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Von Lorch nach Rüdesheim – eine rechtsrheinische Etappe zwischen zwei Jakobsorten

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht)

 

Unmittelbar am Rheinufer entlang kann man die Strecke zwischen Lorch und Rüdesheim, es wären etwa zwölf Kilometer, nicht gehen. B42 und Eisenbahnlinie verhindern das. Die alten Treidelpfade gibt es nicht mehr. Als sehr schöne Alternative mit wunderbarem Panorama bietet sich bis ein paar Kilometer vor Assmannshausen der Weinwanderweg an, der in etwa hundert Metern Höhe durch die Weinberge verläuft. Der höher verlaufende Rheinsteig wartet mit ein paar exzentrischen Schleifen auf und der Rheinhöhenweg mit einem weit ausholenden Bogen. Am Campingplatz Steinberg jedoch muss man nach dem Weg durch die Weinberge hoch auf den Rheinsteig. Es geht bergauf durch Wald. Ein paar Kilometer danach macht der Rheinsteig seinem Namen als ‚Steig’ für eine kurze Strecke alle Ehre. Durch die Teufelskadrich geht es an einigen Stellen auf schmalem, felsigem Pfad, der jedoch an den engsten Stellen durch Geländer oder Drahtseile gesichert ist. Bei Regen, Schnee oder dichtem Nebel allerdings nur für himalayaerprobte Pilger zu empfehlen. Der Pfad ist mit feinem Felsschotter belegt, scharfe Kanten ragen hervor. Man muss auf jeden Tritt achten. Belohnt wird man auf dem breiteren Verlauf des Rheinsteigs mit spektakulären Höhenausblicken auf die Rheinlandschaft. Ein paar Kilometer vor Assmannshausen geht es wieder durch die Weinberge. Schönster Aussichtspunkt ist die ‚Rotweinlaube’, die einst als Kulisse für einen Kinofilm diente. Direkt daneben steht ein Häuschen, in der Form ähnlich einem Bilderstock, das wie das berühmte ‚Sesam öffne dich!“ heimischen Wein spendet, selbstverständlich gegen ehrliche Bezahlung. Eine wunderbare Idee und Einrichtung für durstige Wanderer oder Pilger. In der Laube kann man das excellente Panorama gebührend feiern. Von Assmannshausen geht es dann auf breiten Weinwanderwegen nach Rüdesheim weiter. Man könnte auch den höher gelegenen Rheinsteig nehmen. Aber der legt wieder mal Kurven und Schleifen hin, die die Distanz zwischen den beiden Orten verdoppeln. Vor Rüdesheim bieten sich wunderbare Ausblicke auf Bingen mit der Nahemündung und dem etwas südlicher liegenden Rochusberg. Goethes Lobpreis der Gegend (‚Das Rochusfest zu Bingen’) ist gut nachzuvollziehen. Aber nicht nur Goethe, sondern auch andere Prominente aus Dichtung und Musik sind hier bereits gewandert. Von den Weinhängen kommend erblickt man Rüdesheim mit seiner Jakobuskirche.

Mit der Kombination aus Weinwanderweg und Rheinsteig ist es eine angenehme Tagesetappe von etwa 18 Kilometern. Wer es bequem haben will, was aber für den Wanderer und noch weniger für den Pilger in Frage kommt, kann von Assmannshausen aus den Sessellift auf die Höhe nehmen, geht 1,5 Kilometer zum Niederwalddenkmal und fährt von dort mit dem Sessellift hinab nach Rüdesheim.

In Lorch begegnet man häufig dem Schild ‚Freistaat Flaschenhals’. Heute wird es zu Tourismuszwecken eingesetzt. Dieses ‚groteske Gebilde’ mit eigenen Briefmarken, Pässen und Notgeld gab es von 1919 bis 1923 wirklich. Und zwar während der Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg, als zwischen Koblenz und Mainz ein schmaler Streifen von den Alliierten unbesetzt blieb und sich zum Freistaat proklamierte. 

In Lorch beginnt der vorbildlich markierte Weg oberhalb der Martinskirche, deren Anfänge in fränkische Zeit verweisen. Man kann die prachtvoll ausgestattete Kirche allerdings nur durch ein Gitter der Vorhalle bewundern. Zur Zeit wird das Kirchenschiff restauriert. Der Hochaltar von 1483, er ist der älteste monochrome Schnitzaltar Deutschlands, ist während der Restauration nicht zu sehen, dafür aber an der südlichen Seite eine barocke Jakobusfigur. Jakobus ist als Pilgerapostel ausgestattet mit Hut, Pilgerstab und drei Muscheln. Eine weitere Jakobusdarstellung (Jakobus als Apostel) findet sich als Relief auf dem Seitenflügel eines Marienaltars im Chor des Seitenschiffs. Im Nimbus lässt sich noch der Name ‚Jakobus’ entziffern. Die Fotos der Jakobusdarstellungen sind durch eine Terminabsprache mit dem Küster der Kirche entstanden, dem ich an dieser Stelle dafür danken möchte.

Natürlich gibt es auch in der Rüdesheimer Kirche (geöffnet) eine Jakobusdarstellung. Weiterhin findet man den Pilgerapostel im Wappen des Ortes zusammen mit St. Martin. Oberhalb von Rüdesheim, kurz vor der Abtei St. Hildegard, gibt es einen durch Pilgerfigur und Muschelzeichen ausgewiesenen Rastplatz für Jakobspilger. Zu empfehlen ist der Besuch der mit prachtvollen Fresken ausgestatteten Abteikirche (geöffnet), die Anfang des 20. Jahrhunderts nach dem Vorbild einer romanischen Basilika erbaut worden ist.

Besuchenswert auch in Assmannshausen die im 14. Jahrhundert erbaute  Heilig-Kreuz-Kirche (geöffnet). Besonderer Blickfang ist hier ein Flügelaltar im gotischen Stil, dessen Mittelstück ein Gemälde aus der Schule Grünewalds (15. Jahrhundert) besitzt. Es stellt den Tod Mariens dar. Jacobus Maior ist natürlich mit anwesend, allerdings im Kreis der Apostel, ohne ikonographische Merkmale.

Die hier beschriebene rechtsrheinische Etappe verläuft also für Pilger zwischen Jakobusdarstellungen, macht als Jakobsweg entlang der Rheinschiene Sinn. Landschaftliche Schönheit und Stationen der pilgergemäßen Einkehr ergeben eine excellente Kombination.

 

Fotos zur Etappe >>>

 

Bonn, August 2012