Pilgergruppe-I-850

Lüftelberg - Wallfahrtsort am Jakobsweg

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Lüftelberg St. Peter Pfarrgarten
Lüftelberg mit St. Petrus (vom historischen Pfarrgarten aus gesehen)

Lüftelberg ist ein kleiner Wallfahrtsort am Jakobsweg bei Bonn. Ein paar Kilometer nur vom Bahnhof Kottenforst entfernt trifft man auf ein idyllisches Ensemble aus Fachwerkhäusern, einer alten romanischen Kirche, einem historischen Pfarrgarten, einer Wasserburg, einer Wassermühle, die zur Zeit restauriert wird.

Lüftelberg Wasserburg
Lüftelberg, Wasserburg

Die Pfarrkirche St. Petrus ist zugleich auch Wallfahrtskirche, in der die Lokalheilige Lüfthildis begraben liegt und verehrt wird. Der Name erklärt sich nach dem ‘ökumenischen Heiligenlexikon’ aus dem altdeutschen ‘liut’ = Volk, Leute und ‘hiltja’ = Kampf. Er würde demnach bedeuten ‘Kämpferin für das Volk’. Ein anderer Erklärungsversuch ist die Ableitung vom althochdeutschen ‘liochta’ = licht, klar. Lüfthildis wäre demnach die ‘Kämpferin für das Licht’.

Lüftelberg Lüfthildis VII
Lüfthildis mit Spindel und Ginsterrute (Gemälde in St. Peter)

Wem diese ethymologischen Ableitungen suspekt erscheinen (die dazu notwendigen Lautverschiebungen vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche ins Neuhochdeutsche sind in der Tat etwas abenteuerlich), der kann sich auch an das Nächstliegende halten, nämlich ‘Luft/Lüfte’. Lüfthildis wäre dann die Kämpferin, die sozusagen als Geist aus der Luft/aus den Lüften zur Hilfe kommt. Auch eine abenteuerliche Deutung? Möglich. Setzt man aber in Rechnung, dass man es bei Lüfthildis möglicherweise mit einer christianisierten germanischen Göttin zu tun hat (man denke etwa an die Norne, die den Lebensfaden auf einer Spindel hat oder auch an die germanische Göttin Freya mit dem Falkengewand, in dem sie aus der Luft erscheint), so mag es nicht gar so abwegig klingen. Auch die germanische Göttin Hulda (Frau Holle) hatte als Attribut eine Spindel. Diese ist ebenso ein Kennzeichen der römischen Göttin Minerva. Der Ort des heutigen Lüftelbergs lag in römischer Zeit zwischen der römischen Fernstraße Bonn-Trier und der Wasserleitung, mit der die Römer Eifelwasser nach Köln leiteten. Es würde nicht verwundern, wenn dieser Ort früher einmal einer römischen oder germanischen Göttin geweiht war. Vielleicht leitet sich der Name Lüfthildis ja auch von Lüfthulda ab. Dann wäre sie die Holde, die aus der Luft erscheint. Neben der Spindel ist es auch die Ginsterrute, die an mythologische Bezüge denken lässt. Sie ist nicht nur ein typisches Eifelgewächs (‘Eifelgold’), sondern auch als Fluggerät aus der Walpurgisnacht bekannt. Viele Rätsel also um diese Figur, viele Spekulationen.

Lüftelberg Swisterbergbezug
An einem Steinkreuz neben der Kirche St. Petrus: Der Bezug zum Swisterberg
(Kreuz - Fides, Anker - Spes, flammendes Herz - Caritas)

Bemerkenswert auch der Lüftelberger Bezug zu den drei Jungfrauen (Fides, Spes, Caritas) auf dem Swisterberg bei Weilerswist. Auf einem Steinkreuz neben der Kirche St. Petrus finden sich die drei, den Jungfrauen zugeordneten Symbole: Kreuz, Anker, flammendes Herz.

Drei Jungfrauen Weilerswist
Fides, Spes und Caritas in St. Mauritius, Weilerswist
(mit Kreuz, Anker und Herz)

Bei dieser Dreigestalt fühlt man sich an die römische Matronenverehrung erinnert.

