Home

   Berichte

Spurensuche

Rheincamino

Vogelsberg

Literatur

Diashow

Vortrag

Impressum

Links

Ruta Literaria

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

am Rio Sar in Padrón

Blick auf Padrón vom Convento do Carme

Padrón/Iria Flavia liegt etwa 20 Kilometer südwestlich von Santiago de Compostela. Den Pilgern ist es bekannt als der Ort, an dem die Jakobuslegende begann. Hier nämlich, wie man den Translationsberichten entnehmen kann, landete das Schiff mit dem Leib des Apostels. In Padrón entdeckt man allenthalben Reliefs oder auch Plakate, die dieses Ereignis darstellen. Auch das Stadtwappen von Padrón enthält dieses Motiv. Den Fortgang der Geschichte mit der Bekehrung der keltischen Adligen (Königin?) Lupa stellt die Jakobusskulptur am Carmenbrunnen dar. Padrón wurde zum Ausgangspunkt der Wallfahrt nach Santiago für die Pilger, die von See her kamen. Heute ist Padrón Station des Camino Portugués, der, von Lissabon kommend, auf spanischer Seite vom Grenzort Tui nach Compostela führt.
 

eine der zahlreichen Darstellungen der
Landung in Padrón/Iria Flavia

Jakobus bekehrt Lupa, Skulptur an der ‘Fuente del Carmen’

In diesem Artikel soll nun aber nicht von der Jakobuslegende berichtet werden, sondern von Padrón als Wiege bedeutender spanischer Literatur. Und so gibt es tatsächlich den Begriff ‚Ruta Literaria’. Es ist ein Weg, der von der Santiagobrücke, auch als Ponte do Carme bezeichnet, über den Fluss Sar führt. Hier trifft man gegenüber der Santiagokirche auf ein Denkmal der galicischen Dichterin Rosalía de Castro (1837-1885). Einige biographische Daten habe ich bereits in einem anderen Artikel gegeben, so dass ich sie hier nicht zu wiederholen brauche (siehe dazu ‚Rosalía de Castro’ >>>). Biegt man von der Promenade entlang des Sar bald ab in die Innenstadt, gelangt man zur Praza Macías mit dem Denkmal des galicischen Troubadours Macías, der zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert lebte und wesentliche Impulse für die nachfolgende spanische Literatur setzte. Bekannt wegen seiner Lieder und Gedichte ist er auch als ‚Der Liebende’. Eine weitere Macías-Skulptur findet sich im botanischen Garten Padróns. Hier auch ein Denkmal des galicischen Schriftstellers Daniel Rodriguez Castelao. Besonders hervorheben aber will ich auf dieser ‚Ruta Literaria’ Rosalía de Castro und den spanischen Nobelpreisträger für Literatur Camilo José Cela.
 

Denkmal Rosalia de Castro, Padrón

Büste Camilo José Cela, Padrón

Auf dem Jakobsweg (gemeint ist jetzt der Camino Primitivo) mag die erste Begegnung mit Rosalía de Castro in Lugo stattfinden. Vier Jahre (1864-1868) hat sie hier verbracht. Eine Gedenktafel ist an dem eher unscheinbaren Haus Nr. 2 in der schmalen Gasse der Rúa das Nórias angebracht. Einblick in ihre Lebensverhältnisse gibt dann aber in Padrón ihr Domizil gegenüber dem Bahnhof. Es ist zugleich auch mit einem schönen Garten ein ihr gewidmetes Museum.
 

Das Haus in der Rúa das Nórias, Lugo

Gedenktafel am Haus Nr. 2, Lugo

Wer von Lugo aus auf dem Camino Primitivo nach Santiago geht, wird möglicherweise auch auf Rosalia de Castros Spuren wandern. Ein alter Römerweg führte von Lugo über den Miño nach Iria Flavia. Solche Reisen oder auch Wanderungen von Lugo in ihre Heimatstadt wird sie aber kaum als Pilgerin unternommen haben. Zu ihren Lebzeiten gab es den  Jakobsweg faktisch nicht mehr. 1589 waren die Gebeine des Apostels aus Furcht vor Plünderung durch Sir Francis Drake versteckt worden und das Grab in Vergessenheit geraten. Jahrhunderte später, 1879, startete man eine neue Auffindung, die 1884 durch Papst Leo XIII. mit der Bulle ‚Deus omnipotens’ bestätigt wurde. Erst mit dem Todesjahr Rosalia de Castros, 1885, begannen neue Pilgerreisen nach Santiago de Compostela. Die eigentliche Renaissance des Weges aber startete erst 1937 mit einem Dekret Francos, das Jakobus zum Patron Spaniens erklärte. Der Hype mit den Heerscharen auf dem Camino Francés, wie wir ihn heute erleben, ist ein Phänomen vom Ende des 20. Jahrhunderts. Ein wesentlicher Markierungspunkt ist hier das Jahr 1993, als die UNESCO den Weg zum Weltkulturerbe erklärte.
 

Brücke über den Miño

Römischer Meilenstein in San Román

In Santiago de Compostela ruhen Rosalia de Castros Gebeine, was nicht unproblematisch ist. Entgegen ihrem Wunsch ließ man sie nicht auf dem Friedhof von Iria Flavia, sondern überführte sie 1891 in das Mausoleum von San Domingos de Bonaval, in den ‚Panteon de Galegos Ilustres’, der galicischen Berühmtheiten. Das massive steinerne Grabmal will nicht so recht passen zu der ‚galicischen Nachtigall’. Schlichter und schöner ist dagegen der ursprüngliche Grabstein in Iria Flavia (unmittelbar an der Friedhofsmauer).
 

