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Entlang der Nahe - I - Auf den Spuren der Hildegard von Bingen

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)
 


Rupertsberger Gewölbe


Büste der heiligen Hildegard

Von Bingen nach Trier verläuft eine alte Römerstraße, der Ausoniusweg. Da er teils recht einsam durch den Hunsrück führt, wollte ich eine Alternative ausprobieren, und zwar auf dem Weinwanderweg von Bingen nach Kirn und dann weiter von Kirn nach Trier. Diese Strecke würde länger als der Ausoniusweg sein, aber zahlreiche Dörfer entlang der Nahe versprachen mehr Versorgungs- und Übernachtungsmöglichkeiten und vor allem auch mehr kulturelle Höhepunkte. Aber es kam zunächst anders mit diesem Jakobswegprojekt. Es wurde erst einmal ein Weg, der von Bingen bis Staudernheim führte (auf dem Weinwanderweg 70 Kilometer, kürzt man einige Schleifen auf dem Nahe-Radweg ab, sind es etwa 60 Kilometer) und dort am Disibodenberg in einem ersten Abschnitt sinnvoll endete. Doch der Reihe nach.
 

 

 


Relief St. Rochus, Hildegard-Gedächtniskirche


Relief Hildegard von Bingen, Hildegard-Gedächtniskirche

Es war ein Zufall, an einem Sonntag genau um zwei Uhr vom Binger Hauptbahnhof nach einem Kilometer links der Nahe in Bingerbrück zu landen. Hier, am Zusammenfluss von Rhein und Nahe, war früher das Kloster Rupertsberg der Hildegard von Bingen. Sie hatte das Kloster auf dem Hügel des heiligen Rupertus gegründet, war in der Zeit zwischen 1147 und 1152 vom Disibodenberg an der Nahe dorthin umgesiedelt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1179 war das Kloster auf dem Rupertsberg der Ort ihres Wirkens. Wenn man es nicht weiß, läuft man leicht an dieser heute städtisch eingeebneten Stelle vorbei. Vom Kloster ist oberirdisch nämlich nichts mehr zu sehen. Im 17. Jahrhundert, im Dreißigjährigen Krieg, wurde es von schwedischen Söldnern zerstört. Die Ruinen blieben als romantisches Überbleibsel zunächst stehen, bis dann Ende des 19. Jahrhunderts die Rhein-Nahe-Eisenbahngesellschaft den Felsen, auf dem das Kloster stand, wegsprengte. Übrig geblieben ist ein Teil der ehemaligen Krypta, das sogenannte Rupertsberger Gewölbe, mit Räumen, die heute der Rupertsberger Hildegard-Gesellschaft als Veranstaltungsort dienen. Die genaue Adresse ist: Am Rupertsberg 16. Die Besichtigungszeit ist sonntags von 14 bis 17 Uhr. Ich war zeitlich also genau richtig in Bingerbrück gelandet. Das betraf ebenso gegenüber dem Rupertsberger Gewölbe die Hildegard-Gedächtniskirche, die an diesem Tag ab 14 Uhr für eine Besichtigung geöffnet war.
 


St. Disibod, Kirche St.
Johannes Baptist, Staudernheim


Hildegard von Bingen, Kirche
St. Johannes Baptist, Staudernheim

Informationen über Leben und Wirken der Hildegard von Bingen will ich hier nicht wiederholen, aber das Gewölbe mit der Fensternische, wo zwischen zwei Kerzen im Halbdunkel eine plastische Halbfigur der ‚Prophetissa Teutonica’, der Prophetin der Deutschen, steht, ist ein beeindruckender Ort besonderer Spiritualität. Und so kam der Entschluss, der Nahe zunächst bis Staudernheim zu folgen, wo auf dem Disibodenberg Hildegards erster Wirkungsort war. Die Klosterruine dort wurde zu einer Parkanlage ausgebaut. Hier kann man den ‚Weg der Stille’ gehen, einen Meditationsweg mit Tafeln, auf denen Psalmen und Gedanken der Hildegard von Bingen wiedergegeben sind. Man betritt mit dem Disibodenberg einen Ort, an den Hildegard 1122 mit acht Jahren kam (nach Angabe der Mönche Gottfried und Theoderich, die ihre Vita verfasst haben) und an dem sie 1141 mit der Aufzeichnung ihrer Visionen begann.
 


Weg bei Weiler


Weiler mit Kirchturm St. Maria-Magdalena


Blick auf Münster-Sarmsheim


Die Nahe in Bad Kreuznach

Nach langen Tagen eines verregneten Mais beginnt von Bingerbrück aus eine Wanderung, die im Sonnenschein durch idyllische Dörfer, an Weinhängen vorbei, manchmal auch entlang der Nahe führt. Die Panoramaaussichten sind großartig, endlich ist der Himmel wieder blau und weit. Und Kirchen geben immer wieder Gelegenheit, in Stille einzutreten. Der Weinwanderweg, der auf den ersten Kilometern noch dem Ausoniusweg folgt, ist leicht zu gehen. Die Höhenunterschiede sind moderat. Über Weiler, Münster-Sarmsheim, Laubenheim, Guldental und Bretzenheim erreiche ich spät am Abend Bad-Kreuznach. Für Jakobspilger ein besonderer Ort ist auf dieser Strecke Guldental (siehe hierzu den Artikel ‘Guldental’ >>>).
 


