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Norbert Ohler: ‘Pilgerstab und Jakobsmuschel - Wallfahren in Mittelalter und Neuzeit’

 

Wer die Geschichte des Pilger- und Wallfahrtswesen kennenlernen will, kommt an diesem Buch kaum vorbei. Spannend und mit profunden Kenntnissen wird das wechselvolle Schicksal dieses urmenschlichen Phänomens geschildert. Detailliert erfährt man, dass es Zeiten gab, in denen Pilgern und Wallfahren von der Obrigkeit verboten wurde; die Gründe hierfür werden erläutert und auch, warum man und wie man sich darüber hinwegsetzte. Es gab für das Pilgern blühende Zeiten und es gab rückläufige bzw. sogar Zeiten, in denen es ganz brachlag . Man erfährt von den Motiven der Pilger, wer sie waren und wie sie zu ihren Zielen aufbrachen und unter welchen Gefahren und Umständen sie ankamen. Von Unterkunft und Gastfreundschaft wird berichtet, von der Hilfe durch Bruderschaften, von den besonderen Vorbereitungen, die notwendig waren für einen langen, ungewissen Weg, von der Art des Reisens, von mittelalterlicher Frömmigkeit und von Vielem, Vielem mehr. Der mittelalterliche Pilger nach Santiago de Compostela etwa war in der Regel des Schreibens und Lesens unkundig und er hatte auch keine topographische Karte. Er wird nur gewusst haben: Es ist weit, sehr weit. Und die ungefähre Richtung wird ihm bekannt gewesen sein. Er war sehr auf mündliche Berichte und Informationen angewiesen. Die Pilgerstrecke war eine doppelte. Kam er in Santiago an, konnte er nicht wie wir heute in Bus, Zug oder Flugzeug steigen, sondern musste in der Regel den Rückweg wieder zu Fuß antreten.

Zum Schluss eine private Anmerkung: Ohlers Buch verstärkt bei mir erheblich den Verdacht, dass die zur Zeit vorliegende Karte der deutschen Jakobswege unvollständig ist. Ich möchte sogar behaupten, dass man den tatsächlichen Hauptweg noch nicht genügend in den Blick bekommen hat. Meines Erachtens ist diese Route in Deutschland die Rheinschiene gewesen. Die Gründe liegen auf der Hand.

Erstens sorgte der Rhein für eine zuverlässige geografische Orientierung. Zweitens lagen schon seit Römerzeiten (Rheintalstraße) gute Wege vor, die im Mittelalter für Heer-, Handels- und Königsstraßen benutzt wurden. Auch heute gibt es in den Orten am Rhein noch Straßenbezeichnungen, die diesen Namen tragen (Heerstraße, Königsstraße, Römerstraße). Drittens gab es an der Strecke zahlreiche Klöster, Hospize, Wallfahrtsorte, Jakobuskapellen, Kirchen mit Zeugnissen jakobäischer Verehrung. Viertens war die Rheinschiene mit ihren Wegen und Treidelpfaden stets eine lebhafte Handelsroute, so dass die Pilger nicht zu lange durch unbesiedelte Gebiete laufen mussten. Fünftens war es hier für ärmere Pilger immer möglich, sich für etwas Zehrgeld zu verdingen. Sechstens trafen sie hier andere Pilger, die von Santiago zurückkamen, konnten sich also mit überlebenswichtigen, frischen Informationen versorgen. Dass bei rückkehrenden Pilgern die Rheinschiene beliebt war, darf mit einiger Gewissheit vermutet werden. Man konnte mit dem Schiff stromabwärts reisen. Wer Santiago erreicht hatte, dem kam es darauf an, möglichst rasch wieder heimzukehren und sich keine ausgedehnte Bildungs- oder Abenteuerreise auf anderen Wegen zu noch unbekannten Orten zu gönnen, um nach modernem Verständnis und Bedürfnis den Bildungshorizont zu erweitern. Man ging wohl eher die Strecke zurück, die man gekommen war und die man einschätzen konnte. Warum sollte sich ein Pilger im Mittelalter von Köln oder Bonn unbedingt durch die Eifel schlagen, wenn der Rhein ihm alles bot, was er brauchte? Weiter kann, muss er aber nicht unbedingt Trier besuchen. Die Rheinschiene gibt ihm mit Mainz, Worms, Speyer und noch einigen weiteren Orten am Oberlauf des Stroms ebenfalls bedeutende Pilgerzentren. Alles in allem: Nach der Lektüre von Ohlers Buch, das sehr hilft, sich in mittelalterliches Pilgern und dessen Bedingungen hineinzuversetzen, kann es nach meiner Einschätzung nur zu einer Renaissance der Rheinschiene als Jakobsweg oder auch Weg der Jakobspilger kommen.

 

Norbert Ohler, Pilgerstab und Jakobsmuschel - Wallfahren in Mittelalter und Neuzeit. 272 S., 2. Auflage 2003