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Von Vézelay durch den Morvan -
Ein paar Tage mit Bernd Koldewey unterwegs

von Rüdiger Schneider

 

 

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Vézelay

Von Herne aus war er im März 2007 zu Fuß nach Santiago de Compostela aufgebrochen, in einem ersten Abschnitt 800 Kilometer gelaufen und bis in das französische Chaumont (Region Champagne-Ardenne) gekommen. Die Fortsetzung des Weges erfolgte dann am 13. Mai 2008. Sieben Tage später hatte Koldewey Vézelay in Burgund erreicht, eine der bedeutendsten Stationen auf dem Jakobsweg. Hier waren dann auch die ersten tausend Kilometer der Strecke zurückgelegt. Von Vézelay aus begleitete ich den 51jährigen Herner vier Tage lang durch den Morvan, eine dünn besiedelte Region, die geologisch zum Massif Central gehört. Es geht nach Süden Richtung Le Puy en Velay.

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Japanische Malerinnen in Vézelay

Koldewey pilgert mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken, darunter ist ein Zelt, das zwei Personen einen engen, aber hinreichenden Schlafplatz bietet. Aus Gründen der Unabhängigkeit und auch um Kosten zu sparen wird in der freien Natur übernachtet, gelegentlich auch auf Campingplätzen. Den schweren Rucksack schultert er inzwischen, als würde er sich einen Brotbeutel umhängen. Gepäckmäßig mache ich es etwas bescheidener, komme auf ‚nur’ 12 Kilo, aber die reichen hin, um schon nach dem zweiten Tag einen höllischen Muskelkater zu spüren. Pilgern ist kein Spaziergang. Offensichtlich hat es auch Elemente der Strapaze und Buße.

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Koldewey auf einer Pilgerbrücke bei Pierre-Perthuis

Vézelay in Burgund – neben Santiago de Compostela und Rom gehörte es zu den bedeutendsten und berühmtesten Wallfahrtsheiligtümern des Abendlandes. Hier trafen sich im 12. Jahrhundert der französische König Philipp II. und Richard Löwenherz zum Kreuzzug, hier verfluchte Thomas Becket den englischen König, Franz von Assisi gründete hier die erste Niederlassung in Frankreich. Und Vézelay war und ist auch wieder Zentrum der Magdalenen-Verehrung. Die Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist einer der schönsten Sakralbauten der Romanik des 12. Jahrhunderts.

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Vézelay mit der Basilika Sainte-Marie-Madelaine

Was Maria Magdalena betrifft, herrscht immer noch die weit verbreitete Vorstellung von der reuigen Sünderin und bekehrten Prostituierten. Diese Auffassung geht auf Papst Gregor den I. zurück, der sie irrtümlich mit der Frau identifizierte, die Jesus die Füße gewaschen hat. In Wirklichkeit war sie wohl eher der 13. Apostel und laut Philippusevangelium liebte Jesus Maria Magdalena mehr als alle anderen Jünger. Ein sehr schönes Bild von ihr entwirft Luise Rinser in ihrem Roman ‚Mirjam’. Seltsamerweise dreht sich während der vier Tage der Wanderung das Gespräch oft um die, deren Namen man singen kann – Sainte Marie Madelaine. Koldewey findet eines Abends den Satz: „Sie hat den Unverständlichen verstanden.“

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Pilgerstempel in der Basilika

Am 22. Mai brechen wir gegen Mittag von Vézelay auf. Zuvor lässt sich Bernd Koldewey in der Basilika seinen Pilgerpass stempeln. Auf der Straße geht es zunächst nach Saint-Père, wo wir in einem kleinen Museum neben der Kirche Notre Dame eine Jakobus-Skulptur aus dem 13. Jahrhundert vorfinden. Eine Veröffentlichung des Fotos ist indes noch untersagt, wird aber möglicherweise noch genehmigt werden. Die in Stein gehauene Figur ist ein beeindruckendes Zeugnis mittelalterlicher Jakobusfrömmigkeit. Die Spuren der Verwitterung verleihen dem Gesicht etwas Anrührendes und Archaisches zugleich.