idyllische Altstadt, Bad Kreuznach


Blick auf die Pauluskirche, Bad Kreuznach


Weg bei Bad Kreuznach


die Nahe zwischen Bad Kreuznach und
Bad Münster am Stein

Am nächsten Tag geht es recht früh zunächst die Weinberge, dann aber die Nahe entlang nach Bad Münster am Stein, wo mich besonders die heute evangelische Wehrkirche aus dem 12. Jahrhundert interessiert. Den Disibodenberg bei Staudernheim erreiche am späten Nachmittag.
 


die Nahe bei Bad Münster am Stein


Zehntscheune, Bad Münster am Stein


Madonna, Kirche Maria Himmelfahrt,
Bad Münster am Stein


romanische Wehrkirche, Bad Münster am Stein

Das Museum am Fuße des Klostergeländes ist geschlossen, aber der Eingang zum Parkgelände offen. Der Gang durch die Ruinen, die man gar nicht mit solch einem Wort bezeichnen möchte, ist ein Zeitsprung weit, weit zurück. Ich bin alleine auf dem Berg. Die Reste der Klosteranlage sind freigelegt inmitten eines Waldes. Am Rand des Berges und des Waldes eröffnen sich weite Aussichten über Weinhänge und das Tal der Nahe. Auf einem schmalen Weg um die Klosteranlage herum stehen die Tafeln mit den Texten. Einer, so recht für den Pilgerweg, lautet: „Gott kann nicht durchsucht und durchsiebt werden nach Menschenart, weil in Gott nichts ist, was nicht Gott ist.“ (hl. Hildegard)
 


Klosteranlage Disibodenberg


Blick vom Disibodenberg

Ich verlasse den einsamen, friedlichen Berg mit seiner besonderen Geschichte, besuche in Staudernheim St. Johannes Baptist, eine barocke Saalkirche mit Figuren u.a. der Heiligen Hildegard und des Heiligen Disibod. Dieser war ein irischer Mönch und Einsiedler (im 7. Jh.). Er ist sozusagen der Gründungsvater des Klosters auf dem Disibodenberg.. Hildegard von Bingen hat seine Vita verfasst (‘Vita Sancti Disibodi’), wobei sie sich auf eine visionäre Offenbarung beruft. Aber auch mündliche Überlieferungen, die Hildegard bekannt waren, dürften eine Rolle gespielt haben. Der früheste historische Beleg für Disibod findet sich im ‘Martyrologium’ des Hrabanus Maurus (850). Zu weiteren bildlichen Darstellungen siehe die Fotogalerie mit Bildern der Disibodfenster in Bad Sobernheim in den Kirchen St. Matthäus und St. Matthias >>>. Ein ausführlicheres Kapitel zu Disibod gibt es in dem Buch ‘Entlang des Glan’ >>>.
 


Bauernhof am Disibodenberg


Panorama von der Nahebrücke Staudernheim

Später auf der Nahebrücke bietet sich ein offenes, idyllisches Panorama nach Westen und Süden hin, verlockend zu weiteren Wegen. Der Gang entlang der Nahe hat sich als eine gute Wahl erwiesen. Als nächstes kommt die Etappe bis Kirn und vielleicht über Kirn hinaus. Von Bingen bis zum Disibodenberg war es auf jeden Fall eine sinnvolle Pilgerstrecke.

Zur Information: Als Wanderkarte diente ‘Weinwanderweg Rhein-Nahe’, hrsg. von Naturpark Soonwald e.V., Maßstab 1:50 000. Die Markierung der Strecke mit dem Wegezeichen des Weinwanderweges ist im allgemeinen gut, könnte jedoch an einigen Stellen nachgebessert werden. Die Orientierung ist aber insgesamt leicht, da man das Nahetal meist im Blick hat. Auf den ersten Kilometern bis nach Weiler sind Ausoniusweg und Weinwanderweg identisch. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in den Orten an der Nahe genug, so dass man sich die Etappen individuell einteilen kann. Die Länge der Strecke auf dem Weinwanderweg beträgt etwa 70 Kilometer. Für das leibliche Wohl sorgen in den kleinen Dörfern Straußwirtschaften. Der Weinwanderweg ist bei weitem nicht so frequentiert wie etwa der Rotweinwanderweg entlang der Ahr, so dass hier ein ruhigeres und beschaulicheres Pilgern durch eine sehr schöne Landschaft möglich ist.

Siehe zu Bingen auch folgende Artikel: ‘Von Bingen zum Kloster Jakobsberg’
>>> und ‘Louise Seidler und das Rochusbild in Bingen’ >>>

Zum speziellen Binger Hildegard-Weg, der im Stadtgebiet Bingen angelegt ist, siehe folgenden Link >>>
 

2014 hierzu erschienen: ‘Via Hildegardis - Der Hildegard von Bingen - Weg’, Pilgerführer, 116 S., mit zahlreichen Farbfotos. Das Buch beschreibt den Weg von der Abtei St. Hildegard bei Eibingen/Rüdesheim hin zum Disibodenberg. Mit einer attraktiven Variante für die letzte Etappe und einem Anhang mit Unterkunftsmöglichkeiten, Anreise usw. >>>

 

 

 

 

 

Fortsetzung - Teil II  ‘Vom Disibodenberg nach Kirn’ >>>

 

 

 

Bonn, Juni 2013