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Die Geborgenheit der Kapelle

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)
 

 

 

Carmen-Kapelle vor Loriana

Blick in die Nacht

 

 

Als wir am späten Nachmittag von Oviedo aus aufbrechen, um uns endlich auf den Camino zu begeben, regnet es wie so oft in dieser Region. Das Zelt aufzubauen, würde kein Vergnügen sein, und die Herberge in Escamplero war für diese späte Stunde noch zu weit entfernt. Zudem hatten wir uns etwas verbummelt und in einer Bar in San Lázaro de Paniceres lange Kaffee getrunken und uns an einem trockenen Dach über unseren Köpfen erfreut. Da erreichten wir, als es schon dämmerte, eine kleine Kapelle mit einem Vorbau, die ‚Capilla de el Carmen’. Hatten nicht auch schon mittelalterliche Pilger in den Kirchen oder in ihren Vorhallen übernachtet? Warum sollte man diesen Brauch aufgeben? Also breiteten wir unsere Schlafsäcke auf dem Steinpflaster unter dem Vorbau auf, während draußen der Regen herunterrauschte.

Im Schutz der Kapelle fühlte ich mich geborgen, so als würde uns die Heiligenfigur im Inneren der Kapelle schützen wie überhaupt der ganze Ort. Ein irrationales Gefühl, eine Sicherheit, eine Gewissheit, die rational nicht zu begründen ist. Es gibt sie also, diese zwei Welten. Die eine ist unsere übliche rational-technische Vernunft, die wissenschaftlich begründete Welt der Erklärungen und Nachweisbarkeiten. Die andere lässt einen mehr nach innen horchen, beruht auf keinerlei Nachweisbarkeit, ist aber, traut man seinem Gefühl, anwesend. Die Abwesenheit dieses Gefühls ist unser ganzes Leiden, führt zu den Kompensationen durch Konsum, Unterhaltung und dem ganzen Betäubungsmechanismus der medialen Welt, was nichts anderes ist, wie es ein Bonner Psychiater in seinem Buchtitel formuliert, ein ‚Bluff!: Die Fälschung der Welt’.

Der Schlaf ist ruhig. Ab und zu blinzel ich nach draußen in die Dunkelheit, wo der Lichtkranz einer Laterne die Nacht erhellt.    

 

Bonn, Mai 2013