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Malergruppe in Saint-Père

Allenthalben treffen wir in dem kleinen, nur ein paar Kilometer von Vézelay entfernten Ort auf Malergruppen, die Staffeleien aufgebaut haben, um Motive der dörflichen Idylle auf die Leinwand zu bringen. Nur eine kleine Strecke weiter nach Süden überraschen uns dann Mauerreste einer etwa zweitausend Jahre alten Thermalanlage und Quellumfassungen aus der ersten Bronzezeit.

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Viertausend Jahre alte Quellumfassung

Sie sind viertausend Jahre alt, bestehen aus mit Feuer ausgehöhlten Eichenstämmen. Das Wasser dieser ehemals keltischen Kultorte ist radioaktiv. Die Gasblasen, die dort immer noch hochsteigen, bestehen aus Helium. Frösche haben sich innerhalb der Umfassungen angesiedelt. Radioaktivität und Helium machen ihnen nichts aus. Sie sind fett und sehen gesund grün aus.

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Mauerreste eines keltischen Kultortes

Am Nachmittag erreichen wir bei Pierre-Perthuis einen vorzüglich ausgeschilderten Jakobsweg, der in die Wälder des Morvan führt. Die Steigungen bereiten bei weitem noch nicht die Strapazen, wie sie Koldewey etwa in den Pyrenäen und im späteren Verlauf des Weges erwarten. Die Landschaft des Morvan ist angenehm, heiter. Immer wieder wird der Blick frei auf sanfte Hügelketten mit weitläufigen Wiesen. Ab und zu taucht überraschend ein Schloss auf, ein einsames herrschaftliches Gehöft, malerisch dann auch ein kleines Dorf, dessen Häuser sich um die Kirche scharen.

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Blick auf Bazoches

Der Blick wird beim Wandern frei für das Naheliegende, für Erlebnisse, die man nur auf diese Weise haben kann. Das langsame Tempo eröffnet andere Perspektiven. Es ist schon ein besonderes Farberlebnis, wenn am Wegesrand ein purpurroter Käfer im grünen Gras an blassblauen Blüten entlangläuft.

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Beobachtung am Wegesrand

Am Abend steht für mich die erste Nacht am Waldrand an. Wir haben einen Platz gefunden auf einer Lichtung, die einen weiten freien Blick nach Westen und Norden erlaubt. Koldewey hat das Zelt rasch aufgebaut, ein Kaffee wird gebraut, Baguette und Roquefort schmecken vorzüglich. Später ist dann die Flasche Wein fällig, die ich von Vézelay mitgeschleppt habe. So gut ist es mir in noch keinem Luxushotel der Welt gegangen.

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Die Sonne geht unter. Zwischen den Wolkenbänken am Horizont färbt sich der Himmel orangerot. Mehr und mehr senkt sich die Dämmerung über das Land, lässt Hügel und Waldsäume nur noch als Silhouetten erahnen. Dann ist es dunkel. Die Wolken haben sich verzogen. Die ersten hellen Punkte tauchen auf. Gegen Mitternacht ist das Firmament von Sternen übersät. Der Große Wagen über uns erlaubt die Orientierung. In der fünffachen Verlängerung der Hinterachse steht der Polarstern, der die Richtung nach Norden angibt. Also ist das Licht ganz weit in der Ferne, tief am Horizont auf einem Hügel, die angestrahlte Basilika Saint-Marie-Madelaine.

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Morgennebel im Morvan

Es ist eine ruhige Nacht. Ab und zu dringt in den Schlaf hinein der dunkle Ruf eines Kauzes oder das hohe Bellen eines Fuchses. Früh am Morgen stehen wir auf. Durch die Täler weben sich feine Nebelschleier, steigen langsam hoch, werden bald von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen.

Mit dem Kaffeepulver gehe ich an diesem Morgen verschwenderisch um. Es ist ein dreifacher türkischer Mokka, der da entsteht. Aber der macht wach und wärmt. Koldewey hat ein kleines Thermometer am Rucksack hängen. Die Temperatur war auf vier Grad gesunken. Nach dem Abbau des Zeltes und dem Packen der Rucksäcke sind wir rasch wieder auf dem Weg. Er führt zunächst durch einen dunklen, verwunschen wirkenden Wald, in dem die Bäume kreuz und quer stehen, als habe sie erst vor kurzem ein Sturm zerbogen und zerzaust. Sich alleine den Weg durch dieses Gestrüpp zu bahnen, da könnte einem schon seltsam werden. Schweigend wandern wir hindurch. Nur das ‚Tack-Tack’ der Pilgerstöcke ist auf dem mit Steinen übersäten Pfad zu hören. Dann öffnet sich die Welt wieder. Überraschend taucht ein Schloss am Wegrand auf. Von einer Weide kommen Schafe gelaufen, um uns anzublöken.

