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Über den Puerto del Palo

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

am Puerto del Palo

Um den Puerto del Palo zu überqueren, hatten wir uns für die etwas längere südliche Variante entschieden, nicht wegen der Bedenken auf der einsameren Nordroute die nächste Verpflegungsmöglichkeit erst in 22 Kilometern zu finden, sondern weil uns der südliche Weg wegen La Mortera, Porciles und Pola de Allande einfach interessanter vorkam. Einsame Natur würden wir auch ab Pola de Allande genug erleben und von Pola bis zur nächsten Versorgungsmöglichkeit in Lago, wo sich eine kleine Bar befindet, waren es ja auch immerhin etwa 15 Kilometer. Man musste Wasser mitschleppen, was aber an diesem Tag, weil es kühl war, nicht so ins Gewicht fiel. Die Etappe war als Hochgebirgsetappe ausgezeichnet, was jedoch Vorstellungen auslösen mag, die nicht ganz zutreffend sind. Es geht schließlich nur auf 1146 Meter und die Wege sind ohne Kletterei gut begehbar. Es ist also überhaupt nicht zu vergleichen mit der Alpenroute etwa von München nach Venedig. Dennoch: Es geht stetig bergauf, auf manchen Metern sogar steil, und es ist auf die Dauer tatsächlich anstrengend. Man schleppt ja nicht nur sich selbst hinauf, sondern auch noch das Gepäck. Und schließlich ist man nicht trainiert wie ein tibetischer Sherpa, sondern hat gerade erst begonnen, das Winterfett abzuschmelzen.
 

Pola de Allande

auf dem Weg zum Puerto del Palo

Der Aufstieg zum Puerto del Palo ist schön. Es geht vorbei an Quellen, Bächen, durch eine archaische Landschaft, durch unberührte Natur, und irgendwann hat man auch die Höhe erreicht, wo einen nicht mehr das Geläute der Kuhglocken begleitet. Auf der Höhe selbst weht dann ein frischer Wind, die Landschaft ist karg, bestehend aus Gestein, Felsen, Heide. Auf einer Bergkuppel grasen Wildpferde. Der Blick schweift über die Weite einer grandiosen Bergwelt. Der erste Abstieg ist nicht weniger anstrengend. Es geht oft über Geröll. Man ist beim Camino Primitivo gehalten, gut in Schuhe zu investieren, denn die müssen auf der gesamten Strecke einiges aushalten.
 

auf dem Weg zum Puerto del Palo

auf dem Weg zum Puerto del Palo

Ein fast verlassenes Bergdorf erscheint. Montefurado. Idyllisch muten die Steinhäuser an, aber es ist kaum noch Leben hier. Ein alter Mann kommt uns auf dem Weg entgegen, das Gesicht wettergegerbt. Er nickt wortlos.
 

am Puerto del Palo

am Puerto del Palo

Schließlich erreichen wir Lago. Es ist Abend geworden. Für den weiteren Weg nach Berducedo sind wir zu müde. Außerdem hat es begonnen zu regnen. Wir bestellen zwei Cerveza und folgen dann dem Rat des Wirtes, als er hört, dass wir mit dem Zelt unterwegs sind, doch einfach unter dem Vorbau der Marienkirche zu schlafen. Solche Orte lieben wir. Sie vermitteln Geborgenheit. Wir nehmen eine Flasche Vino Cosechero aus der Bar mit und gehen den Weg hinunter zur Kirche. Es ist bereits dunkel geworden. Draußen rauscht der Regen, trommelt auf das Dach. Wir breiten die Schlafsäcke auf den Steinfliesen aus. Aus unseren Rucksäcken kramen wir Pullover und lange Unterhosen. Es ist empfindlich kühl geworden. Wir stehen innen im Vorbau an einer Mauer, schauen hinaus in den Regen, trinken Rotwein und unterhalten uns über Marienwunder. Ich denke dabei an einen Roman von Franz Werfel und sein Zitat: „Der veruntreute Himmel ist der große Fehlbetrag unserer Zeit.“

Bonn, Mai 2013