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Jakobsweg an der Sieg

von Rüdiger Schneider (Text/Karte)

 

 

Der Ort Herchen (Gemeinde Windeck) am Unterlauf der Sieg scheint dem Jakobspilger Rätsel aufzugeben. Bei dem neu installierten Jakobsweg von Marburg über Siegen nach Köln (Brüderstraße) liegt er wie eine Insel abseits dieser nördlich der Sieg verlaufenden Route. Dabei befindet sich in Herchen mit den mittelalterlichen Fresken zum Hühnerwunder eins der bedeutendsten Zeugnisse jakobäischer Verehrung im Siegerländer Raum.

Meiner Einschätzung nach war man wieder einmal zu sehr auf Köln fixiert und hat für die Pilger nach Santiago de Compostela die Bedeutung von Siegburg, Bonn und dann die des weiterführenden Rheincaminos nach Koblenz, Mainz und Worms außer Acht gelassen. Nicht alle Wege laufen notwendigerweise über Köln. Pilger, die von Osten, Norden oder Nordost kamen, also zum Beispiel von den Sauerlandwegen, hatten die Möglichkeit die ‚Zeitstraße’ zu nehmen, die von Dortmund über die alte Hansestadt Breckerfeld (zugleich auch ein bedeutender Jakobsort – siehe hierzu den Artikel von Bernd Koldewey ‘Breckerfeld, das Tor zum Sauerland’) nach Siegburg und Bonn führte. Auf der ‚Zeitstraße’, einem Fernhandelsweg, der in Vergessenheit geraten ist, gingen im Mittelalter von Siegburg aus begehrte Tonwaren (‚Siegburger Schnellen’) in alle Himmelsrichtungen. Siegburg war im historischen Wegenetz ein bedeutender Knotenpunkt. Siegburger Steinzeug wurde nicht nur zu Lande transportiert, sondern mit flachen Kähnen auf der Sieg auch zum Rhein hin. Für diese Kähne und auch für Fischerboote mit flachem Boden war die Sieg von der Mündung bis nach Eitorf und das nur wenige Kilometer davon entfernte Herchen schiffbar.

Jakobspilger, die auf dem eingangs erwähnten Weg von Marburg über Siegen Richtung Köln unterwegs waren, also auf der sogenannten ‚Brüderstraße, hatten in Drabenderhöhe die Möglichkeit südlich nach Siegburg und Bonn zum Rheincamino hin abzubiegen, ohne den Umweg über Köln zu nehmen. In Drabenderhöhe kreuzte die Zeitstraße die Brüderstraße.

Mit diesem Weg über Siegburg ist natürlich noch nicht die scheinbare Isolation von Herchen erklärt. Aber Herchen ist am Unterlauf der Sieg nicht der einzige Ort mit jakobäischer Verehrung. Die Dichte der Spuren von Herchen bis zur Mündung der Sieg ist erstaunlich und macht die Annahme eines Pilgerweges entlang der Sieg bzw. entlang der Talkante von Herchen bis zumindest nach Siegburg zwingend notwendig. Wahrscheinlich handelte es sich dabei zugleich auch um eine der zahlreichen Eisenstraßen in der Siegener Montanregion. Siegener Roheisen sowie auch Eisenprodukte gingen von Siegen aus seit über zweitausend Jahren in alle Himmelsrichtungen.    

Die Stationen am Unterlauf der Sieg sind folgende: Herchen mit den Fresken zum Hühnerwunder, Kloster Merten mit der Aufnahmemöglichkeit für Pilger, der Wallfahrtsort Bödingen mit einem früheren Jakobusaltar, Seligenthal ebenfalls mit einem früheren Jakobusaltar und gleichfalls Siegburg mit einem früheren Jakobusaltar in der Kirche St. Servatius und natürlich als Wallfahrtsort zum Michaelsberg und zum Annoschrein. Zu den Orten siehe auch den Artikel ‘Durch das Siegtal nach Bonn’.

Auf der Zeitstraße im Abschnitt von Siegburg nach Bonn waren die Orte Vilich und Schwarzrheindorf von besonderer Bedeutung; der Wallfahrtsort Vilich (Adelheidisreliquien) mit dem ehemaligen Kloster und Schwarzrheindorf mit der Doppelkirche, in der Pilger übernachten konnten. Dass es bei Schwarzrheindorf eine Übersetzmöglichkeit über den Rhein gab, legt ein Pilgerrelief nahe (siehe hierzu ‘Ein Jakobus-Relief in Bonn’). Eine weitere Übersetzmöglichkeit gab es in Bonn-Beuel. Mit Bonn war dann ein bedeutender jakobäischer Ort erreicht (Pilgerhospital, früherer Jakobusaltar im Bonner Münster).

In Vilich lassen sich noch heute romanische Bauten bzw. deren Überbleibsel finden, so z.B. ein romanischer Torbogen in Nähe der auf das Mittelalter zurückgehenden Kirche St. Peter. Auffallend an der Außenmauer der Kirche auch eine Grabplatte mit drei Muscheln. Es ist die Grabplatte einer ehemaligen Äbtissin des Klosters (18.Jahrhundert). Das Kloster wurde 1804 im Zuge der Säkularisation aufgelöst.

