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Die Jakobskapelle in Lahnstein

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

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Tuffsteinrelief Jakobskapelle (Hospitalkapelle)

Als er 1774 im Wirtshaus an der Lahn absteigt und sich von der gegenüber liegenden Burg Lahneck zum Gedicht ‚Geistesgruß’ inspirieren lässt, wird er wohl kaum an Jakobspilger gedacht haben. Die Verse Mein halbes Leben stürmt’ ich fort, verdehnt die Hälft’ in Ruh’ – Und Du, Du Menschen Schifflein dort, Fahr immer, immer zu! wird er sich selbst ins Stammbuch geschrieben haben. Zwölf Jahre später bricht er auf zu seiner legendären Italienreise, nach Rom, als Pilger der Kunst und des Lebens, das ihn unter südlicher Sonne endlich wieder in die Arme nimmt.

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Jakobskapelle, Lahnstein

Die Rede ist natürlich, von wem sonst, von Goethe. Bei seinem Aufenthalt damals in Lahnstein wird er keinem Jakobspilger begegnet sein und auch die dem Jakobus geweihte Hospitalkapelle wird ihn wenig interessiert haben. Der Jakobsweg war lange schon im Niedergang, Santiago in der Krise, und es dauerte nach Goethes Besuch auch kaum drei Jahrzehnte, da war die Kapelle in Lahnstein umfunktioniert zu Lagerschuppen und Pferdestall und später dann zur Autogarage. Erst mit der Renaissance des Weges, Ende des 20. Jahrhunderts, besinnt man sich und setzt die Kapelle wieder in ihren ursprünglichen Rang.

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Jakobskapelle, Chorraum

So verfügt Lahnstein heute also über ein bemerkenswertes Kleinod am Jakobsweg, den der mittelalterliche Pilger, dem Lauf der Lahn folgend, über Lahnstein genommen haben wird. Hier gab es, wie auch im nur ein paar Kilometer entfernten Koblenz, ein Pilgerhospital mit einer dazu gehörenden Kapelle. Bei Ausgrabungen und der Restaurierung der um 1330 gebauten Jakobskapelle fand man denn auch das Grab eines unbekannten Pilgers, den man an der beigelegten Muschel als Wallfahrer erkannte.

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Jakobusfigur

Die schlichte Kapelle liegt versteckt am ‚Alten Marktplatz’. Man bemerkt den Eingang nicht sofort. Der Blick wird eher abgelenkt vom Marktbrunnen und dem alten Rathaus. Erst wenn man im Winkel der Hausfassaden das Tuffsteinrelief über der Eingangspforte sieht, weiß man, dass man einen jakobäischen Ort angetroffen hat. Auf dem Relief ist Jakobus als Patron der Pilger dargestellt. Geschaffen hat es 1984 der Bildhauer Hans Gerhard Biermann aus Maria Laach.

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Jakobsmuschel im Sockel der Skulptur

Die Eingangstür ist mit Pilgersymbolen verziert. Das Innere der Kapelle ist eher schlicht gehalten. Im Chor sind Reste von Fresken sichtbar, darunter auch Jakobus der Ältere. Als Skulptur aus rotem Veronamarmor (1.58 m groß, geschaffen von dem Kölner Bildhauer Johannes Hillebrand) beherrscht er den Chorraum. Im Sockel der Figur ruht die originale Jakobsmuschel, die man im Grab des Pilgers gefunden hatte. Eine Basaltplatte in der Mitte des Chors mit einer Muschelabbildung und der Inschrift ‚Grab eines unbekannten Jakobus-Pilgers’ erinnert zudem an den Santiago-Wallfahrer. In einer Vitrine links neben der Eingangstür sind Ausgrabungsfunde der alten Hospitalkapelle zu sehen. Hier befindet sich auch die Reproduktion eines Ablassbriefes von 1332.

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Relief ‘Hochzeit zu Kanaa’

Für Farbenfreude sorgen zwei neugotische Reliefs (‚Hochzeit zu Kanaa’ und ‚Heiliges Abendmahl’). Sie stammen aus der nahegelegenen Martinuskirche, ebenso wie ein barockes Altargemälde und zwei Engel. Ein dritter schwebt sozusagen durch den Raum und trägt den Kelch des Abendmahles.

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Jakobskapelle, schwebender Engel

Die Kapelle wird heute unter anderem auch für Eheschließungen benutzt. Sinnigerweise ist das Relief ‚Hochzeit zu Kanaa’ mit einer Muschel geschmückt. Wer sich nach der vollzogenen Trauung nicht sogleich ins bürgerliche Häuschen begeben will, dem wird an der Lahnmündung, unmittelbar neben der Johanniskirche, die Entfernung nach Santiago angezeigt. 2650 Kilometer.

Jakobsweg_Lahnstein

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Bonn, März 2010