A-2-850

Rheinschiene K̦ln РBonn

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 
Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht)

Dass die Route entlang des Rheins im Mittelalter im Netz der deutschen Jakobswege der Hauptweg war, dafür gibt es eine ganze Reihe von Befunden und Argumenten (siehe Vorbemerkung zu einem Jakobsweg entlang der Rheinschiene >>>). In den deutschen Wegekarten ist das erstaunlicherweise jedoch nicht verzeichnet. Den linksrheinischen Weg von Bonn nach Mainz habe ich bereits ausprobiert (Ein Jakobsweg von Bonn nach Mainz >>>). Er ist gewiss eine der schönsten Routen. Wie aber ist das mit dem Abschnitt von Köln nach Bonn?

Der Blick auf die Karte scheint zunächst ein paar Probleme aufzuwerfen. Da ist der Bonner Hafen bei Graurheindorf und dann vor allem das Industriegebiet von Wesseling und Godorf. Den Bonner Hafen (in Wirklichkeit nur eine Kaimauer von ein paar hundert Metern zum Be- und Entladen) hat man in fünf Minuten umgangen. Das Industriegebiet von Wesseling und Godorf zieht sich jedoch etwa drei Kilometer hin. Hier kann man nicht am Rhein entlang gehen, sondern muss mitten durch eine gigantisch scheinende Industrielandschaft. Ein Hindernis? Nein! Der Gang durch die Wesselinger Industrie gehört zu den lebhaftesten Eindrücken dieser knapp vierzig Kilometer langen Etappe. Schön sieht es nicht aus. Aber man erlebt einen geradezu irren Kontrast zwischen der rheinischen Idylle vor und hinter dem Industriegebiet und eben dem Industriegebiet selbst, wo wie aus riesenhaften Bunsenbrennern Gase abgefackelt werden, der Autoverkehr braust und Pipelines und Tanks den Horizont beherrschen. Rührend am Rande von Wesseling ein kleiner Marienbildstock unmittelbar neben den hochragenden Kesseln der Petrochemie. „Maria hilf!“ steht auf dem Bildstock. Ist man durch das Industriegebiet hindurch, was etwa vierzig Minuten in Anspruch nimmt, ist man nachher umso dankbarer für die wieder gewonnene Ruhe am Rhein. Eine schöne Erfahrung also, die von diesem scharfen Kontrast zwischen Pilgerwelt und Industriemoloch lebt. Die Orientierung im Industriegebiet ist kein Problem. Für Radfahrer sind Richtungsschilder aufgestellt, und der Fußgänger bzw. der Pilger kann sich daran gut orientieren und neben dem Radweg auf einem eigenen Streifen dahinwandern.

Bis auf dieses Industrie-Intermezzo hat man ansonsten seine Ruhe in einer schönen Landschaft und geht unmittelbar am Rhein, dessen Landschaft hier zwar nicht so spektakulär und wildromantisch ist wie zwischen Koblenz und Bingen, die dafür aber den sanfteren, ruhigeren Charme des Flachlands hat. Und kulturell hat die Strecke auch einiges zu bieten. Da gibt es in einigen Ortschaften historische Kerne mit Fachwerkbauten und selbstverständlich auch Kirchen und Kapellen, von denen einige bis in die romanische Zeit zurückreichen. Ein besonderes Abenteuer der Reise am Rhein ist das Übersetzen mit der nostalgischen Minifähre von Weiß nach Zündorf, wo man nur kurz hinter dem Anleger auf ein malerisches Ambiente von Fachwerk und Kirche trifft und auf Informationstafeln die spannende Geschichte des Ortes nachlesen kann.

Was die Naturlandschaft betrifft, so bietet auch die Umgebung kurz hinter Rodenkirchen etwas Besonderes. Auf Sandpfaden kann man ein mangrovenartiges Gelände am Rheinufer durchstreifen und Fischreihern bei der ‚Arbeit’ zusehen. Auch die blühende Landschaft der Herseler Werth – ein unberührtes Schutzgebiet – ist ein besonderes Erlebnis.  

Wer das ruhige, entspannte Pilgern mit schönen Einkehrmöglichkeiten liebt, kommt entlang der gesamten Strecke auf seine Kosten. Restaurantflöße laden zu einem Tässchen Kaffee ein, und im romantischen Herseler Marienhof, einem Weingut, kann man den Tag mit einem Gläschen Burgunder ausklingen lassen. Ein echter Geheimtipp in einem historischen Ambiente von alten Gerätschaften, einer Sammlung von Takenplatten und einer liebevollen Garten bzw. Hofatmosphäre.

Selbstverständlich kann man auch unterwegs auf Jakobusdarstellungen treffen. Man startet etwa an der Jakobusskulptur des Kölner Doms (Petersportal). Wer noch nicht direkt zur Rheinpromenade möchte, kann auf einer Nord-Südachse parallel zum Rhein durch die Innenstadt zur Severinstraße gehen und die romanische Kirche St. Georg (ehemals St. Jakob) besuchen und dort ein Jakobusfenster besichtigen. Danach ginge es dann an der Severinsbrücke oder auch etwas später am Chlodwigplatz zum Rheinufer. Lohnend auf dem weiteren Weg ein Besuch von St. Jakob im rechtsrheinischen Lülsdorf. Per Fähre kann man von Wesseling aus übersetzen. Die Kirche hat gleich mehrere Jakobusdarstellungen zu bieten (siehe hierzu ‚Jakobsort Lülsdorf’ >>>). In Graurheindorf findet man eine weitere Jakobusfigur in der Kirche St. Margareta (siehe hierzu ‚Graurheindorf – Jakobusfigur und Rheinübergang’ >>>).  Ein Stück weiter auf Bonn zu, gegenüber Schwarzrheindorf und der Doppelkirche, gibt es ein Relief, das Jakobus als Beschützer der über den Rhein setzenden Pilger zeigt (siehe hierzu ‚Ein Jakobus-Relief in Bonn’ >>>). Und auch in Bonn selbst kann man dann wieder auf Darstellungen von Jacobus Maior treffen (siehe hierzu ‚Jakobsweg – Drehscheibe Bonn’ >>>). Zu ergänzen wäre das Bonner Ensemble noch durch eine bislang weitgehend unbekannte Darstellung auf einem dreiteiligen Altarbild (rechter Flügel vom Betrachter aus gesehen) der Nazarener in der Bonner Remigiuskirche (Brüderstraße, unweit des Münsters). Und im Rheinischen Landesmuseum gibt es mit der Figur ‚Pater Peregrinorum’ einen so genannten Schutzmantel-Jakobus, der allerdings ursprünglich aus Bremm an der Mosel stammt.

Wer die Strecke nicht an einem Tag gehen möchte, findet Übernachtungsmöglichkeiten etwa in Sürth oder in Wesseling. Was An- und Abreise betrifft, ist dieser Abschnitt der Rheinschiene von der U16 begleitet, die zwischen Köln und Bonn verkehrt mit Haltestationen in allen am Rhein liegenden Orten (etwa Hersel, Üdorf, Widdig, Urfeld, Wesseling, Sürth, Weiß, Rodenkirchen).

Fazit dieses Wegeabschnittes: ein sehr schönes landschaftliches und kulturelles Erlebnis mit ausgezeichneter Infrastruktur. Von Bonn aus mag es dann weiter entlang der Rheinschiene Richtung Mainz gehen, wo man auf einen ganz besonderen Ort jakobäischer Verehrung trifft.

Foto-Impressionen zum Abschnitt Köln-Bonn >>>     

 

Bonn, Juni 2012