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Eine Tagesetappe auf dem Jakobsweg entlang der ‚kurzen Hessen’
Überraschende Jakobusspuren an einer alten Handelsstraße

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

zwischen Ober-Bessingen und Röthges

Weg bei Wetterfeld

 Die alte Handelsstraße Leipzig-Frankfurt wird bis zur Zeit der Reformation so manchen Jakobspilger gesehen haben, der sich zum sicheren Geleit dem Tross der Händler oder dem Zug eines Heeres angeschlossen hatte. Zwischen Eisenach und Frankfurt teilte sich eine Variante dieses Weges in die sogenannten ‚kurzen’ und ‚langen Hessen’. Die ‚langen Hessen’ liefen in einem zunächst nach Norden ausholenden Bogen ab Eisenach auf Frankfurt zu. Die ‚kurzen Hessen’ nahmen ab Eisenach den direkteren südwestlichen Weg. Zur raschen geographischen Orientierung: Die in diesem Artikel aufgeführte Gegend (Grünberg-Hungen) mit ihren überraschenden und kaum bzw. sogar unbekannten Jakobusspuren liegt etwa 20 Kilometer östlich von Gießen.
 

Marktplatz Grünberg

Weg bei Grünberg

Wir wollen uns zunächst den ‚kurzen Hessen’ zuwenden und hier zunächst auch nur einer Tagesetappe von etwa 20 bis 25 Kilometern (je nach Wegvariante). Auf ihrem wohl schönsten und an Jakobusspuren reichsten Abschnitt laufen die ‚kurzen Hessen’ durch die Region Vogelsberg. Und hier kann als besonders reizvoll der Abschnitt zwischen den Orten Grünberg und Hungen gelten.
 

Panorama bei Nonnenroth

Weg bei Wetterfeld

Als Jakobspilger könnte man zunächst vermuten, dass es hier keinerlei Jakobusspuren geben wird, da die gesamte Region vom damaligen Landesfürsten die lutherische Ausrichtung verordnet bekam und die alten katholischen Kirchen evangelisch wurden. Was zu bedeuten scheint: Wenn es schon nicht zu einem calvinistischen Bildersturm kam, dann doch wenigstens zu einer erheblich nüchterneren Ausstattung des Kirchenraumes. Auf Darstellungen, die Jacobus Maior als Pilgerapostel zeigen, wird man kaum treffen können. Und wenn das Pilgerherz z.B. mittelalterliche Fresken liebt, so scheint kaum Hoffnung zu bestehen, auf Spuren dieser Malerei zu stoßen. Was mittelalterliches Ambiente und mittelalterliche Frömmigkeit betrifft, so könnte man meinen, dass gerade dieser durch reformatorisches Gebiet laufende Weg nichts hergibt. Aber genau das Gegenteil ist zwischen Grünberg und Hungen der Fall.
 

Triptychon Hattenrod (Detail mit Jacobus Maior, links)

Jacobus Maior (links), Ettingshausen

Das wohl bedeutendste Zeugnis früherer Jakobusverehrung findet sich auf einem Altarbild, einem Triptychon, in der evangelischen Kirche in Hattenrod. Hier ist es eindeutig, welche besondere Verehrung dem Heiligen Jakobus zukam. Es ist ein Glücksfall, dass dieses in vorreformatorischer Zeit (um 1500) entstandene Bild erhalten geblieben ist. Stifter waren Graf Philipp von Solms und seine Frau Adriana, eine geborene Gräfin von Hanau. Die beiden sieht man auf dem mittleren Teil des Altarbildes zu Füßen des Kreuzes. Die Personen neben dem Kreuz sind Maria, Johannes, Antonius Abbas und eben Jacobus Maior. Dass man Jakobus mit aufgenommen hat, kann nur bedeuten, dass ihm als Schutzpatron der gräflichen Familie eine besondere Bedeutung zukam. Man darf davon ausgehen, dass Jakobus als Schutzpatron gerade auch in adligen Kreisen sehr beliebt war, hatte doch die berühmte Pilgerreise des Arnold von Harff (1496-1498) für entsprechendes Aufsehen gesorgt.
 

ev. Kirche, Nieder-Bessingen

ev.Kirche, Münster

Nur ein paar Kilometer weiter, in der evangelischen Kirche (1260 als Wehrkirche gebaut) von Ettingshausen, finden wir in einem barocken Bild Jacobus Maior im Pilgerornat auf einer Kanzel dargestellt, hier im Reigen mit den anderen Aposteln. Ein ähnliches barockes Bild finden wir nur ein paar Kilometer weiter südlich in der evangelischen Kirche von Nieder-Bessingen. Auch hier, wiederum im Reigen mit den anderen Aposteln, ist Jacobus Maior oder auch Jakobus der Ältere als Pilger dargestellt.
 

Jacobus Maior, Nieder-Bessingen

Fresko, Taufkapelle Münster (von l. nach r.:Hl. Katharina, Margareta, Barbara - im Volksmund ‘Die drei heiligen Madeln’)

Etwa einen Kilometer südlich von Ettingshausen dürfte sich die größte Überraschung finden. In der Taufkapelle der evangelischen Kirche Münster (spätgotische Hallenkirche mit romanischen Bauresten) findet sich ein Fresko mit Jacobus Maior, ausgestattet mit Hut und Pilgerstab. Die Muschel, wahrscheinlich am Hut, lässt sich wegen der Verwitterung nicht mehr erkennen. Es handelt sich bei diesem Fresko um eine wahrscheinlich spätmittelalterliche typische Jakobusdarstellung.
 

