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Eine mittelalterliche Jakobusspur in Romrod - Region Vogelsberg

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Schloss Romrod

Durch die Region Vogelsberg verläuft zwischen Friedberg und Alsfeld mit den ‚kurzen Hessen’ eine Variante des alten Handels- und Heerweges Frankfurt-Leipzig. Orte auf oder an dieser mittelalterlichen Route sind zwischen Friedberg und Alsfeld: Hungen, Grünberg, Romrod, um nur einige zu nennen. Am Hessenbrückenhammer bei Münster bzw. auch Wetterfeld gab es eine Furt über die Wetter. Diesen Weg dürften auch von Osten kommende Jakobspilger benutzt haben, um dann von Friedberg aus nach Frankfurt zu ziehen und weiter, den Rhein querend, nach Oppenheim und zum Kaiserdom nach Worms. Mit der Rheinschiene hatten sie den wohl bedeutendsten deutschen Jakobsweg erreicht.

Was die ‚kurzen Hessen’ betrifft waren für die mittelalterlichen Pilger besonders attraktiv die vor Alsfeld gelegene Benediktinerabtei in Hersfeld (heute Bad Hersfeld), in Alsfeld die Walpurgiskirche wie auch die Dreifaltigkeitskirche (ehemalige Klosterkirche der Augustiner), in Grünberg das Antoniterkloster mit Hospital, in Ober-Bessingen die Wallfahrtskapelle, in Hungen die Marienkirche, in Friedberg-Ockstadt die Jakobuskirche.

Heute noch anzutreffende Spuren der vorreformatorischen Jakobusverehrung auf diesem Weg bzw. in seiner Nähe sind das Altarbild mit Jakobus in Hattenrod, dann ein Fresko in der Taufkapelle der Kirche in Münster, das allem Augenschein nach Jacobus Maior als Pilgerapostel darstellt und weiter ein Fresko in der heute evangelischen Stadtkirche von Hungen. Bei diesem Fresko wäre wegen der starken Verwitterung noch zu überprüfen, ob tatsächlich Jakobus dargestellt ist. Die Wandmalerei befindet sich in der Turmhalle aus dem 12. Jahrhundert. Es handelt sich um die Figur am rechten Rand der Szene, die den Marientod darstellt.
 

Schlossmuseum

Vitrine mit Pilgermuscheln

In Romrod, fünf Kilometer südwestlich von Alsfeld, findet sich ein weiteres Indiz, das für einen ehemaligen Jakobsweg spricht. Während der Ausgrabungsarbeiten auf Schloss Romrod, das aus dem 12. Jahrhundert stammt, wurden Pilgermuscheln gefunden. Eine Jakobsmuschel, wie sie Pilger zur Erkennung trugen, und ein Silberanhänger in Form einer stilisierten Pilgermuschel. Die Funde stammen aus dem 12. Jahrhundert. Die Jakobsmuschel dürfte eine Grabbeigabe gewesen sein. Pilger ließen sich die Muschel beilegen in dem Glauben, dass sie der Apostel Jakobus, dessen Grab sie in Santiago unter größten Mühen und Gefahren besucht hatten, glücklich geleiten werde. Die Grabbeigaben sind im Museum von Schloss Romrod in einer Vitrine ausgestellt (Öffnungszeiten des Museums: Sa 15-17, So 14-16, Di 10-12 Uhr; Gruppen auch nach Vereinbarung, Tel. während der Öffnungszeiten: 06636/917981, außerhalb der Öffnungszeiten: 0160/92224434).
 
Die Zeugnisse jakobäischer Verehrung dürften entlang der ‘kurzen Hessen’ reichhaltiger gewesen sein. Reformation, Bildersturm und Säkularisation werden nicht wenige Spuren ausgelöscht haben. Insofern ist der Romroder Fund neben dem Hattenröder Altarbild ein weiterer Glücksfall.
 

Fachwerkhaus in Romrod

Fachwerk in Romrod

In Hungen dürften sich also zwei Jakobswege der Region Vogelsberg gekreuzt haben. Der eine führte von Fulda über Herbstein und den Wallfahrtsort Schotten nach Hungen. Der andere verlief über die ‚kurzen Hessen’. Die Variante über die ‚kurzen Hessen’ ist auch heute noch für Pilger attraktiv, nicht nur landschaftlich und mit malerischen Orten, sondern auch, was die sakralen Stationen betrifft. Erwähnt seien hier beispielhaft die evangelische Walpurgiskirche in Alsfeld, die evangelischen Kirchen in Münster, Ober-Bessingen und Hungen sowie am Rande der Region die katholische Jakobuskirche in Friedberg-Ockstadt (zu Friedberg-Ockstadt siehe auch >>>). Sehenswert sind zwischen Alsfeld und Grünberg auch einige typische Fachwerkkirchen.
 

Lutherdenkmal, Worms

Pilgerspuren, Pauluskirche, Worms

Zum Reformationsjubiläum 2017 wird voraussichtlich ein Lutherweg bis nach Worms installiert sein. Luther nahm 1521 den Weg über die ‚kurzen Hessen’. Von Frankfurt aus ging es weiter nach Oppenheim und dann nach Worms. Der Lutherweg könnte durchaus auch ein neuer Jakobsweg werden. Man hätte also die Chance eines ökumenischen Pilgerweges, der zwischen Alsfeld und Friedberg durch die Region Vogelsberg verliefe, mit den beiden Oppenheimer Kirchen (evangelische Katharinenkirche und katholische Bartholomäuskirche) eine besonders bemerkenswerte Station hätte und den Höhepunkt schließlich mit Kaiserdom und Lutherdenkmal in Worms. Es wäre ein spannendes, fruchtbares Projekt der Begegnung.

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Bonn, Juli 2012