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Rheincamino: links- oder rechtsrheinisch?

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Blick auf Kaub mit Pfalzgrafenburg

Blick auf die Loreley

In der Kürze, wie man den Rheincamino im Mittelalter gehen konnte, wird man ihm heute nicht mehr folgen wollen. Die alten Treidelpfade sind zumeist verschwunden oder nicht mehr begehbar. Linksrheinisch beeinträchtigen die B9 und die Zugtrasse die Freude am Pilgern oder Wandern. Rechtsrheinisch sind es die B42 und ebenfalls die Zugtrasse. Hier auf dem Radweg neben Bundesstraße und Zugschiene entlang zu gehen wird man sich nur in Ausnahmefällen antun, etwa bei schlechter Wetterlage, wenn Rheinhöhenwege, Rheinsteig oder Rheinburgenwege wegen Nässe zu gefährlich sind.

Es gibt allerdings auch links- wie rechtsrheinisch Passagen entlang des Ufers, die in einiger Entfernung vom Verkehr angenehm zu gehen sind. Linksrheinisch von Koblenz nach Rhens oder von Bacharach nach Trechtingshausen. Rechtsrheinisch von Bonn–Beuel nach Rheinbrohl und von Lahnstein nach Braubach. Das hilft, den Weg zu verkürzen. Ansonsten ist man auf die links- und rechtsrheinischen Wandersysteme angewiesen. Diese sind linksrheinisch der Rheinhöhen- und der Rheinburgenweg, rechtsrheinisch der Rheinhöhenweg und der Rheinsteig. Hinzu kommen noch lokale Wanderwege, so etwa die Weinwanderwege z.B. rechtsrheinisch zwischen Lorch und Rüdesheim, die einige der teils extremen Schleifen des rechtsrheinischen Rheinsteigs erheblich abkürzen, ohne dass man an Schönheit der Natur verliert.

Wie sehr der rechtsrheinische Rheinsteig im Vergleich zum linksrheinischen Rheinhöhenweg die Distanzen verlängert, kann man leicht den Kilometerangaben entnehmen. Bonn liegt bei Rheinkilometer 655, Mainz/Wiesbaden bei 500. Das Rheinufer entlang beträgt die Strecke also 155 Kilometer. Auf dem rechtsrheinischen Rheinsteig müsste man 320 Kilometer zurücklegen. Auf dem linksrheinischen Rheinhöhenweg dagegen nur 180. Der Rheinsteig verdoppelt also die Strecke, während der linksrheinische Rheinhöhenweg deutlich weniger Umwege macht. Ein extremes Beispiel für die Kehren und Umwege des Rheinsteigs ist rechtsrheinisch die Entfernung zwischen Rhöndorf und Bad Honnef. Die Rheinpromenade entlang sind es zwei Kilometer, auf dem Rheinsteig dagegen zwanzig. Für zielorientiertes Pilgern ist der rechtsrheinische Rheinsteig nur in einigen wenigen Abschnitten geeignet. Das gilt auch für den rechtsrheinischen Rheinhöhenweg, der manchmal sogar noch größere Schleifen und Umwege als der Rheinsteig nimmt.
 

Abstieg nach Lorch (rechtsrheinisch)

Rheinhöhenweg bei Brohl

Was die Schönheit der Natur und der Landschaft betrifft, nehmen sich links- oder rechtsrheinische Wege nichts. Immer wieder gibt es spektakuläre Ausblicke auf das Panorama des Mittelrheins. Auch was den reizvollen Schwierigkeitsgrad betrifft, stehen sich beide in nichts nach. Rheinsteig wie auch linksrheinischer Rheinhöhenweg haben ab und zu Abschnitte, wo Geländer, Drahtseile oder in Ausnahmefällen auch Trittbügel für Sicherheit sorgen. Beim Rheinsteig z. B. für den Abstieg nach Lorch. Beim linksrheinischen Rheinhöhenweg etwa für den Aufstieg von Brohl oder den Abstieg nach Boppard. Der Rheinsteig mag in dem Ruf stehen, der anspruchsvollere Weg zu sein. Das gilt aber nur für seine Länge und die damit zahlreicheren Auf- und Abstiege.
 

Weinwanderweg zwischen Lorch und Assmannshausen

Rheinhöhenweg bei Namedy

Linksrheinisch hat der Rheinhöhenweg, nimmt man ihn als Jakobsweg, den Nachteil an einigen Orten mit sehr sehenswerten Kirchen und auch Jakobusdarstellungen vorbeizuführen. Hier ist dann der Rheinburgenweg einzusetzen, der immer zu den Orten hinführt. In seinem Charakter gleicht er dem Rheinsteig, macht aber meist weniger Umwege.

