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‘Der Weg ist das Ziel’
Von Coesfeld nach Santiago de Compostela
Pilgerbericht von Pfarrer Dieter Frintrop


Fortsetzung [Seite 3]
 

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Pilger vor der Kathedrale in Santiago de Compostela
Foto: iStockphoto.com/vanbeets

Und tatsächlich: 1988 waren an meinem Namenstag (9.7.) alle Pilger und Pilgerinnen nach Sahagun angereist. Unsere Gruppe bestand aus 20 Personen. Eigentlich zu groß für eine Pilgergruppe. Aber alle, die in den vergangenen Etappen aus irgend einem Grunde nicht mitpilgern konnten: ‚Zum letzten Gefecht’ wollten alle mit antreten. Die Größe der Gruppe bescherte uns einige Probleme, die wir aber gemeistert haben. Ein kleines Wunder am Weg: Obwohl wir in drei Gruppen an drei verschiedenen Tagen in Köln, Bergisch Gladbach und Coesfeld nach Spanien aufgebrochen waren, trafen wir uns alle zufällig in Südfrankreich auf einem Rastplatz. Die einen hatten einen Ruhetag eingelegt, die anderen mussten tanken, und wir Coesfelder wollten einen Fahrerwechsel vornehmen. Übrigens fuhren wir 6 Pilger aus Coesfeld gemeinsam mit einem VW-Bully, den wir natürlich ‚Jako-Bus’ nannten! In der Kirche San Lorenzo in Sahagun feierten wir gemeinsam die hl. Messe und begannen am 10. Juli in El Burgo Ranero die letzte Jahres-Etappe.

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Cruz de Ferro
Foto: Festschrift ‘800 Jahre St. Jakobi’

Obwohl beim Pilgern jedes überflüssige Gramm im Rucksack drückt, hatte ich jedoch zwei kleine Sandstein-Bruchstücke aus unserer im Krieg zerstörten Jakobi-Kirche als ‚Reisegepäck’ mitgenommen. Auf der Passhöhe von Rabanal (1300m) steht das seltsamste Pilgerkreuz der Welt, das ‚Cruz de Ferro’ (‚Eisernes Kreuz’). Es steht auf einem ca. 10 m hohen Pfahl, der gehalten wird von einem riesigen Haufen von Tausenden von Steinen, die die Pilger - nach altem Brauch – im Laufe der Jahrhunderte aus ihrer Heimat mitgebracht und hier niedergelegt haben. Auf diesem künstlichen ‚Berg’ liegen nun auch zwei Steine aus Alt-St.-Jakobi. St. Jakobus hat mich dafür fürstlich belohnt. Aber darüber später.

Wir besuchten in Astorga den Bischof Don Antonio. Er war anlässlich des Aachener Katholikentages 1986 in unserer Gemeinde zu Gast gewesen und hatte uns geholfen bei der Gründung der Partnerschaft zwischen St. Jakobi Coesfeld und St. Ignatio Ponferrada. Vertreter dieser Gemeinde mit ihrem Pfarrer Domingo Anta waren uns entgegengereist, um uns gebührend zu begrüßen und nach Ponferrada zu begleiten. Seit zwei Jahren war ein Briefwechsel zwischen den beiden Gemeinden entstanden. Nun sollte endlich die Partnerschaft ‚besiegelt’ werden. Der Pfarrgemeinderat lud nach einer gemeinsamen Eucharistiefeier zu einem Fest ein. Urkunden und Geschenke wurden ausgetauscht. Tags darauf unternahmen wir einen gemeinsamen Ausflug in die Region ‚El Bierzo’.

Am nächsten Morgen wurden wir mit ‚Bruder-Kuß’ von Pfarrer Anta verabschiedet. Keiner ahnte damals, dass es unser letztes Zusammensein mit ihm und seiner Gemeinde war. Am 10. April 1989 starb er an den Folgen eines Krebsleidens. Da er der einzige ‚Kontaktmann’ seiner Gemeinde zu uns war, kamen leider die Partnerschaftsbeziehungen zum Erliegen.

Wir erreichten Villafranca del Bierzo, ein weiterer wichtiger Ort auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus. Wer als Pilger nicht mehr die Kräfte besaß, um das Ziel zu erreichen, konnte bereits hier die Ablässe von Santiago gewinnen, wenn er durch das ‚Tor der Vergebung’ in die Kirche schritt. Am Abend gelangten wir zur letzten Passhöhe auf unserm Pilgerweg: Cebreiro. Hier finden wir noch alte keltische Bauernhäuser, die Dächer mit Stroh gedeckt. Zum letzten Mal ging es bergab. Wir waren in Galicien, einer baumreichen, blühenden Landschaft. Nach fünf Tagen erreichten wir Labacolla, etwa 10 km vor Santiago. Hier ist heute der Flugplatz von Santiago.

An diesem Tag regnete es in Strömen. Unsere Pilgergruppe hatte sich aufgelöst: Einige stiegen ins Begleitfahrzeug und ließen sich zum Tagesziel bringen, einige warteten ‚auf bessere (trockenere) Zeiten’. Zuletzt lief ich ganz allein auf der Landstraße, als unser Pilgerbus von Coesfeld an mir vorbei fuhr, ohne mich zu erkennen. 50 Pilger waren mit dem Bus angereist, um ‚ihren Pastor’ in Santiago in Empfang zu nehmen, ließen ihn jedoch ca. 20 km vor dem Ziel buchstäblich ‚im Regen stehen’.