 
Iversheim_Matronenstein
römischer Matronenstein (hier eine Kopie aus der römischen
Kalkbrennerei Iversheim)

Sichere historische Quellen zur Vita der Lüfthildis sind nicht vorhanden. Gelebt haben soll sie zur Zeit Karls des Großen, den sie laut Legende mit einer Spindel geheilt hat. Caesarius von Heisterbach erwähnt Lüfthildis etwa Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Der Stiftsherr von Münstereifel, Cornelius Curtius, versucht sich Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, also etwa achthundert Jahre nach ihrem Tod, an einer umfassenden Vita.

Lüftelberg Lüfthildis I
Lüfthildis, Terracottafigur in der Taufkapelle von St. Petrus

Über wesentliche Ereignisse dieser Vita setzen in der Kirche St. Petrus acht gemalte Tafeln buchstäblich ins Bild.

Lüftelberg Lüfthildis IV
Lüfthildis, Grenzziehung mit der Spindel

Sie stiftet Frieden, indem sie Land gerecht teilt (Bild 1).

Lüftelberg Lüfthildis V
Die Stiefmutter schlägt Lüfthildis mit einer Ginsterrute.

Sie wird von ihrer Stiefmutter geschlagen, weil die Gänse, die sie hütet, das Korn fressen (Bild 2). Hier fühlt man sich an das Stiefmuttermotiv zahlreicher Grimmscher Märchen erinnert. Die dritte Bildtafel zeigt, wie Lüfthildis verbotenerweise Brot zu den Armen des Dorfes trägt. Der Vater ertappt sie. Aber in der Schürze sind Rosen (Parallele zur Elisabeth-Legende). Auf dem vierten Bild ist zu sehen, wie ein Bäckerknecht, der im Bund mit der Stiefmutter steht, Lüfthildis glühende Kohlen in die Schürze schüttet. Die Schürze verbrennt nicht. Die Kohlen werden zu Rosen.

Lüftelberg Lüfthildis III
Achte Bildtafel: Wallfahrt und Anrufung

Die Bilder fünf bis acht zeigen Wallfahrtsmomente zum Grab der Lüfthildis. Auf der achten Tafel ist dabei auch ein Jakobspilger zu sehen.

Lüftelberg Grabplatte Lüfthildis
Sarkophagplatte in der Seitenkapelle

In einer Seitenkapelle der Kirche ist eine geschliffene Sarkophagplatte (sie stammt aus der Sinterschicht einer alten römischen Wasserleitung, ist sogenannter Aquäduktmarmor).

Wie dem auch immer sei mit Ethymologie, Legende, Sage, Märchen und den mythologischen Fingerzeigen. Es ist Spekulation. Und so soll auch dieser Artikel kein wissenschaftlicher Beitrag sein. Fakt ist: Mit Lüftelberg hat man im Bonner Raum wieder einmal ein Juwel am Jakobsweg. Und von Lüftelberg aus gibt es zwei Pilger- oder auch Wanderwege, die zum Swisterberg bei Weilerswist führen. Der eine Weg führt über Buschhoven durch das Swistertal. Der andere, ein alter traditioneller Pilgerweg, auch als Jungfernpfad bekannt, geht über Gielsdorf mit seiner Jakobuskirche weiter über Brenig, Hemmerich und Rösberg zum Swistertürmchen bei Weilerswist. Je nachdem, welcher Legendenvariante man folgt, ging Lüfthildis zum Swisterberg und unterwegs blühten Rosen und die Glocken von Brenig läuteten. Oder es waren die drei römischen Schwestern selbst (Fides, Spes und Caritas), die Lüfthildis besuchten und dann auf ihrem weiteren Weg zum Swisterberg diese Wunder vollbrachten.

Lüftelberg Landschaft
Panorama bei Lüftelberg

Wir hingegen wollen uns zunächst einmal an dem Wunder einer schönen Landschaft erfreuen und von Lüftelberg aus den Weg zum Swistertürmchen nehmen. 

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Bonn, August 2009