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Auf dem Jakobsweg in der Region Vogelsberg -
Eine Etappe von Schotten nach Hungen

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Ankunft, evangelische Stadtkirche Hungen

unterwegs von Schotten nach Hungen

Pilger, die mit dem Zelt unterwegs sind, warten darauf, dass der deutsche Winter endlich vorbei ist. Und so sind wir (Bernd Koldewey und ich) froh, als Anfang März die Temperaturen wieder etwas steigen. Für den Auftakt der Saison und den ersten Einstieg in das Vagabundenleben wählen wir eine Etappe in Oberhessen, die meist durch Wald führt, aber gelegentlich auch weite Ausblicke auf das Panorama der Region Vogelsberg bietet. Der Weg von Schotten nach Hungen ist auf der Karte mit dem europäischen Wegezeichen markiert und dieses Zeichen, gelbe Muschel auf blauem Grund, geleitet einen dann auch meistens sicher auf dem etwa 25 Kilometer langen Weg, den wir mit einem kleinen Umweg über Stornfels nehmen.
 

Liebfrauenkirche, Schotten

mittelalterliche Steinskulptur, Liebfrauenkirche, Schotten

Startpunkt ist die evangelische Liebfrauenkirche in Schotten, die für Besichtigungen aber leider nur von Ostern bis Ende Oktober (15.30 – 16.30 Uhr) geöffnet ist und natürlich zu Zeiten des Gottesdienstes. Man kann jedoch mit dem Pfarramt auch in der Winterzeit Besichtigungen vereinbaren. Die spätgotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert war früher eine Wallfahrtskirche.
 


Tympanon, Portal Liebfrauenkirche, Schotten


Orgel, Liebfrauenkirche, Schotten

Am berühmtesten ist der Schottener Flügelaltar mit seiner spätgotischen Malerei. Er ist im 14. Jahrhundert entstanden. Der Maler ist unbekannt. Man vermutet jedoch, dass er, auch als ‚Schottenmeister’ bezeichnet, aus Prag stammt. Auf der Innenseite sind in acht Bildpaaren Szenen aus dem Leben von Maria und Jesus dargestellt. Auf der Außenseite finden wir vier Bildpaare, die die Passion, Kreuzigung und Auferstehung zeigen. Auf dieser Außenseite, und zwar in der Ölbergszene, ist auch Jacobus Maior mit dabei, allerdings nicht als Pilgerapostel, sondern als Jünger Jesu, zusammen mit Petrus und Johannes. Als Jünger Jesu findet er sich auch auf der Innenseite des Flügelaltars, und zwar in der Szene, die den Marientod darstellt.
 

Flügelaltar, Liebfrauenkirche, Schotten

Flügelaltar, mittlerer Teil, Liebfrauenkirche, Schotten

Flügelaltar, ‘Marientod’, Liebfrauenkirche, Schotten

Flügelaltar, Ölbergszene mit Jacobus Maior

Am späten Nachmittag, endlich wieder einmal bei Sonne und angenehmeren Temperaturen (etwa 14 Grad), nehmen wir den südwestlichen Weg, der bald, westlich verlaufend, in die Waldlandschaft führt. Es ist zugleich auch der E3 (Europäischer Wanderweg). Wir brechen spät auf, weil wir endlich einmal wieder in der freien Natur schlafen wollen. Man könnte die Etappe natürlich auch an einem Tag schaffen, aber wir wollen ja eine Nacht im Zelt verbringen.
 

