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Oberwesel - Jakobsort am Mittelrhein

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

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Jakobusfresko (Ausschnitt), Oberwesel, Liebfrauenkirche

Von den Orten des romantisierten Loreley-Mittelrheins, also St. Goar, St. Goarshausen, Oberwesel und Bacharach, ist Oberwesel mit Abstand das jakobäisch bemerkenswerteste Kleinod. Die Formulierung ‚Santiago des Mittelrheins’ scheint verwegen, aber wer die prachtvolle Liebfrauenkirche, genannt auch die ‚Rote Kirche’, einmal besucht hat, wird darüber nicht den Kopf schütteln.

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Liebfrauenkirche, Oberwesel

Außerdem hat der so formulierte Titel einen ganz konkreten Bezug. Ist doch die Kathedrale von Santiago tatsächlich in der Oberweseler Kirche abgebildet, und zwar auf einem Jakobusfresko, das den Pilgerheiligen in schmuckem Ornat zeigt. Vor ihm kniet eine kleine Pilgerschar und bittet laut Inschrift, ‚Sant Jacop’ möge für die Pilgerreise ein gutes Wort bei Gott einlegen.

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Säulenfresko, Jakobus und Pilger

Der genaue Wortlaut der Inschrift: O heilliger Sant Iacop byt gott vor vns areme pilgerum [O heiliger Sankt Jakob, bitte Gott für uns arme Pilger.]

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Fresko, Ausschnitt

Das Fresko ist im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts entstanden, also zwei oder drei Jahrzehnte nach der berühmten Reise des Arnold von Harff. Ob er aber der Pilger im Vordergrund ist, muss dahingestellt bleiben. Man darf vermuten, dass dieses Fresko von Oberweseler Bürgern gestiftet wurde, die selbst nach Santiago gepilgert sind.

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Muschelwappen an der Kirche

Oberwesel wird in früheren Jahrhunderten ein viel besuchter Jakobsort gewesen sein, gab es an der Liebfrauenkirche doch laut ausliegendem Kirchenführer auch eine eigene Bruderschaft, die die Jakobspilger betreute. Belege hierfür fehlen allerdings.

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Liebfrauenkirche, Oberwesel

Unter den zahlreichen Fresken der Liebfrauenkirche finden wir auch eine Darstellung des Heiligen Rochus. Hier wird er, wie auch im nahen Bingen, vor allem in seiner Funktion als Helfer gegen die Pest gemeint sein, die in Oberwesel verheerend wütete. Davon zeugt die Transskription einer Pesttafel an der Kirche. Es ist die Klage eines Vaters über den Verlust des Sohnes.

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Fresko ‘St. Rochus’, Liebfrauenkirche, Oberwesel

„Hans Wendel Weimann – den Namen trugst du von Geburt an. Du warst die große Hoffnung des alternden Vaters. Du schläfst hier begraben in dem selben Grab in dem auch die Gebeine deines Bruders ruhen. Warum raffte dich der Tod zur Unzeit mir weg? Wehe! Wehe! Mein Sohn du hättest mir die Augen schließen sollen. Dein Vater hat (diese Tafel) machen lassen. Er ging aus dem Wirrwarr dieser Erde fromm und freudig weg während der sehr großen Pest in dieser Stadt am XI. Oktober im Jahre 1597. Er lebte XVI Jahre IV Monate V Tage. Der Tod erfüllt das Gesetz – Er rafft mit dem Bettler auch den König hinweg.“

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Goldaltar, Liebfrauenkirche

Die Kirche beherbergt auch einen der frühesten und wertvollsten Schnitzaltäre des Rheinlandes, den so genannten ‚Goldaltar’. Sein Aufbau gleicht einer gotischen Kathedralfassade. Dargestellt wird auf dem dreiflügligen Altar das Heilswerk Gottes an den Menschen. Ursprünglich befanden sich im Goldaltar 56 Figuren. 1975 wurden alle geraubt, bis auf drei sind sie aber mehr oder minder beschädigt zurückgekommen und mussten aufwendig restauriert werden. Das Kapitel Kirchenraub gehört leider zu den zunehmend traurigen und ist verantwortlich dafür, dass der Pilger oft vor verschlossenen Türen steht.

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Lettner, Liebfrauenkirche

Machten früher Wiedertäufer und Bilderstürmer den Figuren zu schaffen, so sind es heute Spitzbuben und Kunsthehler, die sich an den Schätzen vergreifen. Aber dennoch ist die Liebfrauenkirche – unter Bewachung - täglich von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

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Jakobusfresko, St. Martin, Oberwesel

Eine weitere Jakobusspur findet sich in der Kirche St. Martin, die nördlich der Liebfrauenkirche mit schönem Blick über Rhein und Oberwesel liegt. Hier ist es ein schon etwas verblasstes Fresko, das Jakobus mit muschelbesetztem Buch als Pilger zeigt.

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St. Martin, Oberwesel

Auch diese Kirche (älter als ‚Liebfrauen’) mit ihren zahlreichen Fresken und weiterer reicher Ausstattung ist sicherlich ein Kleinod des Mittelrheins. Besonders auffallend ist ihr wuchtiger Westturm mit Wehrgang und Ecktürmchen.

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Blick von St.Martin auf den Rhein

Alles in allem: Wer auf Pilgertour in dieser Gegend des Mittelrheins ist, kann getrost auf die von Brentano erfundene und von Heine besungene Loreley verzichten. Oberwesel ist attraktiver.

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Bonn, März 2010