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”Wir sind dann mal weg!”
Werner Rauch aus Bottrop und Hansjörg Böheim wanderten auf
dem Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela.


Text: Hansjörg Böheim/Fotos: Werner Rauch

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Am 24.04.2007 ging unsere Reise und Wanderung nach Santiago de Compostela los, Training und Vorbereitung waren beendet, die Wirklichkeit konnte und sollte nun endlich beginnen. Wir beide machten zu Hause bereits 400 km mit dem Rucksack. Mit dem Zug ging es über Duisburg nach Köln, Paris-Nord, Paris Austerlitz, von dort mit dem Nachtzug weiter nach Bayonne und schließlich mit dem Regionalzug nach St.-Jean-Pied-de-Port, das wir am 25.04.2007 gegen 09.30 Uhr erreichten. St.-Jean war früher die Hauptstadt des französischen Navarra und ist heute einer der wesentlichen Startpunkte für die Wanderung nach Santiago. Schon in Paris waren wir mit französischen Jakobspilgern zusammengetroffen, im Zug nach St.-Jean saßen bereits etwa 30 Personen, alle mit Ziel Santiago und alle sehr kontakt- und gesprächsfreudig.

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Fluss Nive in St. Jean

In St.-Jean holten wir uns den ersten Stempel für unseren Pilgerpaß, kauften Brot, Wurst, Käse, Obst und Wasser ein, und dann ging es los! Es war herrliches, aber kühles Wetter. Vor uns erhoben sich die Pyrenäen: grau bis schwarz, zum Teil mit schneebedeckten Gipfeln, bedrohlich, beeindruckend, herausfordernd. Und diese mußten wir überschreiten.

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Aufstieg in den Pyrenäen

Der Übergang ist heutzutage wesentlich entschärft, da er in zwei Etappen bewältigt werden kann. In Orisson, auf etwa 770 m Höhe, gibt es eine neue Herberge, wo wir im Zelt übernachten konnten. Am nächsten Tag begann dann der Haupt-Aufstieg auf dem 1430 m hohen Lepoeder-Pass, danach der Abstieg zur 1060 m hoch gelegenen Abtei Roncesvalles. Die Pyrenäen zeigten sich zunächst von ihrer besten Seite bei sonnenklarem Himmel, mit angenehm kühlen Temperaturen und überwältigendem Ausblick auf die umgebende Bergwelt. Die gerade erwachende Frühlingsflora mit ihrer Farbenpracht war ein Genuß und über uns schwebten dauernd einzelne Gabelweihen und sehr viele Bartgeier. Beim Abstieg nach Roncesvalles schlug das Wetter um: Wir mußten durch dichte Wolken laufen, das Suchen des richtigen Weges war manchmal mühsam.

 
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Abstieg nach Roncesvalles

Und es waren sehr viele Pilger und Wanderer unterwegs. Man sah immer einzelne Personen oder Gruppen, man ging zwar für sich allein, aber immer in dem Bewusstsein: Da sind noch andere. Und an den Quellen oder Rastplätzen traf man sich. Man kannte sich inzwischen und tauschte die gewonnenen Erfahrungen aus.

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Schlafsaal in Roncesvalles

Von Roncesvalles ging es dann in zwei angenehmen Tagesetappen von je etwa 20 km Länge nach Pamplona, der Hauptstadt des spanischen Navarra. Nach der Einsamkeit der Pyrenäen-Landschaft war das quirlige, ja hektische Treiben in einer spanischen Großstadt am Samstagabend ein auf andere Weise beeindruckendes Erlebnis, dem wir uns auch mit Freude hingaben.

 
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Rathaus in Pamplona

Wir nutzten den Sonntagmorgen zu einem ausführlichen Stadtrundgang in Pamplona, ehe wir am frühen Nachmittag zur nächsten Herberge hinter Pamplona aufbrachen. Das war zwar nur eine kurze Tour, sie brachte uns aber näher an die für die nächsten Tage vorgesehene Überquerung des Puerto del Peron und die daran anschließende Wanderung nach Puente de la Reina.

 
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Eunate

Auf dieser berührten wir bei einem kleinen Umweg die Kirche Eunate, ein romanisches Kleinod, schlicht und vielleicht gerade deswegen beeindruckend, völlig alleine in der Landschaft stehend. Und am Endpunkt dieser Etappe erwartete uns die berühmte mittelalterliche Brücke in Puente de la Reina, wie sie in jedem Jakobsweg-Bildband aufgeführt ist. Wir standen jetzt aber in Wirklichkeit auf ihr.

