A-2-850

Der Rheinabschnitt Köln-Zons

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht)

 

Die Rheinwege von Köln nach Bonn und natürlich auch zwischen Bonn und Mainz waren mir bekannt. Wie aber sieht es rheinabwärts mit dem ab Köln beginnenden Niederrhein aus? Als attraktiven Anlaufspunkt suchte ich mir das von Köln aus etwa 30 Kilometer entfernt liegende Zons aus, ein Ort mit mittelalterlichem Ambiente und als touristische Attraktion hinreichend besucht. Appetit auf diese Exkursion hatte ein Artikel gemacht, der in einer Zeitschrift des Kölner Erzbistums erschienen war. ‚Vorbei an Dom und  Dömchen’. Ein knapper Artikel, der den Charme und die Vorzüge der Strecke beschreibt. Mit ‚Dömchen’ war gemeint die alte Kirche St. Katharina. Der Artikel verschweigt aber, wie ich im Nachhinein weiß, einige Misslichkeiten.

Also starte ich an einem Sonntagmorgen von St. Kunibert in Köln. St. Kunibert liegt am Rhein. Eine Jakobswegstele steht vor der Kirche. Die Basilika (geöffnet sonntags ab 8.30) ist ein würdiger Startpunkt. Gegen neun bin ich auf der Strecke. Das Kölner Rheinpanorama ist imposant. Mit dem Blick nach vorne auf Bastei und Mülheimer Brücke und erst recht nach hinten mit Blick auf den Dom.

Danach mag die Strecke bis Niehl noch angehen. Auch wenn sich schon vor Niehl die Industrie mit einzelnen Betrieben und vor ihnen wartenden Trucks ankündigt. Den Niehler Hafen kann man am Rhein entlang umlaufen. Über das letzte Hafenbecken spannt sich eine Brücke. Von da an prägt Industrie das Bild. Versteckt und wie verloren liegt die romanische Kirche Alt St. Katharina, das ‘Niehler Dömchen’, am Rheindamm. Geschlossen leider. Als Kapelle des alten Fischerdorfes Niehl geht sie bis auf das 12. Jahrhundert zurück. Reich gewesen an Fresken.

Ford-Niehl, den Rhein verlierend, muss man bis Merkenich umlaufen. Nach etwa zwei Kilometern ist der Gang durch die Autowelt vollendet. Ab Merkenich hat man wieder den Rhein vor Augen. Rechtsrheinisch allerdings auch Bayer Leverkusen. Nun denn. Mit Rheinkassel und der romanischen Kirche St. Amandus taucht nach dem Niehler Dömchen ein zweites ‘Highlight’ auf. Aber auch diese Kirche ist geschlossen. Am Pfarrhaus verweist ein Zettel auf eine Terminabsprache für Besichtigungen mit der Pfarrei Worringen. Sie haben gute Gründe. Vandalismus. Zur Demonstration ist ein verkohltes Gästebuch ausgestellt. Einem Bild auf dem Zettel entnehme ich, dass sie in der Kirche offensichtlich auch eine Jakobus-Darstellung haben. Eine moderne wahrscheinlich. Denn die Jakobusfigur ist so, dass man erst weiß, dass es Jakobus sein soll, weil es darunter steht. Von wegen Muschel oder sonst ein ehrwürdiges Attribut. Künstlerisch wertvoll ist die Figur wahrscheinlich, weil sie den vom Zweifel zerrissenen Skeptizismus der Neuzeit darstellt. Und darüber hinaus aber auch andere, aufhorchen lassende Signale setzt. Schade auch, dass man hier nichts erfährt, warum die Kirche dem belgischen Heiligen St. Amandus geweiht ist. Es wäre eine spannende Geschichte. Vor allem auch weil die Schlange das Attribut dieses heiligen Einsiedlers ist. Amandus ist Lateinisch und heißt übersetzt ‘der zu Liebende’. Warum? Was sind die Hintergründe?

Ab Rheinkassel wird die Gegend schön. Ein Anhauch des Charmes des Niederrheins. Bis allerdings die Silhouette des Bayer-Werks Dormagen bei Worringen auftaucht. Das ist erträglich. Vor allem, weil man das Bayer-Werk auf knapp zwei Kilometern entlang der B9 umgehen kann. Zwei Kilometer sind akzeptabel.

Nachdem man die Bayer-Werke umgangen hat, wird der auf Zons zulaufende Weg richtig schön. Jetzt erst erfasst einen der Charme des Niederrheins. Weite Panoramen, Pappelalleen, Pfade durch gemähte Wiesen. Man muss unbedingt den Rheinbogen durchlaufen, statt abkürzend über Rheinfeld zu gehen. Und dann taucht die Silhouette von Zons auf. Ein mittelalterlicher Eindruck. Großartig. Allein dafür hat sich die Strecke gelohnt.

An einer Windmühle vorbei betrete ich den von Mauern umgebenen Ort. Nostalgie pur. Allerdings auch touristisch. Womit man Geld verdienen kann, das weiß man immer. Man verdient Geld mit Bedürfnissen, mit Sehnsüchten. Die gute alte Zeit.

Den letzten Bus zum Bahnhof nach Dormagen habe ich verpasst. Ich widerstehe der Versuchung, in einem Restaurant zu Abend zu tafeln und mir ein Taxi zum Bahnhof Dormagen zu bestellen. In der Abendsonne stiefel ich die fünf Kilometer nach Dormagen. Und dann sind es noch einmal drei bis zum außerhalb liegenden Bahnhof. Insgesamt, mit den Ortsbesichtigungen, habe ich an diesem Tag etwa vierzig Kilometer zurückgelegt. Aber sie sind mir seltsamerweise nicht in die Knochen gegangen. Also war die Strecke doch abwechslungsreich und spannend.

Mein Fazit für diese Route lautet: Als Pilgerweg nur zu empfehlen zwischen Rheinkassel und Zons. Von Köln bis Merkenich, zumindest schon etwas vor Köln Niehl,  prägt oder sagen wir doch ruhig verschandelt die Industrie das Bild (auf etwa acht Kilometern). Die Strecke von Rheinkassel bis Zons, hier nehmen wir die Bayer-Werke Dormagen als akzeptable Umgehung von knapp zwei Kilometern aus, ist schön. Als Rheincamino hat der Abschnitt von Zons nach Köln als moderne Jakobswegroute keine Chance, auch wenn Informationstafeln auf historische Treidelpfade verweisen. Der Weg ist mit etwa zehn Kilometern industriell zu sehr zerklüftet. Es hilft nicht, sich die Strecke journalistisch schön schreiben zu wollen. Sie ist so, wie sie ist. Voller Gegensätze und Abwechslung. Hässlich und schön. Ein klassisches Beispiel für die Vernichtung mittelalterlicher Pilgerstrecken durch den Moloch der Industrie. Gott sei Dank gibt es attraktivere Strecken am Rhein. Zumindest so lange sie das Siebengebirge nicht wegtragen, die Loreley verpflanzen oder den Strom als Überlandkanal begradigen.    
 

Fotoimpressionen zum Weg >>>

 

Bonn, Juli 2012