Jacobus Maior, Fresko Taufkapelle Münster

Jacobus Maior (?), Turmhalle, ev. Kirche Hungen

Drei Kilometer südwestlich von Münster liegt die evangelische Kirche von Ober-Bessingen (eine ehemalige Wallfahrtskapelle, spätgotischer Turm) mit ihren alten, teils gut zu erkennenden Fresken. Etwa drei Kilometer weiter südlich kommt man zur evangelischen Kirche von Nonnenroth, eine alte Wehrkirche (der massive Teil des Turms stammt aus dem 13. Jh.), die mit ihrer anmutigen, aber nicht schmucklosen Schlichtheit auffällt, und dann nach weiteren fünf Kilometern in südlicher Richtung gelangt man zur evangelischen Stadtkirche Hungen, wo, was mittelalterliche Fresken betrifft, ein Fresko hervorzuheben ist, das den Marientod darstellt. Es findet sich im Turmuntergeschoss, in der Turmhalle. Diese war früher der Altarraum der alten Kirche. Die Apostel, die Maria umgeben, sind mit Heiligenschein dargestellt, bis auf einen, am rechten Rand, der offensichtlich im Pilgerornat gezeigt wird. Statt Nimbus (Heiligenschein) sehen wir hier Hut und Pilgerstab. Es könnte sich um Jacobus Maior handeln. Wegen der starken Verwitterung der Wandmalerei darf dies jedoch zunächst nur mit einiger Vorsicht vermutet werden. Auf jeden Fall vermittelt das Fresko diesen Augenschein.
 

ev.Kirche Ober-Bessingen

ev. Kirche Nonnenroth

Was diese Etappe entlang der ‚kurzen Hessen’ betrifft sind noch zu erwähnen die evangelischen Kirchen in Wetterfeld und Röthges. Wetterfeld liegt zwei Kilometer östlich des Hessenbrückenhammers, wo es früher eine Furt über die Wetter gab. In dieser Kirche gibt es ebenfalls eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Darstellung des Jacobus Maior. Bei der Beschriftung des Bildes ist allerdings eine Verwechslung unterlaufen. ‚Jakobus der Jüngere’ steht darunter, was aber wegen der eindeutigen Ausstattung mit Muschel und Pilgerstab nicht stimmen kann. Jakobus der Jüngere wird nie mit Muschel, sondern meist mit einer Keule dargestellt. In der evangelischen Kirche von Röthges treffen wir wieder auf Jacobus Maior, hier allerdings als Jünger Jesu auf einer kleinen Kopie von Leonardo da Vincis berühmtem Abendmahl.
 

Jacobus Maior, ev.Kirche Wetterfeld

ev. Kirche Röthges

Die Kirchen in Hungen und Nonnenroth sind tagsüber geöffnet. Für die Wallfahrtskirche in Ober-Bessingen kann man im Haus nebenan den Schlüssel erhalten (nach Wissensstand von Oktober 2011). Auf einem Schild in Ortsnähe ist auch angegeben: Öffnungszeiten Sa und So 9-19 Uhr. Die Kirchen in Hattenrod, Ettingshausen, Münster, Nieder-Bessingen, Wetterfeld und Röthges sind nur zu Gottesdienstzeiten geöffnet. Hier müsste man sich an die Pfarrämter von Reiskirchen, Lich und Laubach wenden, um mit dem zuständigen Küster oder der Küsterin einen Termin zu vereinbaren. In der evangelischen Kirche in Grünberg sind keine Pilgerspuren mehr zu entdecken.Grünberg mit seinem ehemaligen Kloster wird aber früher so manchen Pilger beherbergt haben.
 

Fresko ‘Marientod’, ev.Kirche Hungen

Fürstenstuhl, ev. Kirche Hungen

Auf jeden Fall ist es nicht nur für den Wanderer, sondern auch für den Jakobspilger eine sehr schöne und sehr lohnende Tagesetappe, die zu jeder Jahreszeit ihre Reize hat, eben auch im Winter und hier besonders an klaren, sonnigen Tagen, wo man in der Nähe von Nonnenroth die Kuppel des schneebedeckten Hoherodskopf (764 m)sehen kann. Die Strecke führt auf leicht begehbaren Pfaden und Wegen teils durch Wald, meist zwischen weiten Feldern und Wiesen hindurch und hat mit den hier aufgeführten Orten ihre besonderen historischen Attraktionen. In Röthges wie auch in Nonnenroth trifft man übrigens auch auf Hinweise zum alten Handels- und Heerweg zwischen Leipzig und Frankfurt. In beiden Orten gibt es eine Heerstraße.

 Als Variante im Netz der deutschen Jakobswege sind die ‚kurzen Hessen’ noch nicht in den Blick geraten. Wegen ihrer landschaftlichen Schönheit und ihrer Historizität, bei der auch Jacobus Maior eine bedeutende Rolle spielt, verdienten sie es aber.
 

Anmerkung: Zur Orientierung sei folgende Karte empfohlen: ‚Vogelsberg Nördliche Wetterau’, Kompass Nr. 846. Diese Karte im Maßstab 1:50 000 verzeichnet alle Wege, so dass man sich die Etappe zwischen Grünberg und Hungen mit beliebigen Varianten vornehmen kann.
 

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Bonn, März 2012