Pilgergruppe-I-850

Carmen Rohrbach: Jakobsweg

 

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Wir beginnen für diese kurze Besprechung mit einer Stelle, die sich etwa in der Mitte des Buches befindet. Carmen Rohrbach erinnert sich an eine Szene der Kindheit. Ihr Vater nimmt sie mit auf einen Spaziergang, trägt sie auf seinen Schultern.

„Von seinen Schritten gewiegt, wurde ich plötzlich meiner selbst bewusst. So, als sei ein Vorhang vor mir weggezogen worden. Zuerst sah ich die helle Sonne, die alles überstrahlte. Der Himmel war blau und weit. Dann erblickte ich den grünbewachsenen Feldweg und die wogenden Kornfelder, Mohn und blaue Kornblumen zwischen den Ähren. Und dort, wo Erde und Himmel zusammenstießen, dorthin wollte ich gehen, in diese Ferne! Ich wusste plötzlich, dass ich lebte, um immerzu durch die Welt zu wandern, fernen Horizonten entgegen.“

Carmen Rohrbach übt sich schon als Kind darin, bewusst wahrzunehmen, Beobachtungen aufzuschreiben, den Körper für zu erwartende Entbehrungen zu trainieren. Sie studiert Biologie, möchte Sibirien und die Mongolei erforschen. Aber als Bürgerin der DDR liegt das außerhalb der Möglichkeiten, sie lebt in einem System, das für sie keine Horizonte hat, sondern nur Grenzen. Sie flüchtet aus ihrem Land, schwimmt, durch einen Neoprenanzug geschützt, 36 Stunden durch die Ostsee.

Soviel zu der Person in aller Kürze und natürlich völlig unvollständig und unzulänglich. Die Erwähnung dieser Textstelle im Buch soll nur Signale setzen und erklären, warum man einen der besten Pilgerberichte vor sich hat. Da sind zum einen die außergewöhnlich präzisen und anschaulichen Naturbeschreibungen - ein Ausloten der Tiefe bei seelischen Vorgängen inbegriffen -, weiterhin ist es eine profunde Kenntnis der historischen Gegebenheiten, und dann ist es auch die erstaunliche körperliche Leistungsfähigkeit. Umwege und Abstecher von 160 Kilometern steckt sie recht locker weg. Zudem schläft sie meistens ohne Zelt im Freien.

Es ist ein Buch, das spannend ist, Spaß beim Lesen macht und der Nachdenklichkeit zugleich den gebührenden Raum gibt. Als ‚Jakobslektüre’ bestens empfohlen!

Carmen Rohrbach, Jakobsweg, 300 Seiten

20. April 2008