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„Schöne Madonnen am Rhein“

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

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Krumauer Madonna, um 1390/1400 - Kunsthistorisches Museum, Wien
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Kunsthistorischen Museums Wien
© Kunsthistorisches Museum Wien

„Schöne Madonnen am Rhein“ ist der Titel einer vorzüglichen Ausstellung, die im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen ist. Mehr als 60 rheinische Marienstatuen des 14. Jahrhunderts werden gezeigt, wobei die Jahrzehnte vor und um 1400 zweifellos zum Höhepunkt in der Geschichte des Marienbildes zählen.Kunsthistorisch geht der Begriff ‚schöne Madonna’ zurück auf W. Pinder (1923) und A. Stix (1918). Nach dem Kunstlexikon von P.W. Hartmann sind für eine ‚schöne Madonna’ charakteristisch „ihr höfisches, edles Antlitz mit hoher Stirn, das jugendlichen Liebreiz ausstrahlt. Das Gewand ist mit elegantem Faltenwurf und weichen Schüsselfalten harmonisch gestaltet.“

Als Vorbild für die ‘schönen Madonnen’ wird oft die Krumauer Madonna genannt. Die Skulptur besteht aus polychromiertem Kalksandstein. Entstanden ist sie um 1390/1400. Sie befindet sich im Kulturhistorischen Museum in Wien. Vermutet wird, dass sie von einem Wandermeister geschaffen wurde, der im Rheinland seine ersten Figuren gefertigt hat und dann über Schlesien nach Böhmen zog.

Für die Bonner Ausstellung muss man sich Zeit nehmen, da es insbesondere auch um die Beobachtung von Details geht. Meist steht die Beziehung Mutter-Kind im Mittelpunkt. Auffallend ist dabei der liebevolle, heitere und teils sogar verspielte Umgang. So etwa bei einer thronenden Madonna aus Lindenholz, entstanden 1380/90, wo ein fröhlicher Jesusknabe mit den Locken der Mutter spielt (Abbildung ‘Thronende Madonna’). Statt des Kreuzzepters hielt Maria ursprünglich eine Blume in der rechten Hand, was die sinnenfrohe Seite der Skulptur noch deutlicher zum Ausdruck gebracht hatte.

Ein nicht seltenes Attribut der Skulpturen ist auch der berühmte Apfel des Paradieses. Er verweist auf Maria als Eva des Neuen Testamentes.

Zu den Skulpturen, die in Verbindung stehen mit der europaweit verbreiteten Legende vom gefundenen Marienbild gehört die Wirzenborner Madonna, eine Holzfigur aus der Zeit um 1380. Die Wallfahrtskirche Wirzenborn befindet sich in der Pfarrei Montabaur. Laut Legende soll das Bild in einem Bach angeschwemmt und am Kapellenfelsen hängen geblieben sein. Im Bonner Raum kennt man eine ähnliche Erzählung vom Wallfahrtsort Buschhoven. Siehe hierzu den Artikel ‚Rosa Mystica’. [Anmerkung für Jakobspilger: Die Legenden vom aufgefundenen Bild gibt es auch für Jakobus. So z. B. für die Wiener Kirche St. Jakob-Penzing. Hier soll vom Wienfluss eine Statue des Heiligen Jakob an Land geschwemmt worden sein - Legende vom ‘angeschwemmten Jockl’.]

Für das nähere Studium der Bonner Ausstellung empfiehlt sich das ausgezeichnete Begleitbuch ‚Schöne Madonnen am Rhein’ (220 Abbildungen, 256 Seiten) von Robert Suckale, der gemeinsam mit seiner Frau Gude Suckale-Redlefsen Kurator der Ausstellung ist. Das Buch kostet im Buchhandel 35 €, an der Museumskasse19.90 €.

Das LVR-Landesmuseum liegt, nimmt man den Startpunkt Bonn, am Jakobsweg. Die Ausstellung geht noch bis zum 25. April 2010. Danach ist für das Pilgern der Aspekt ‚Schöne Madonnen’ allerdings nicht verloren, zeichnet sich doch die Route von Bonn nach Trier durch eine besondere Dichte ‚schöner Madonnen’ aus. Wobei man den Begriff nicht unbedingt auf das 14. Jahrhundert festlegen sollte. Auch die früheren oder späteren Figuren sind auf ihre je eigene Weise ‘schön’. Eine der schönsten Skulpturen befindet sich in der Bonner Stiftskirche. Die zur Hochgotik zählende Marienfigur ist um 1350 entstanden.

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Madonna, Stiftskirche Bonn, um 1350

Die Begegnung mit einer ‚schönen Madonna’ beschreibt am trefflichsten Hermann Hesse in seinem 1930 veröffentlichten Roman ‚Narziß und Goldmund’, wobei der Dichter für die Marienfigur genau diesen kunsthistorischen Terminus ‚schöne Madonna’ übernimmt (S. 315, Jubiläumsausgabe Suhrkamp 1977). Zu der Begegnung heißt es:

„Erleichtert erhob sich Goldmund, betete nach des Paters Vorschrift am Altar und wollte schon die Kirche wieder verlassen, da fiel ein Sonnenstrahl durch eines der Fenster, dem folgte sein Blick, und da sah er in einer Seitenkapelle eine Figur stehen, die sprach so sehr zu ihm und zog ihn an, daß er sich mit liebenden Augen zu ihr wendete und sie voll Andacht und tiefer Bewegung betrachtete. Es war eine Mutter Gottes aus Holz, die stand so zart und sanft geneigt, und wie der blaue Mantel von ihren schmalen Schultern niederfiel, und wie sie die zarte mädchenhafte Hand ausstreckte, und wie über einem schmerzlichen Mund die Augen blickten und die holde Stirn sich wölbte, das war alles so lebendig, so schön und innig und beseelt, wie er es nie gesehen zu haben meinte. Diesen Mund zu betrachten, diese liebe innige Bewegung des Halses, daran konnte er sich nicht ersättigen. Ihm schien, er sehe da etwas stehen, was er in Träumen und Ahnungen oft und oft schon gesehen, wonach er oft sich gesehnt habe. Mehrmals wandte er sich zum Gehen, und immer zog es ihn wieder zurück.“ (S. 149)

Bonn, Januar 2010