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Von Mainz nach Worms entlang des Rheins

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht)

Auch der Abschnitt entlang des Rheins von Mainz nach Worms, also von Kaiserdom zu Kaiserdom, wird im Mittelalter eine beliebte Route Richtung Santiago gewesen sein. Der Rhein diente den Pilgern, die über keine Karte verfügten und in der Regel nicht lesen und schreiben konnten, der Orientierung. Die Treidelwege standen als Via Regia unter besonderem Schutz. Auch dieser Weg wird zum Abschnitt der Kaiser und Könige gehört haben. So wurde z.B. Konrad II. 1024 auf dem Königsstuhl bei Nackenheim gewählt. Und fast 500 Jahre später hat Luther bei Groß-Gerau den Rhein überquert und ist linksrheinisch mit seinem Einspänner weiter nach Worms gefahren. Bis etwa zum rechtsrheinischen Gernsheim fließt der Rhein ohne große Schleifen, und den Rheinbogen dort kann man durch schöne Natur entlang wandern oder ihn aber bequem abkürzen über die Orte Gimbsheim, Eich und Hamm. Dann ist man wieder am Rhein, und die große Frage wird sein, ob und wie man durch die im Wormser Norden gelegenen Industriegebiete kommt. Ein weiteres Problem könnte mal wieder die B9 sein, die den Verlauf der alten Römerstraße markiert.

Die Strecke beträgt etwa 60 Kilometer. Von der Mainzer Rheinpromenade geht es auf angenehmem Weg Richtung Süden den Strom entlang. Bald hat man den Vorort Weisenau erreicht, dessen Kirche Mariä Himmelfahrt farbenfroh auf einem Hügel thront. Die Pfarrei ist 700 Jahre alt. Goethe hat die Kirche in der ‚Belagerung von Mainz’ beschrieben. Überhaupt hat diese Rheinstrecke auch eine literarische Komponente. Victor Hugo ist wohl einer der bekanntesten Rheinreisenden. Man kann ihm in Worms wieder begegnen. Und dann ist es insbesondere auch der in Nackenheim geborene Carl Zuckmayer. In Nackenheim kann man am Rand der Weinberge auf Tafeln seine Gedichte lesen.

Die Strecke ist bis Nackenheim entlang des Rheins gut zu gehen. Das Plätschern der Rheinwellen ist zumindest genauso laut wie das Rauschen der nahen B9. Für den Lärm der mobilen Welt entschädigt ein großartiges Panorama. Etwa einen Kilometer hinter Nackenheim ist allerdings an einem Betriebsgelände Schluss mit dem Uferweg. Jetzt verliefe ein Fahrradweg eingezwängt zwischen Bahngleisen und B9 fünf Kilometer weiter nach Nierstein. Aber der Fußpilger hat eine wunderbare Alternative. In Nackenheim direkt gegenüber dem Fachwerkhaus mit der Carl Zuckmayer-Büste und einer anmutigen Marienfigur geht es die Treppe hoch zu einer Bergkapelle. Man hat von hier einen sehr schönen Blick auf die Nackenheimer Kirche St. Gereon.  Der Weg führt durch die Weinberge mit phantastischem Panorama auf Nierstein zu, das mit der Kirche St. Kilian schon von Weitem sichtbar ist. Auf dem Kiliansberg wird schon 742 eine Marienbasilika genannt.

Der malerische Weinort Nierstein mit seinen beiden Kirchen (St. Kilian und der evangelischen Martinuskirche mit einer mittelalterlichen Kirchhofsbefestigung) lädt zum Verweilen ein. Die berühmte Rheinromantik gehört also nicht nur dem Mittelrhein.

Bis Oppenheim, weiter den Rhein entlang, sind es nur etwa zwei Kilometer. Man kann nun am Bahnhof die Bahngleise überqueren und in die geschichtsträchtige und ebenso malerische Altstadt gehen. In der evangelischen Katharinenkirche, die wie auch die Wormser Liebfrauenkirche als einer der bedeutendsten Kirchenbauten der Gotik zwischen Köln und Straßburg gilt, mögen insbesondere die zahlreichen Fenster faszinieren, die in einer Sinfonie von Form und Farbe beispielhaft das Programm der Gotik zeigen, nämlich die Mauerfassaden durch Fenster aufzulösen, um das symbolhafte Licht der Sonne durchzulassen.

In einem der Fenster ist auch Martin Luther dargestellt, der in Oppenheim sowohl auf dem Hin- wie auch Rückweg nach bzw. von Worms Station gemacht hat. Eine Erinnerungstafel mit den genauen Daten ist an einem Oppenheimer Haus (Lutherplatz) angebracht.

In der katholischen Bartholomäuskirche (eine Kirche in Oppenheim wird erstmals 774 in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen genannt) fallen mir insbesondere die Fresken in der Marienkapelle auf. Sie haben eine orientalische Anmutung. Geschaffen wurden die Wandbilder zwischen 1939 und 1942 von dem Malermönch Notker Becker (1883-1978) aus Maria Laach. Von der reichen gotischen Ausstattung der Kirche ist wie an so vielen Orten das Meiste verloren gegangen. Friedrich III. von der Pfalz hatte 1565 einen Bildersturm verordnet. Daran wird es wahrscheinlich liegen, dass man vergeblich nach Jakobusdarstellungen sucht. Die Kirchen in den nachfolgenden Orten Gimbsheim, Eich, Hamm und Rheindürkheim sind evangelisch. Sie waren geschlossen und dürften kaum ein bildhaftes Ausstattungsprogramm haben.

