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Die Jakobskapelle in Osterspai

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)
 

Auf dem Weg von Braubach nach Osterspai

Osterspai

Osterspai, gelegen gegenüber dem linksrheinischen Jakobsberg bei Boppard, ist ein Juwel für Jakobspilger. Und natürlich nicht nur für diese, denn der malerische Ort hat bereits mehrere Preise gewonnen in der Kategorie ‚Unser Dorf soll schöner werden’. Zudem bietet der Jakobsweg von Braubach nach Osterspai - zugleich auch Rheinsteig und abschnittsweise Rheinhöhenweg -  faszinierende Ausblicke auf das Rheinpanorama.
 

Jakobuskapelle, Osterspai

Jakobusfigur von Antonio Bernal Redondo

Zwei sehr schöne Jakobusfiguren sind zu entdecken. Die eine, die ältere, in der hellen, freundlichen Kirche St. Martin. Die andere, aus dem Jahr 2005, in der Osterspaier Jakobuskapelle. Diese ist in Privathand, dient aber zugleich auch dank dem freundlichen Entgegenkommen der Besitzer öffentlichen Gottesdiensten und auch anderen festlichen Veranstaltungen.  

Natürlich war ich neugierig auf das Innere der Kapelle und auf die Jakobusfigur, die der spanische Bildhauer Antonio Bernal Redondo aus Córdoba geschaffen hat. Gegenüber modernen Jakobusfiguren ist mir eine gewisse Skepsis zu eigen geworden, da sie manchmal nichts anderes widerspiegeln als die Zerrissenheit einer einseitig wissenschaftlich orientierten Profit- und Industriegesellschaft und auch von zweifelhafter Ästhetik sind.
 

Jakobuskapelle, Osterspai

Fresko, Jakobuskapelle, Osterspai

Es war eine angenehme Ãœberraschung, als die Baronin von Preuschen, eine Vase mit frischen Blumen in der Hand – am nächsten Tag sollte es einen Gottesdienst und eine Taufe in der Kapelle geben – die Pforte öffnete und ich eine im klassischen spanischen Stil geschaffene Figur sehen konnte. Ãœberraschend auch die Spuren verwitterter Fresken, deren eines, es ist nur eine Vermutung, Jakobus als Matamoros zeigen könnte. Eine solche Darstellung wäre in Deutschland ungewöhnlich, aber nicht ausgeschlossen. Die Haltung des Reiters und der Galopp des Pferdes zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit mit entsprechenden spanischen Abbildungen. Ungewöhnlich auch der Hut des Reiters, der weder zu St. Georg noch zu St. Martin passen will. Wie gesagt, es ist nur eine Vermutung, eine vielleicht etwas verwegene Spekulation. 

Die am Rhein gelegene Kapelle besteht wahrscheinlich schon seit mehr als tausend Jahren, Vorgängerbauten sind bei dieser Zeitangabe mit einkalkuliert. Im Jahr 973 bestätigte Kaiser Otto II. dem Kloster Oeren in Trier seine Besitzungen, darunter auch eine Kirche in Osterspai, mit der nicht die erheblich spätere Martins-Kirche gemeint sein kann, sondern wohl nur die Kapelle im Burgbering.

1074 schenkt Erzbischof Anno II. von Köln das Dorf Osterspai (‚Villa orientalis speie cum ecclesia’) dem Kölner St. Kuniberts-Stift. Die Kölner dürften darüber sehr froh gewesen sein. Die Kapelle war unterkellert. Weinfässer werden dort gelagert haben, und das köstliche liturgische Getränk aus der Osterspaier Umgebung wurde rheinabwärts in das Kölner Gebiet verschifft.

Was die genaue Historie der Kapelle betrifft, ist man auf einige Vermutungen angewiesen. Einen ausgezeichneten und spannenden Einblick in die Geschichte der Pfarrei Osterspai gibt das Buch von Karl Bender (720 Jahre Pfarrei Osterspai), in dem man auch mehr von den Hypothesen zur Jakobskapelle erfahren kann. Die Kapelle, zuvor als Peterskapelle erwähnt, wurde übrigens erst 1776 dem Heiligen Jakobus geweiht. Zumindest seit dieser Zeit aber spielt der Pilgerapostel eine nicht unbedeutende Rolle in dem Ort. Osterspai feiert auch eine Jakobskirmes.

Verblüffend ist für mich die Dichte der Jakobusdarstellungen in diesem rechts- wie auch linksrheinischen Gebiet. Mit Rhens, dem Bopparder Jakobsberg und eben auch Osterspai darf man vermuten, dass man es hier mit bedeutenden historischen Routen zu tun hat. Und wieder einmal komme ich nach dem Besuch von Osterspai zu der Überzeugung, dass Deutschland mit dem mittelrheinischen Camino über den schönsten Jakobsweg-Abschnitt Europas verfügt. Das gilt landschaftlich wie auch kulturell.

 

 

Bonn, August 2012