Auffallend ist das Muschelsymbol auch in Bergheim in Nähe der Siegmündung. Hier ist es im Wappen der Fischerei-Bruderschaft zu Bergheim. Die Muscheln im Wappen gehen zurück auf die Ritter von Bergheim. Die Fischerei-Bruderschaft wurde 987 n. Chr. - in etwa zeitgleich mit dem Vilicher Frauenkloster – gegründet. Die Fischer fuhren mit ihren Booten siegabwärts bis zur Rheinmündung und auch auf den Rhein hinaus bis hin zum linksrheinischen Graurheindorf. Zu dem ehemaligen Kloster und der Jakobusfigur in der Graurheindorfer Kirche St. Margaretha siehe auch den Artikel ‘Graurheindorf - Jakobusfigur und Rheinübergang’. Es ist davon auszugehen, dass Jakobspilger die Möglichkeit nutzten, ab Siegburg auch per Schiff zur Siegmündung und in das gegenüberliegende Graurheindorf zu gelangen. Gute Übersetzmöglichkeiten bot auch die damals im Rhein liegende Pfaffeninsel. Das Mündungsdelta selbst wie auch das Ufergelände der Sieg wird versumpft und zu Fuß unzugänglich gewesen sein. So war also die Schiffbarkeit der Sieg für die Pilger eine gute Möglichkeit. Mittelalterliche Pilger sind nicht nur zu Fuß gegangen, sondern es war jede Gelegenheit willkommen, sich dem Ziel Santiago de Compostela zu nähern. Für die weite und gefahrvolle Strecke galt nicht der Spruch ‚Der Weg ist das Ziel’, sondern es kam darauf an, das Ziel zu erreichen, nicht nur zu Fuß.

Die oben stehende Skizze veranschaulicht die möglichen Wege der mittelalterlichen Jakobspilger. Wobei, wie erwähnt, nicht alle Wege nach Köln führen mussten. Die nördlich der Sieg verlaufende Brüderstraße wird vor allem für Köln- und Aachenpilger von Bedeutung gewesen sein, weniger aber für Jakobspilger. So fallen auch die Zeugnisse vergangener jakobäischer Verehrung auf der Brüderstraße zwischen Siegen und Köln, verglichen mit dem Abschnitt Herchen-Siegburg, recht spärlich aus (Römershagen und Overath). Die Brüderstraße ist als Pilgerroute im Dokument eines Aachen- und nicht eines Santiagopilgers nachgewiesen, und zwar in dem Bericht des Hildesheimers Henni Brandis, der mit seiner Reitertruppe nach Aachen unterwegs war. Jakobspilger, die auf einer Ost-West-Achse nach Siegen gelangten, werden sich vermutlich eher für die Route nach Siegburg und Bonn und dort für den Anschluss an den Rheincamino entschieden haben. So legen das die Zeugnisse jakobäischer Verehrung zwischen Herchen und Siegburg nahe.

Die Namensherleitungen für Brüder- und Zeitstraße (manchmal auch noch Zeithstraße geschrieben) sind ungeklärt. Nach dem Durchblättern des Grimmschen Wörterbuches kann ich für die Zeitstraße als Spekulation nur die Verbindung mit dem lateinischen ‚tempus’ (Zeit) anbieten, im Deutschen noch als ‚Tempo’ bekannt. Wonach die Zeitstraße also eine ‚Schnellstraße’, eine schnelle, ziemlich geradlinig verlaufende Route nach Nordost gewesen sein könnte.

Die Informationen zur Zeitstraße entnehme ich dem Buch ‚Vergessene Wege’ von Herbert Nicke. Ein reichhaltiges, ausgezeichnetes Werk, um die vernetzten Wege und Knotenpunkte kennenzulernen. Die Informationen zu den früheren Jakobusaltären in Bödingen, Seligenthal und Siegburg sind aus dem Buch ‚Santiago liegt bei Bonn’ von Horst und Wiltrud Bursch. Bursch weist auch auf eine Furt bei Herchen hin: “Tatsächlich entstand der Ort Herchen an einer Furt über die Sieg, wo sich zwei Fernstraßen vereinigten, was die Ansiedlung schon früh zu einem kirchlichen Mittelpunkt werden ließ. Eine dieser Straßen, wenn nicht gar beide, können wir uns als Pilgerwege gut vorstellen.” (S.40) Möglich, dass es sich bei diesen von Bursch erwähnten Fernwegen um Verbindungen nach Limburg, Wetzlar, Gießen, aber auch Frankfurt handelte. Und gut vorstellbar, ja sogar naheliegend ist auch eine Verbindung von Herchen nach Drabenderhöhe, dem Knotenpunkt von Brüder- und Zeitstraße.

Für heutige Jakobspilger ist der Weg entlang der Sieg von Herchen bis zur Mündung sehr schön zu erwandern. Man passiert dabei die oben genannten Orte der Jakobusverehrung und kann in Nähe der Siegmündung mit der Fähre übersetzen nach Graurheindorf. Von hier geht es ein paar Kilometer den Rhein entlang nach Bonn, wo man auch heute noch auf die Spuren der Jakobusverehrung trifft. Mit der Strecke den Unterlauf der Sieg entlang dürfte man gewiss auch den Spuren der mittelalterlichen Jakobspilger gefolgt sein.

 

Bonn, November 2012