Von Oppenheim geht es nun durch die Neustadt zum Segelflughafen am Rhein und dann fern der B9 durch einsame Natur auf sehr schönen Wanderwegen entlang des Stroms. Was das leibliche Wohl auf der Strecke betrifft, ist mit der idyllisch gelegenen Terrasse des Rheinhofs gut gesorgt. In der Höhe von Gimbsheim geht es nun auf einer kleinen kaum befahrenen Straße durch Felder hindurch in den Ort und dann an der Kirche auf schnurgerader Strecke zwischen Seen und Feldern nach Eich und weiter nach Hamm. In Eich wie auch in Hamm gibt es Unterkunftsmöglichkeiten. Und selbstverständlich auch in den Orten zuvor, also in Nackenheim, Nierstein und Oppenheim.

Ab Hamm geht es wieder den Rhein entlang nach Ibersheim und von hier entweder auf dem Damm oder direkt am Rheinufer oder aber auch zwischen weiten Feldern weiter nach Rheindürkheim.

Hinter Rheindürkheim beginnt die kritische Industriestrecke. Bis Worms sind es noch etwa acht Kilometer. Der Weg, er ist angenehm zu gehen, führt direkt am Rhein entlang, wobei man links das schöne Rheinpanorama hat und rechts meist das Industriegelände. Aber es ist erträglich. Erst kurz vor Worms verlässt man den Rhein und trifft nun, nachdem man ein Stück auf dem Weg ‚Im Pfaffenwinkel’ gegangen ist, auf die laute B9. Für knapp einen Kilometer führen Fuß- und Radweg hier entlang, dann kann man nach rechts zum Wormser Zentrum abbiegen und der B9 entkommen. Bald sieht man links die Weinplantagen der Liebfrauenkirche und die aus rötlichem Gestein erbaute Kirche mit der Doppelturmfassade. Die Kirche, Baubeginn 1276, ist ein berühmter Marienwallfahrtsort und wird schon so manchen Jakobspilger gesehen haben. In der Literatur ist wohl deshalb eine Jakobuskapelle in der Kirche genannt. Es handelte sich aber um eine Jodokuskapelle. Hier übernachteten die Pilger. Diese Kapelle gibt es nicht mehr. Ebenso stellt auch im Wormser Dom das Fresko (über dem Eingang zur Nikolauskapelle) mit Pilgerstab und Muschel nicht Jakobus, sondern Jodokus dar. Auch hier konnten früher Pilger übernachten. Der Jakobsmuschel begegnet man in Worms außen an der Ostseite der Pauluskirche. Was die Jakobusspuren in Worms betrifft, verdanke ich Herrn Joachim Schalk aus Worms folgende Hinweise: Eine Jakobusdarstellung gibt es in der Liebfrauenkirche an einer Chorgestühlwange von 1624. Die Muschel befindet sich auf dem Rücken der Figur. Weiter gibt es im Museum der Stadt Worms eine Sammlung von gotischen Pilgerzeichen, darunter auch zwei Pilgerheilige, die entweder St. Jakobus oder St. Jodokus darstellen. Es sind Beigaben aus Gräbern vom Pfarrfriedhof bei St. Paul in Worms.* 

Natürlich ist Worms auch Lutherstadt. Das Denkmal am Lutherring erzählt in Wort und Bild die Geschichte der Reformation. Und selbst in einem Glasfenster des Doms St. Peter hat man dem Reformator einen Platz eingeräumt. Es würde den Rahmen des Artikels sprengen, all die Wormser Kirchen, die katholischen wie auch evangelischen, hier aufzuführen. Wie auch für Mainz braucht man für die Nibelungenstadt viel Zeit.

Was die Rheinstrecke von Mainz nach Worms betrifft, ist in einem abschließenden Fazit zu sagen, dass sie sehr angenehm zu gehen ist. Der Rhein gibt Orientierung auf dem Weg durch eine sehr schöne Natur. Und der große Rheinbogen lässt sich bequem abkürzen. Wer dem Wormser Industriegebiet ausweichen will, hätte die Möglichkeit von Rheindürkheim westwärts nach Osthofen zu gehen und von dort über Herrnsheim nach Worms zu gelangen. In Osthofen träfe man auf den rheinhessischen Jakobsweg. Aber wie dem auch sei. Das Wormser Industriegebiet dehnt sich weit westwärts. Die Randzonen größerer Städte sind selten schön. Das ist auch auf den spanischen Strecken nicht anders. Der Weg den Rhein entlang bis kurz vor Worms scheint mir aber eine akzeptable Alternative zu sein. Den knappen Kilometer entlang der B9 wird man angesichts des Zieles leicht verkraften. Die Orte von Gimbsheim bis Rheindürkheim müssten indes noch, was das Pilgern im Zeichen der Muschel betrifft, aus ihrem Dornröschenschlaf geküsst werden.

Und ein Gedanke zum Schluss. Sollte zum Reformationsjubiläum 2017 ein Lutherweg nach Worms installiert sein, so bietet sich ab Oppenheim die Gelegenheit eines ökumenischen Pilgerweges. Eine Chance, die man nicht verspielen sollte. Oppenheim wie auch Worms wären lehrreiche und fruchtbare Orte der Begegnung.

* Literatur zu den Pilgerzeichen: Mathilde Grünewald, “Pilgerzeichen, Rosenkränze, Wallfahrtsmedaillen”, Der Wormsgau, Beiheft 36, 2001
           

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Bonn, Juli 2012