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Hermann Multhaupt: ‘Das Geheimnis der Muschelbrüder’

 

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Wer noch nichts oder nur wenig über den Jakobsweg gehört hat und sich auf erzählerische Weise einführen lassen möchte, dem sei ein Buch von Hermann Multhaupt empfohlen, das die Wanderung nach Santiago de Compostela (Spanien) in romanhafter Form erzählt und dabei auch zahlreiche historisch-kulturelle Hintergründe mit einbaut.

Es ist eine mittelalterliche und zugleich zeitlos aktuelle Geschichte. Ein Fährmann über die Weser (in Heristal, heute Herstelle) macht sich zu Fuß auf den weiten Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des Heiligen Jakobus. Gerade für diesen Fährmann ist das Unterfangen besonders beschwerlich. Sein verkrüppelter rechter Fuß macht den Weg sozusagen zu einem doppelten. Ob er jemals wieder zurückkehrt, ist ungewiß. Die Wanderung birgt zahlreiche Gefahren.

Kretz, der Fährmann, geht nicht alleine. Ein Schmied aus Paderborn stößt zu ihm, ein Schneider vom Niederrhein schließt sich an, und ein eigentlich zum Tode Verurteilter, der mit dem Gang nach Santiago eine letzte Chance erhält, wird in Trier der Vierte im Bunde.

Bei Kretz hat der Aufbruch etwas Irrationales. Er hört als Fährmann vom fernen Galicien, sieht den merkwürdigen Glanz in den Augen der Berichtenden, und er, der am ungeeignetsten erscheint, bricht auf. Korpff, der zum Tode Verurteilte, zeigt durch sein Verhalten eine allmähliche Wandlung und damit erweist sich auch die Chance, die er bekommen hatte, als die einzig sinnvolle Möglichkeit, mit einem Menschen, der schuldig geworden ist, umzugehen.

So kann anhand des Vierergespanns, das da unterwegs ist, Hermann Multhaupt die verschiedenen Überlegungen und Motive sich auf den Weg nach Santiago zu machen, den Lesern nahebringen. Es geht um die 'Beschaffenheit der Herzen', die Freuden und Leiden einer langen Wanderung und natürlich geht es auch um die Veränderungen und Wandlungen der Figuren.

Das Buch eröffnet vielfältige Dimensionen des Nachdenkens. Sie alle drehen sich um zeitlos aktuelle Anliegen und Fragen des Menschen. Schuld und Sühne, Herausgerücktsein aus der normalbürgerlichen Existenz, den Sinn ergebener, wortloser Frömmigkeit. Es sind Fragen, denen die normale bürgerliche Existenz ausweicht, weil sie den üblichen Gang der Dinge stören. Aber letztlich sehen sich ja immer beide - der Pilger und der sich behaglich einrichten wollende Bürger - mit derselben Frage konfrontiert. Der Frage nach dem Sinn der Vergänglichkeit.

Hermann Multhaupt, Das Geheimnis der Muschelbrüder, 160 Seiten

20. April 2008