Zwischen Bonn und Koblenz ist der Rheinhöhenweg durchweg zu empfehlen. Er verläuft nur unwesentlich länger als der Weg den Rhein entlang und führt auch hier schon durch eine sehr schöne Landschaft, gleich bei Bonn.
 

Rheinhöhenweg bei Rolandseck

Rheinsteig zwischen Leubsdorf und Ariendorf

Rechtsrheinisch müsste man für die Strecke Bonn-Beuel nach Koblenz-Ehrenbreitstein mit dem Rheinsteig große Umwege in Kauf nehmen. Sonst ist die Alternative der Gang den Rhein entlang bzw. zwischen Rheinbrohl und Leutesdorf der Gang durch die Weinberge. Vor Vallendar allerdings ist man auf den unzumutbaren Gang entlang der B42 angewiesen. Hier kommt man sich vor wie auf dem Standstreifen der Autobahn. 

Für einen zusammenhängenden mittelrheinischen Pilgerweg zwischen Bonn und Mainz ist eindeutig die linksrheinische Strecke vorzuziehen. Für den Jakobspilger kommt noch hinzu, dass linksrheinisch die Dichte der Jakobusdarstellungen als Pilgerapostel deutlich größer ist. Mit einer Kombination aus Rheinhöhen- und Rheinburgenweg und einiger Passagen das Rheinufer entlang lässt sich eine sehr schöne und angenehm zu gehende Strecke zusammenstellen, die durch eine faszinierende Natur- und Kulturlandschaft führt und auf jeder Tagesetappe bedeutende sakrale Stationen besuchen lässt.
   

Jakobusfresko mit Santiago-Kathedrale,
Oberwesel

Jakobusfresko, Gau-Algesheim

Was die Markierung der Wegesysteme betrifft, hat man leider begonnen, den linksrheinischen Rheinhöhenweg zu vernachlässigen. Beim rechtsrheinischen Rheinsteig wie auch dem linksrheinischen Rheinburgenweg ist sie dagegen vorzüglich. Das wird daran liegen, dass Rheinsteig und Rheinburgenweg stärker in den Blick eines boomenden Wandertourismus gekommen sind und entsprechende Förderungen erfahren. Das wird den Pilger aber nicht hindern, mit Hilfe der entsprechenden topographischen Karten linksrheinisch zu gehen. Hier wäre in Zukunft der linksrheinische Weg durchgehend von Bonn oder sogar von Köln bis zum Jakobsort Mainz mit dem Muschelzeichen zu versehen.

Man könnte über die Mittelrheinstrecke Bonn-Mainz hinaus den Weg von Köln nach Bonn mit einbeziehen, hat jedoch mit Wesseling das Problem der Industrie. Statt den Rhein auf einer ansonsten schönen Strecke entlang zu gehen, müsste man hier neben der Straße einige Kilometer durch Industriegelände zurücklegen. Das mag ein reizvoller Kontrast sein, sozusagen für eine Stunde die Rückkehr des Pilgers in die industrielle Wirklichkeit. Es gibt aber noch eine Alternative für die Strecke Köln-Bonn, und zwar der Weg von Köln über Brühl und Walberberg und dann entlang der Ville nach Bonn, wo man in Bonn-Poppelsdorf mit dem Rheinhöhenweg beginnen kann.
 

Rheinschleife bei Boppard

Blick auf Osterspai und Boppard

Für Pilger, die bis nach Santiago de Compostela gehen wollen, ist also die linksrheinische Variante zu empfehlen. Wer aber nicht unbedingt bis Spanien will, der hat mit dem Rheincamino eine wunderbare Alternative. Für ein längeres Pilgervergnügen in einer der schönsten deutschen Landschaften, die mit dem oberen Mittelrheintal seit 2002 zum UNESCO-Welterbe gehört, würde ich linksrheinisch von Bonn bis Mainz gehen und dann auf der rechten Rheinseite zurück nach Bonn. Man hätte damit, je nachdem wie man die Wegesysteme kombiniert, etwa 400 oder 500 Kilometer einen der schönsten Pilgerwege Europas. Die Infrastruktur ist hervorragend. Jeder Ort entlang des Rheins hat einen Bahnhof. Für Unterkunft ist immer gesorgt. Malerische Einkehrmöglichkeiten, um auch an das leibliche Wohl zu denken, sind zahlreich vorhanden. Ein Herbergssystem wie in Spanien fehlt allerdings noch in Deutschland. Unterkünfte lassen sich in privaten Pensionen aber noch für unter zwanzig Euro finden. Wer mit dem Zelt unterwegs ist, kommt natürlich preiswerter davon. Der Rheincamino ist auf jeden Fall ein ganz besonderes Erlebnis.

 

 

Bonn, August 2012