San Domingos de Bonaval, Santiago de Compostela

Grabmal Rosalia de Castro im Mausoleum

Vom botanischen Garten in Padrón setzt man den Weg fort Richtung Bahnhof, überquert an der Schranke die Schienen und wendet sich dann nach links, wo man nach ein paar Metern auf das Haus Rosalía de Castros trifft. Es ist zugleich auch Museum, das Einblick in ihr Leben gibt. Man entdeckt Gemälde, Zeichnungen, Autographen, die Möbel und die Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert. Man kann sogar einen Blick auf die Glastüren ihres Kleiderschrankes werfen und sich vorstellen, wie anmutig sie nach der galicischen Mode gekleidet war. Einblick in die galicische Welt und Lebensweise bekommt man übrigens auch sehr gut in Santiago de Compostela im Galicischen Landesmuseum (Museo de Pobo Galego) von San Domingos de Bonaval. Was Rosalía de Castro betrifft, ist Padrón natürlich authentischer.
 

Haus und Museum in Padrón

Porträt Rosalia de Castro, Museum Padrón

Grabstein Rosalia de Castro, Iria Flavia

Friedhof und Kirche in Iria Flavia

Nach dem Besuch des Museums geht man zurück über die Schienen, wendet sich nach rechts, passiert den Bahnhof und sieht bald schon die Türme der Kirche von Iria Flavia. Von der Straße her kommend betritt man den Friedhof und findet dort sogleich (es ist der vierte Grabstein) die Ruhestätte des 1916 in Iria Flavia geborenen Camilo José Cela. Auf der Grabplatte ist angegeben ‚Marqués de Iria Flavia’. Diesen Titel hatte ihm 1996 der spanische König verliehen. Den Nobelpreis für Literatur hatte er 1989 erhalten. Am anderen Ende des Friedhofs, an der Mauer auf der Seite des Eingangsportals der Kirche, findet sich dann der bereits erwähnte Grabstein Rosalía de Castros. Und jenseits der Mauer eine expressionistisch anmutende Büste Celas. Sie spiegelt recht gut eine gewisse Zwiespältigkeit, die Cela beim spanischen Lesepublikum auslöste. So wurde etwa sein Roman  ‚La familia de Pascual Duarte’ (1942) von der Zensur verboten. Dem nachfolgenden Roman ‚La Colmena’ (Der Bienenkorb) warf die Zensur Unmoral und Pornographie vor. Deswegen erschien dieser Roman 1951 zunächst in Buenos Aires. 

Wer sich ein Bild von der zuweilen als ‚ungehemmt maskulin’ bezeichneten Sinnlichkeit dieses unbequemen Schriftstellers machen will, lese etwa ‚Neunter und letzter Wermut – Achtundzwanzig Geschichten aus dem spanischen Leben’ (in deutscher Übersetzung im Berliner Wagenbach-Verlag erschienen) und hier insbesondere ‚Die ungewöhnliche und ruhmreiche Heldentat der Rute von Archidona’.

Einigen Stellen aus dem Werk Celas kann man entnehmen, dass er eine innige, liebevolle Beziehung zu Santiago de Compostela hat. So beschreibt er etwa in der Reiseerzählung ‚Vom Miño zum Bidasoa’ (1952) den Gang durch die Bogengänge des geliebten, alten Santiago de Compostela, und er betritt die Kathedrale, um dem Heiligen zu danken.

Von Rosalía de Castro ist in deutscher Übersetzung erschienen ihr letztes Werk ‚En las orillas del Sar’ – An den Ufern des Sar (Suhrkamp, Weißes Programm Spanien, 1991).

Der Sar ist der Fluss, an dem Padron liegt. Er mündet bald in den Ulla. In Padrón wird man ihn sozusagen zweimal entdecken. Einmal am Rand der Stadt als hässlichen Kanalabzweig in Nähe des Bahnhofs. Dann aber als idyllischen, fischreichen Fluss, über den am Carmen-Convent die Santiago-Brücke in die Innenstadt führt.

Von Santiago de Compostela aus gelangt man leicht nach Padrón. Die Fahrt mit dem Zug dauert noch keine zwanzig Minuten. Vom Bahnhof in Santiago fährt man vormittags nach Padrón und kann mit dem Abendzug gegen acht zurückkehren. Man kommt in Padrón auf Gleis 1 (via 1) an und fährt in der Gegenrichtung auch von Gleis 1, nicht auf dem gegenüberliegenden Gleis 2, wieder ab, was selbst bei den Spaniern, die auf die Ankunft des aus Vigo kommenden Zuges warteten, für einige Verwirrung sorgte. Auf dem Bahnhof selbst ist hierzu auch keine Information angegeben. Ebenso gibt es auch keinen Schalter oder Automaten. Das Ticket für die Rückfahrt besorgt man sich entweder schon in Santiago oder später dann im Zug. Soviel zu einer technischen Information. Es war schon ein seltsames Schauspiel, die ratlosen Fahrgäste zwischen Gleis 1 und 2 über die Gleise, zum Horizont spähend, hin- und herwandern zu sehen.

Auf eine Begegnung mit dem Werk von Rosalía de Castro werde ich anderer Stelle noch eingehen. Es ist die Geschichte des „cravo cravado” aus den ‚Cantares Galegos’.

Bonn, August 2013