben – quer durch Spanien (vom Süden in den Norden), durch wunderbare Landschaften und mit hervorragenden kulturellen Highlights am Weg, wie Sevilla, Mérida, Cáceres, Salamanca, Zamora, Ourense – und: der Camino hat die nötige Infrastruktur - ist ausgestattet mit Herbergsnetz und Wegmarkierungen! Da war mir sofort klar: Das ist mein Weg! Weil ich auf dieser Reise wirklich „zu mir“ kommen wollte. Denn auf der Vía de la Plata gibt es neben den genannten Vorzügen das dafür Nötige in Hülle und Fülle: Raum, Zeit und Stille!

Pilgerpost1
Pilgerpost, © Eva Gruber

R.S.: Eine sehr schöne Aktion, die Sie in Ihrem Buch auch beschreiben, ist die ‚Pilgerpost’. Ich zitiere: „Seit meinem Start in Sevilla hinterlasse ich Pilgerkollegen und –kolleginnen für jede Etappe einen Satz eines Dichters, Denkers, Mystikers als allfälligen Wegbegleiter. Die Sätze sind auf handgeschöpftem Papier mit Blüten oder Blättern darin geschrieben, vor Nässe geschützt in Plastik verpackt, und flattern nun auf Masten, Zäunen, Bäumen längs des Weges.“ (S. 61) Darf man dies auch als ‚landart’ bezeichnen? Welche Intentionen stehen dahinter? Gab es Reaktionen auf diese Botschaften?

E.G.: Also ich empfand es als etwas Poetisches, dass auf 1000 Kilometern, zumindest immer wieder mal, der Gedanke eines Dichters, Denkers, Mystikers auf Bäumen, Zäunen, Brücken flattert. Mir hatte die Vorstellung davon gefallen und ich wollte das „sehen“. Es gefiel mir auch in der Realität. Ich habe mich meinen MitpilgerInnen am Weg verbunden gefühlt – schon bloß durch den Fakt, dass sie gerade ähnliche Erfahrungen wie ich machen – d.h. auch wenn ich ihnen nicht begegnete. Und sie waren ja auch präsent durch ihre Schuhabdrücke, ihre Zeichen im Sand, mit Zapfen, Ästen, Blumen. Ich wollte auch kommunizieren mit den Nachkommenden, auf meine Weise, und habe meinen MitpilgerInnen mit der „Pilgerpost“ ein Angebot gemacht: Vielleicht könnte ja dieser oder jener Satz ein willkommener Begleiter für den Tag sein. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob das zu aufdringlich ist, weil sich jeder so und so seine Gedanken macht, aber dann beruhigte ich mich – es ist ja auch leicht, das Ganze zu ignorieren. Und dann gab es mehrfach Reaktionen auf die „Pilgerpost“, die sehr wertschätzend waren. (Ich hatte meine Mailadresse auf den Botschaften hinterlassen, damit andere die Möglichkeit haben, sich an die „Verantwortliche“ zu wenden.) Nachfolgende Wanderer haben Tag für Tag richtig Ausschau nach ihr gehalten und sie wurde in Tagebüchern notiert, in Mails versandt, Fotos davon gingen in zig Länder….

58_Etappe28
Rosa Heidekraut überzieht eine Anhöhe nahe Tábara, © Eva Gruber

R.S.: Unterwegs zu sein ist auf der Basis einer heimatlichen Polung ein bedeutendes Motiv für Sie. Gibt es nach der Via de la Plata weitere Pläne, Wünsche, Träume?

E.G.: Meine Lebensträume umfassen zwei Pole: gehen/reisen und gestalterisch tätig sein. Reisen bleibt ein ganz großer Wunsch und ich schätze das Gehen so sehr! Wohin meine nächste Fußreise führt, weiss ich noch nicht, aber ich werde eine machen! Und mir ist das Kreative ungeheuer wichtig: Einerseits möchte ich unbedingt bildnerisch gestaltend sein – im Freien durch die Gestaltung heimischer oder „exotischer“ Naturlandschaften – und drinnen als Schöpferin von Naturobjekten und Zeichensätzen aus verschiedenen Materialien, die als wandelbares Gestaltungsspiel gedacht sind. Außerdem möchte ich mich schreibend ausdrücken, fotografieren, die Vía de la Plata in Lichtbildvorträgen vorstellen, Menschen auf dem Weg zurück zu ihrer Kreativität begleiten mittels landart-Seminaren… Es gibt viele Pläne, Träume, Visionen! Der Jakobsweg hat mir viel Kraft gegeben, diese verschiedenen Wege mit Energie zu beschreiten! Der Camino hat ein unglaubliches Echo in mir - so manche seiner Botschaften höre ich erst jetzt, ein Jahr danach. Ich bin neugierig, was noch kommt. Diesen Weg gegangen zu sein, ist für mich ein unglaublicher Schatz! Ich danke ihm!

Ich danke Ihnen, Herr Dr. Schneider und Ihren LeserInnen,

Buen Camino,

Eva Gruber
 

CoverVìaPlata_250

Eva Gruber: ‚Via de la Plata – Der Jakobsweg von Sevilla nach Santiago de Compostela’, Tyrolia Verlag, Innsbruck/Wien, gebundene Ausgabe, März 2010, 160 S.