 
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Puente de la Reina

Bisher hatten wir mit dem Wetter riesiges Glück: wenn überhaupt, dann hatte es nur kurz oder erst bei der Ankunft in den Herbergen geregnet. Aber als wir von Puente de la Reina aus starten wollten, da hatte es sich richtig eingeregnet. Wir machten uns soweit es ging regendicht und begaben uns auf den Weg. Soweit man das überhaupt noch Weg nennen konnte. Der offizielle Jakobsweg war lehmig, aufgeweicht, ja vielfach zum Flussbett geworden, man kam nur noch mühselig vorwärts. Einige der Wanderer verließen sogar den offiziellen Weg, sie liefen lieber auf der Autobahn hinter den Leitplanken, um einigermaßen sicher vor den Flussläufen voran zu kommen. Als wir völlig durchnässt waren, fanden wir in Lorca, auf der Hälfte unserer an sich vorgesehenen Tagesetappe, eine Herberge, in der wir noch unterkommen konnten.

 
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Pilgerfüße

Unsere Schuhe waren bereits völlig durchnässt, hoffentlich werden sie morgen soweit trocken sein, dass wir die Wanderung fortsetzen können. Wir hatten bereits heute Pilger gesehen, die den Weg in Sandalen gehen mussten, weil ihre Wanderschuhe vom gestrigen Tag her unbrauchbar waren. Und auch bei diesem Wetter ist festzustellen: Es sind Heerscharen von Pilgern und Wanderern unterwegs! Man läuft praktisch in einer langen Schlange, zwar durchaus mit Abständen von einigen zig Metern, aber nie allein. Und diese vielen Menschen treffen abends dann in den Herbergen zusammen, wo sie in Schlafsälen von zum Teil über 100 Personen untergebracht sind, mit nur wenigen Duschen und Toiletten. Aber es ist ja keine Luxus-Reise, die wir unternehmen, also sind wir zufrieden, ein Bett für uns zu haben und nachts die vielfältige Geräuschkulisse aller anhören zu können.

 
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in der Meseta

Es ist Mittwoch, der 09.05.2007, der 15. Tag unserer Wanderung nach Santiago de Compostela. Wir sind inzwischen ungefähr 280 km gewandert und befinden uns eine halbe Tagesreise vor der Stadt Burgos in Kastilien. Wir haben das französische und das spanische Navarra mit Pamplona und Rioja mit Logroño durchwandert und bereiten uns gedanklich auf die Meseta vor, die spanische Hochebene, die sich zwischen Burgos und León erstreckt und die für ihre Hitze und Einöde bekannt ist. Aber die Meseta beginnt erst übermorgen, und vorher wollen wir uns in Burgos umsehen.

 
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Werner Rauch - Puerto del Peron

Die Landschaft war bisher sehr abwechslungsreich, einerseits waren es noch Ausläufer der Pyrenäen, anderseits bereits die Ausläufer des Cantabrischen Gebirges, das sich über die gesamte Nordküste Spaniens erstreckt. Wir wanderten durch eine Hügellandschaft, umgeben von höheren Bergen, die teilweise noch mit Schnee bedeckt waren.

In Rioja und Navarra begleiteten uns riesige Weinfelder, in Kastilien waren es bisher noch größere Weizenfelder. Und was uns die Meseta zu bieten haben wird, davon lassen wir uns überraschen. Auf eines können wir uns wohl gefasst machen: der Abwechslungsreichtum, der uns bisher begleitet hat, ist vorerst vorbei.

 
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Sonnenaufgang nach Castrojeriz

Wie läuft so ein Tag ab, wenn man sich auf einer derartigen Wanderung befindet? Es hat sich ein bestimmter Rhythmus herausgebildet. Wir stehen morgens um 06.00 Uhr auf, machen Katzenwäsche, packen und befinden uns so gegen 6.45 Uhr auf dem Weg. Es beginnt dann zu tagen und ist hell genug, die Wegzeichen zu erkennen. So etwa nach 1-2 Stunden machen wir die erste Pause. Und frühstücken ordentlich, entweder vom Mitgebrachten (Wurst, Brot, Käse, Wasser) oder, wenn es die Gelegenheit ermöglicht, besuchen wir ein Cafe, wo wir uns zwei Tassen schwarzen Kaffee und ein Sandwich oder süße Teilchen schmecken lassen. Dann geht es weiter, und so gegen Mittag machen wir eine größere Pause zum Mittagessen aus dem Rucksack. Nach bisheriger Erfahrung muss man so zwischen 13°° und 14°° Uhr in der Ziel-Herberge (Refugio, Albergue) angekommen sein, weil sonst alles bereits belegt ist. Und viel länger macht es auch keinen Sinn, durch die Hitze zu wandern.