Fachwerk, historische Altstadt, Schotten

Fachwerk, historische Altstadt, Schotten

In der beginnenden Abenddämmerung, die Temperaturen sind jetzt erheblich gesunken, bauen wir am Rande einer weiten Lichtung – ein paar Kilometer vor Stornfels – das Zelt auf. In Schotten haben wir uns mit Proviant versorgt. Ein Fläschchen Wein gehört zum zünftigen Pilgern mit dazu. Und so stehen wir am Abend mit einem Becher vor dem Zelt, hören galicische Musik, die auf Bernds Handy gespeichert ist. Die ersten Sterne ziehen herauf, die Nacht wird von einem vollen Mond, der gelegentlich hinter einer Wolkenbank verschwindet, in ein geheimnisvolles Licht getaucht, das immer noch die Silhouette der Waldkette erkennen lässt. Vor uns liegt eine Wiese, die von Wildschweinen umgepflügt worden ist. Wir hoffen, dass sie uns keinen Besuch abstatten werden. Einmal rauscht ein Zug von Wildgänsen über unseren Köpfen hinweg, ein Fuchs bellt heiser, und aus dem Wald tönen die dunklen Rufe von Eulen. Die Nacht lebt, und wir tun es auch. Wein und galicische Musik lassen die aufkommende Kälte vergessen, und wir beginnen wie immer bei solchen Gelegenheiten zu philosophieren. Meist über das Pilgern, dieses Mal auch über die Kunst, über die Musik, die unmittelbar das Gefühl anspricht. Wie ist das bei der Malerei und wie ist das bei der Sprache, der Dichtung? Sind sie nicht der Musik unterlegen? Darf man überhaupt vergleichen? Ist die Dichtung gegenüber der Musik nicht hoffnungslos im Nachteil? Weil sie (scheinbar?) den Umweg über den Intellekt nimmt, während die Musik den direkten Zugang findet? Ein Satz aus einem Roman von Carlos Ruiz Zafón (‚Das Spiel des Engels’) fällt mir ein. ‚Sanft klingen die Glocken von Santa María del Mar.’ Kommt hier die Sprache, rhythmisch geformt, nicht an die Musik heran?
 

Zeltaufbau am Abend

Kaffeekochen in der Morgendämmerung

So vergehen die Stunden bis Mitternacht. Endlich, nun doch frierend, begeben wir uns ins Zelt und schlüpfen in die Schlafsäcke. Die Nacht wird kälter, als wir gedacht hatten. Der Boden ist vom vorausgegangenen strengen Frost immer noch empfindlich kalt. Es wird ein unruhiger Schlaf, wo weniger geschnarcht als vielmehr mit den Zähnen geklappert wird. Wir sehnen den Morgen herbei und kriechen dann auch mit dem ersten Streif der Dämmerung aus dem Zelt. In einer kleinen Pfütze, ein paar Meter neben dem Zelt, haben sich auf der Oberfläche des Wassers hauchdünne Eisscheiben gebildet. Die Temperatur war also unter den Gefrierpunkt gefallen. Ein starker Kaffee - nach unserer alten Methode verwenden wir zum Wasserkochen Grillanzünder und eine Bierdose - weckt wieder die Lebensgeister. Um sieben in der Früh brechen wir auf und sind froh, wieder Bewegung zu haben. Der Himmel ist bedeckt. Mehr als vier oder fünf Grad sind es nicht. Aber wenigstens taucht in den Wolkenlücken ab und zu die Sonne auf. Am Rand einer Lichtung sehen wir auch die ersten Frühlingsboten, Schneeglöckchen und Krokusse. Offensichtlich ist jetzt auch die Zeit, in der die Spechte besonders aktiv sind. Ihr Stakkato, mit dem sie die Baumstämme bearbeiten, beherrscht den Wald. Dabei bemerken wir, dass jeder Stamm etwas anders klingt. Manchmal ergeben sich harmonische Folgen. Der Wald als Klangraum. Auch das ist ein Erlebnis.
 

erste Frühlingsboten



In der Höhe von Stornfels weichen wir vom E3 ab, suchen uns einen Pfad mitten durch den Wald, überqueren den Bach Ulfa und steigen dann zwischen Wiesen steil auf den Ort zu, der oben auf einem Basaltkegel liegt. Belohnt werden wir mit einem Panorama, das an die weiten Ausblicke des französischen Morvan erinnert. Die alte Stornfelser Kirche ist leider geschlossen, wie es so oft auf den deutschen Jakobswegen passiert. Eine rühmliche Ausnahme wird später die evangelische Stadtkirche in Hungen sein.
 

Pfad durch den Wald

Bernd Koldewey bei der Rast

Von Stornfels steigen wir wieder hinab ins Tal und wieder quer durch den Wald hoch auf den Jakobsweg, der sich zwischen Schotten und Hungen zumeist den Waldsaum entlang zieht. Auf etwa der Hälfte der Strecke gelangen wir zu einer Eiche, die als sogenannte Luthereiche beschildert ist. Martin Luther wird hier nicht vorbeigekommen sein. Auf seiner Reise nach Worms und auf dem Rückweg hat er die Route über die ‚kurzen Hessen’ (siehe Artikel „Eine Jakobsweg-Etappe auf den ‚kurzen Hessen’“) genommen. Wahrscheinlich ist der Baum zur 400-Jahresfeier der Reformation oder zu Luthers Geburtstagsjubiläum gepflanzt worden. Möglicherweise stammt die eingepflanzte Eichel von der Wittenberger Luthereiche.
 

