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Von Neuwied nach Koblenz-Ehrenbreitstein

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Wegeskizze (nicht maßstabsgerecht)

Von Neuwied geht es auf dem Deichstadtweg, dessen Panorama hier allerdings nicht zu den Highlights der deutschen Natur- und Kulturlandschaft zählt, weiter Richtung Engers. Linker Hand begleiten einen Industriegebäude, von rechts, auf der anderen Rheinseite, grüßt der Klotz des AKW Mülheim-Kärlich, ein Atomkraftwerk, das gebaut, aber nie in Betrieb genommen wurde. Man hat einen Hafen, den man sich vom Rhein entfernend nicht sieht, zu umrunden. Doch dann kommt mit dem Engerser Feld und dem Vogelschutzgebiet Urmitzer Werth für ein paar Kilometer eine sehr schöne Strecke unmittelbar am Rhein bis hinein in den Ort Engers. Hier mag man neben dem Schloss, mit Anblick auf malerisches Fachwerk, in einem der Cafés oder Restaurants verweilen. Die beiden Kirchen, die evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Kirche und die katholische Pfarrkirche St. Martin, 1896 in neospätromischen Formen erbaut, sind leider geschlossen. Eine Vorgängerkirche ist bereits im 14. Jahrhundert dokumentiert. Zur Ausstattung der Martinskirche gehört u.a. eine gotische Madonna mit Kind.

Von Engers an entfernt man sich vom Rhein. Der Weg wird auf Nebenstraßen nun weniger schön, bis er von Bendorf nach Vallendar unzumutbar und sogar gefährlich wird. Eingezwängt zwischen der viel befahrenen B42 und den Bahngleisen hat man sich auf einem durch eine weiße Linie markiertem Randstreifen zu bewegen und kommt sich vor, als marschiere man auf der Standspur einer Autobahn. Von vorne donnern einem die Züge entgegen. Von hinten sausen die Autos vorbei. Offiziell ist der Streifen als Radfahrweg ausgewiesen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich hier eine mit Kindern radelnde Familie entlang wagt. Es ist das klassische Beispiel einer rücksichtslosen Verkehrsplanung in einer von Automobilen dominierten Welt. Rheinhöhenweg und Rheinsteig umkurven diese Gegend meilenweit. Eine Passage am Rheinufer ist nicht möglich. Man atmet auf, wenn man Vallendar erreicht hat.

Hier versöhnt der Besuch der sehr schönen Marzellinuskirche mit ihrem kostbaren Inventar. Und nicht weit davon entfernt ist die ‚Marienburg’, das Haus D’Ester, wo auf einem Informationsschild zu lesen ist, dass Goethe 1774 hier verweilte. Das genaue Datum ist der 18. Juli. Da war der erst 25-Jährige als Bestsellerautor (‚Werther’) und ‚Enfant Terrible’ (sinngemäß übersetzt mit ‚Bürgerschreck’) ein gern gesehener Gast, auf den man neugierig war. Grund für Goethes Besuch dürfte die bildschöne 18-jährige Maximiliane Brentano gewesen sein, die er neben Charlotte Buff im ‚Werther’ verewigt hatte. Goethe hat auch den bei Vallendar gelegenen Wüstenhof besucht (Ausflugslokal am Rheinsteig mit wunderbarem Ausblick auf den Rhein), indes hier aber nicht, wie man veranlasst wird zu glauben, das Gedicht ‘Heideröslein’ (‘sah ein Knab ein Röslein stehen’) verfasst. Die schon zur Straßburger Zeit geschriebenen Zeilen beziehen sich auf die schöne Pfarrerstochter Friederike Brion (‘ein allerliebster Stern’). An von Goethe besuchten Orten muss ich meist schmunzeln. Darüber, wie Schule und Bildungsbürgertum Goethe verlangweilt haben. 

Von Vallendar geht es nun unmittelbar am Rhein entlang neben der Bahntrasse auf asphaltiertem Weg nach Koblenz-Ehrenbreitstein mit sehr schönem Blick auf die Moselmündung und das Deutsche Eck. Länge des hier beschriebenen Weges von Neuwied nach Ehrenbreitstein: circa 20 Kilometer (auf dem Rheinsteig 42 km). Wer die Strecke auf dem Rheinsteig nimmt, wird über die Festung Ehrenbreitstein geleitet und hat sechs Euro Eintritt zu bezahlen. Man kann den Festungsbereich allerdings auch auf einem gelb markierten Zubringerweg umgehen.

Es ist nun Zeit, eine erste Bilanz des rechtsrheinischen Weges von Bonn nach Koblenz zu ziehen und ihn mit dem linksrheinischen Weg zu vergleichen. Große Nachteile des rechtsrheinischen Weges sind der unzumutbare Streifen entlang der B42 vor Vallendar und die ausufernden Schleifen des Rheinhöhenweges bzw. des Rheinsteigs, wodurch die Distanzen zwischen den Orten meist verdoppelt werden. Der linksrheinische Rheinhöhenweg verläuft dagegen zwischen Bonn und Koblenz ohne nennenswerte Umwege und bietet faszinierende Ausblicke auf die Rheinlandschaft. Zwischen Andernach (gegenüber Neuwied) führt er durch das Nettetal und Streuobstwiesen auf ziemlich direktem Weg in den malerischen Weinort Güls an der Mosel. Von dort sind es nur noch vier Kilometer die Mosel entlang zum Deutschen Eck in Koblenz. Wer dennoch auch rechtsrheinisch gehen will, kann bei Rheinbrohl die Fähre nach Bad Breisig nehmen und dann weiter auf dem linksrheinischen Rheinhöhenweg über Andernach nach Koblenz pilgern.

Von Rheinbrohl nach Koblenz sind es auf dem rechtsrheinischen Rheinsteig nahezu 70 Kilometer. Von Bad Breisig, das gegenüber Rheinbrohl liegt, sind es auf dem linksrheinischen Rheinhöhenweg bis Koblenz dagegen 46 Kilometer. Auf dem linksrheinischen Pilgerweg trifft man mit Oberbreisig, Andernach und der Altstadt von Koblenz zudem auf mehr Orte mit Jakobusspuren.

Der nächste Artikel, der sich mit dem rechtsrheinischen Weg befasst, wird eine spektakuläre Strecke zwischen den Jakobsorten Lahnstein und Osterspai vorstellen. Allerdings wird auch hier gelten, dass die Distanzen auf dem rechtsrheinischen Rheinhöhenweg bzw. dem Rheinsteig doppelt so lang sind wie unmittelbar das Rheinufer entlang. Der Weg am Rheinufer ist fünf Kilometer hinter Lahnstein (ab Braubach) nicht zu empfehlen, weil er unmittelbar neben der B42 verläuft, so dass nur die Alternative Rheinsteig bzw. Rheinhöhenweg bleibt. An die Kondition stellt dieser Weg einige Anforderungen, belohnt aber mit einem faszinierenden Rheinpanorama und bietet mit Braubach und Osterspai zwei malerische Orte am Rhein.                 

 

Fotos Neuwied-Ehrenbreitstein >>>

 

Bonn, Juli 2012