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Schloss bei Bazoches

Die Dörfer, die am Weg liegen, sind willkommene Stationen, um den Wasservorrat aufzufrischen und eventuell auch frisches Baguette zu kaufen. Bei Bazoches verlassen wir den offiziellen Jakobsweg, gehen in südöstlicher Richtung nach Lormes. Koldewey will nicht über das mehr westlich liegende Limoges gehen, sondern genau nach Süden, nach Le Puy. In Lormes erweisen wir zuerst dem heiligen Jakob, der dort in der Kirche auf einem Gemälde jüngeren Datums dargestellt ist, unsere Referenz und genehmigen uns anschließend in einem marokkanischen Bistro ein Pilgerbierchen. Das Zelt ist dieses Mal auf einem Campingplatz an einem See aufgeschlagen, direkt unter einem Baum. In der Nacht kommt starker Wind auf. Regen trommelt auf das Zeltdach, kleinere Zweige brechen, fallen auf die gestraffte Plane, federn wie von einem Trampolin ins Gras. Der Baumstamm selbst bleibt stehen. Am Morgen wirkt die Nacht wie ein unwirklicher Spuk. Die Sonne strahlt von einem reinblauen Himmel. Es geht jetzt erst einmal weiter westlich nach Brassy. Der Weg führt durch Wald und an Ginsterfeldern vorbei. Es soll eine gemütliche Tagesetappe werden. Zehn Kilometer reichen. Mir tun Muskeln weh, die ich vorher noch nicht kannte. Koldewey macht eine Druckblase am linken Fuß zu schaffen. Sie lässt sich nicht öffnen. Er muss den Schmerz beim Pilgern hinnehmen, das Gewicht während des Gehens etwas nach rechts verlagern.

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Brassy ist ein angenehmes kleines Dorf. Wieder die Kirche und die Häuser mit den so typischen blumengeschmückten Fassaden. So klein der Ort auch ist: Eine Boulangerie hat er und auch einen Laden, wo wir uns wieder mit Proviant versorgen können. Dann geht es zum Zelten auf einen einsamen Campingplatz am Rand des Ortes. Kaum ist das Zelt aufgebaut, setzt heftiger, lang anhaltender Regen ein. Es bleibt nichts anderes zu tun, als die Laune der Natur gelassen auszuhalten und den nächsten Tag einfach abzuwarten.

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Am Morgen begleite ich Bernd Koldewey noch eine Strecke Richtung Château-Chinon. Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Der Abschied steht bevor. Er wird nun alleine weiter nach Le Puy pilgern und von dort auf der via podiensis den Weg südwestlich nach St.-Jean-Pied-de-Port nehmen. Dann ist Frankreich bald verlassen. Über den Ibañeta-Pass in den Pyrenäen ist es nur noch eine Tagesetappe in das spanische Roncesvalles.

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‚Der Weg ist das Ziel’ oder auch umgekehrt: ‚Das Ziel ist der Weg’. Koldewey bezeichnet den Jakobsweg als eins der letzten Abenteuer unserer Zeit. Sich für eine lange Zeit von den sogenannten Segnungen der modernen Zivilisation loszureißen, empfindet er als Befreiung. Der Weg, das Unterwegssein belohnt, beschenkt mit immer neuen Eindrücken und Erfahrungen. Aber auch seelische Tiefs können wie ein Unwetter über einen hereinbrechen und die Pilgerschaft als fragwürdig erscheinen lassen. Solche Momente gehören dazu. Auch sie kennt Bernd Koldewey. Für mich selbst waren diese vier Tage durch den Morvan ein eher unbeschwertes Vagabundentum, dem St. Jacques Sinn und Richtung gegeben hatte. Das stärkste Bild dieser Tage: die Nacht unter Sternen und fern am Horizont die Basilika Sainte-Marie-Madelaine.