 
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Pilgerstatue

Dann beginnt die große Reinigung. Erstmal wird geduscht, dann wird Wäsche gewaschen (wozu oftmals nur kaltes Wasser zur Verfügung steht), dann kommen die Druckstellen an den Füßen und die anderen Wehwehchen dran, die man sich unterwegs zugezogen hat. Dann wird ausführlich Tagebuch geschrieben, der nächste Tag vorbereitet. Telefongespräche geführt oder ein paar SMS verschickt, mit anderen Wanderern fröhlich geplaudert, aber durchaus auch tiefsinniger diskutiert. Je nach Ort gibt es dann zwischen 19:00 Uhr und 20:30 Uhr in einem Restaurant ein Tages- oder Pilger-Menue (Kosten für 3 “Gänge“ incl. Rotweinflasche ca. 10.- €), und spätestens um 22.00 Uhr liegen wir im Bett.

Die Herbergen sind ganz unterschiedlich. Wir fanden bisher welche, in denen wir nur zu dritt in einem Raum übernachten konnten. Es war himmlisch ruhig. Wir schliefen aber auch bereits mit über 150 Personen in einem einzigen Schlafsaal mit allen dazugehörigen Geräuschen. Zum Glück sind wir beide etwas schwerhörig, so dass uns das nicht weiter störte. Mich persönlich stört dabei aber inzwischen nur noch das Bett: 1,90 m lang und nur noch 0,90 m breit. Ich hoffe, dass sich das wieder zum Besseren wenden wird. Die Kosten für eine Übernachtung in einer Herberge schwanken zwischen 3,- € bis 10,- €.

Was empfinde ich nun so unterwegs? Der anfängliche Reiz des Wanderns ist eher zur Gewohnheit geworden. Jeder läuft für sich allein, auch wenn ich mir der Gemeinschaft der anderen immer bewusst bin. Aber meine Aufmerksamkeit hat sich dem langsamen Bewegungsablauf angepasst: ich schaue intensiver, ich nehme deutlich mehr Kleinigkeiten wahr: einzelne Vögel, Blumen, Insekten – mehr, als es mir sonst in der üblichen Hektik möglich und bewusst ist. Und das genieße ich.

Ein gewisses Maß Einsamkeit ist also gegeben oder ist möglich auf dem Jakobsweg. Aber: es sind Heerscharen unterwegs! Eine Wanderin formulierte es einmal sehr drastisch: „Man kommt sich vor wie in einer Fußgängerzone!“ Das ist zwar etwas übertrieben, aber, wenn mal mehr als 50 m Abstand zum nächsten Wanderer besteht, dann ist es schon eine Seltenheit, oder man hat das Glück, eine Nebenroute gefunden zu haben, die von den anderen gemieden wird. Es sieht aus wie eine ganz lange Karawane ohne Anfang und Ende. Dies soll aber nicht als eine Art Beschwerde meinerseits verstanden werden, denn wir sind ja auch ein Glied dieser Karawane.

Früher hieß es, dass die Spanier, dann die Franzosen den Hauptteil der Wanderer auf dem Jakobsweg bildeten. Die Deutschen würden erst mit beträchtlichem Abstand folgen. Mein Eindruck ist ein anderer: Die Deutschsprachigen bilden die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt von den Englischsprachigen (England, USA, Kanada), den Spanischsprachigen (Spanien, Südamerika) und schließlich den Franzosen. Ist das schon ein „Kerkeling-Effekt“? Und man sieht auch viele, die mit nur ganz leichtem Gepäck laufen, die also den organisierten Gepäck-Transport nutzen. Aber wir wollen klassisch weiterwandern, nach Möglichkeit keine Verkehrsmittel nutzen, unser Gepäck selbst tragen, mit den manchmal unzulänglichen Verhältnissen auskommen und diese Erfahrung genießen.

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