Panorama bei Stornfels

Panorama bei Stornfels

Am späten Nachmittag erreichen wir Hungen und besuchen die evangelische Stadtkirche, deren ältester erhaltener Bauteil die Turmhalle aus dem 12. Jahrhundert ist. Hier finden sich im oberen Bogen Fresken aus dem späten Mittelalter. Der Marientod ist dargestellt. Gegenüber ein Fresko, das Johannes mit Buch und Lamm zeigt. Jakobus der Ältere wird auf der Wandmalerei (‚Marientod’) mit dabei sein. Möglicherweise ist er am rechten Rand des Freskos abgebildet. Im Gegensatz zu den anderen Aposteln trägt diese Figur einen Hut, und wenn das Auge sich nicht täuscht, ist sogar ein Pilgerstab zu erkennen. Es könnte sich also um das für Jacobus Maior typische Pilgerornat handeln. Aber wegen der starken Verwitterung des Freskos ist das mit einem Fragezeichen zu versehen.
 

Fresko ‘Marientod’, ev. Stadtkirche, Hungen

Fürstenstuhl, ev. Stadtkirche, Hungen

Fresko, Jacobus Maior (?), ev. Stadtkirche Hungen

Fresko, Johannes, ev. Stadtkirche Hungen

Die Etappe zwischen Schotten und Hungen verläuft, macht man nicht den Abstecher nach Stornfels, nur durch freie Natur. Wer mehr an kulturellen Höhepunkten, was schöne, alte Kirchen betrifft, interessiert ist, dem sei allerdings die noch nicht als Jakobsweg ausgewiesene Variante über Gonterskirchen, Laubach, Wetterfeld, Münster, Ober-Bessingen (hier eventuell auch ein kleiner Abstecher nach Nieder-Bessingen), Nonnenroth, Hungen empfohlen.

Zigarrenmännchen, Hungen, Markt

Sonnenuhr, Hungen, Schloss

Ab Wetterfeld bewegt man sich auf historischem Gelände. Hier verlief früher eine Variante des alten Handels- und Heerweges von Leipzig nach Frankfurt, genannt die ‚kurzen Hessen’. In der Wetterfelder evangelischen Kirche trifft man auf eine Jakobus-Darstellung (Jacobus Maior als Pilgerapostel) aus dem 18. Jahrhundert, in der evangelischen Kirche in Münster auf ein Fresko, das aller Wahrscheinlichkeit nach auch Jacobus Maior als Pilgerapostel zeigt, ebenso in der evangelischen Kirche in Nieder-Bessingen, wo er im Reigen der Apostel zu finden ist. In Ober-Bessingen sind in der evangelischen Kirche, einer alten Wallfahrtskapelle, mittelalterliche Fresken zu bewundern. Leider sind die Kirchen außer zu den Gottesdienstzeiten geschlossen. Man müsste mit der zuständigen Küsterin/dem Küster einen Termin vereinbaren. Die Telefonnummern lassen sich über die Pfarrämter (Laubach, Lich, Grünberg) erfragen.
Der Weg zwischen Schotten und Hungen ist meist zuverlässig mit dem Jakobswegzeichen markiert. Aber trotzdem empfiehlt sich eine Wanderkarte, z.B. Kompasskarte Nr. 846 (Nördliche Wetterau) im ausreichenden Maßstab 1:50 000. Von Hungen aus führt der Jakobsweg weiter nach Münzenberg. Der frühere Handelsweg Leipzig-Frankfurt verläuft in seiner Variante ‚kurze Hessen’ von Hungen aus weiter nach Friedberg. Wer, von Fulda oder noch weiter östlich kommend, auf Santiago zulaufen will, kann auch statt über Hungen zu gehen, die Ost-West-Achse Fulda-Wetzlar nehmen und dann auf dem Lahncamino und später auf dem Moselcamino nach Trier gelangen.
 

Jacobus Maior, Wetterfeld

Jacobus Maior, Nieder-Bessingen

Jacobus Maior, Fresko, Taufkapelle ev. Kirche Münster

ev. Kirche Laubach

ev. Kirche Nonnenroth

ev. Kirche Ober-Bessingen

 

 

ev. Kirche, Gonterskirchen (13. Jh.)

ev.Kirche, Gonterskirchen


siehe auch Artikel von Bernd Koldewey >>>

 


zur Übersichtsseite ‘Jakobsweg Region Vogelsberg’
>>>
 

 

Bonn, März 2012