Am nächsten Morgen starteten wir von Labacolla nach Santiago. Die letzten 10 km eines schier endlosen Weges durch Frankreich und Spanien! An einer Stelle des ‚Rio de Labacolla’ wuschen sich früher die Pilger, um gereinigt von allem Pilgerstaub und Schweiß in die Heilige Stadt einziehen zu können. Wir hielten eine kleine Bußfeier mit einer Meditation. Rund 1500 km waren wir nun unterwegs, jetzt sollte der Höhepunkt kommen: Santiago de Compostela.

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Die Pilgergruppe - Meditation vor einer Kapelle am Weg
Foto: Festschrift ‘800 Jahre St. Jakobi’

Zunächst stiegen wir auf eine Anhöhe, ‚monte del gosso’ (‚Berg der Freude’). Von hier aus kann man zum ersten Mal die Türme der Kathedrale erblicken. Welche Freude für die mittelalterlichen Pilger, die viele Monate unterwegs waren! Wer in einer Pilgergruppe melden konnte: „Ich sehe die Türme der Kathedrale!“, der war ‚König’ der jeweiligen Pilgergruppe und durfte sich fortan mit seinem Familiennamen ‚König’ nennen. Diesen Namen gibt es bis heute in vielen Orten unseres Landes, vielleicht noch als ‚Nachwirkung’ der Santiago-Wallfahrt.

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Vom ‘Berg der Freude’ kann man einen
ersten Blick auf das Ziel werfen: Santiago
Foto: Festschrift ‘800 Jahre St. Jakobi’

Innerlich und äußerlich ‚gereinigt’ pilgerten wir in die Stadt. Durch enge Gassen erreichten wir unser Ziel: Die Kathedrale mit der Statue des Pilgers Jakobus. Jeder legte seine Hand in die Stele des Apostels (wie Millionen Pilger vor uns): Am 24. Juli, dem Vortag des Jakobus-Festes waren wir endlich am Ziel!

Unsere Freude war groß. Vor der Kathedrale wurden wir von den Coesfelder Pilgern herzlich empfangen. In dieser Hochstimmung feierten wir in der Kathedrale die Eucharistie. Dafür hatten die Pilger eigens unser kostbares Jakobus-Meßgewand aus Coesfeld mitgebracht, das Frau Katharina Middendorf – ein über 80jähriges Mitglied unserer Gemeinde – selbst angefertigt und unserer Gemeinde geschenkt hatte. Hier am Grab des Apostels empfing es die eigentliche Segnung.

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St. Jakobus-Figur, Kathedrale von
Santiago de Compostela
© José Carlos Pires Pereira

Am Vorabend des 25. Juli findet alljährlich vor der Kathedrale ein großes Feuerwerk zu Ehren des Apostels Jakobus statt. Punkt 24.00 Uhr ‚steht die Kathedrale in Flammen’. Das spanische Königshaus ist jeweils mit einer großen Abordnung vertreten. Der 25. Juli ist Nationalfeiertag und wird besonders von den vielen tausend Pilgern in Santiago festlich begangen. Das riesige Butafumeiro (Weihrauchfaß) wird an diesem Tag nach allen Gottesdiensten durch die Kathedrale geschwenkt. Eine besondere Attraktion!

In Santiago stieg ich als müder Fußpilger in den Coesfelder Bus und fuhr mit der Pilgergruppe über Fatima und Zaragossa nach Coesfeld zurück.

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Jakobus-Statue in St. Jakobi, Coesfeld
Foto: R.S.

Hier erlebte ich ein kleines Wunder. Ich hatte mich jahrelang um eine Reliquie des Apostels Jakobus bemüht. Vom Grab des Apostels zurückgekehrt, fand ich unter zahlreichen Postsendungen ein Angebot aus Köln, von einem verstorbenen Priester eine vom Vatikan als ‚echt’ bestätigte Reliquie des hl. Jakobus erwerben zu können. Noch am gleichen Tag erhielt ich vom Generalvikar Feldhoff in Köln die Bestätigung. Überglücklich nahm ich die kostbare Reliquie in Empfang, zusammen mit einem kleinen Altarstein mit einer Jakobus-Reliquie, über deren Echtheit aber keine Angaben gemacht werden können. Der kleine Altarstein wurde in die Altarplatte eingesetzt. Am Sonntag, den 20 August 1989 feierten wir den 35. Jahrestag der Weihe unserer Kirche, die nach der Zerstörung durch Bomben am 21. März 1945 aus den Trümmern wieder erstanden war. An diesem Tag wurde die Jakobus-Reliquie im Sockel unserer Jakobus-Statue in der Kirche feierlich beigesetzt.

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Reliquiar, Coesfeld
Foto:R.S.

Das kostbare Reliquiar schuf wiederum der Künstler Dipl. Ing. Bernhard Gewers, Hagen (Teutoburgerwald). Nun ist unsere St. Jakobi-Kirche durch diese Reliquie besonders mit unserem Pfarrpatron verbunden. Vielleicht hat Jakobus aber auch damit die Strapazen auf der Pilgerwanderung belohnen wollen, oder es ist sein Dankeschön für die beiden Sandsteine aus Alt-St. Jakobi am ‚Cruz de Ferro’.

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Kirche St. Jakobi in Coesfeld

Erst 1990 kamen mir folgende Gedanken: Du bist zwar von Le Puy bis Santiago (ca. 1500 km) gepilgert. Aber was ist mit der Strecke Coesfeld – Le Puy (ca. 1000 km)?

Ich erfuhr, dass eine Pilgergruppe von Oeding aufgebrochen war, um die ganze Strecke bis Santiago zu laufen. Dieser Gruppe schloß ich mich im April 1991 in Verdun an und pilgerte mit ihr über Vezelay bis nach Autun. Im August des gleichen Jahres pilgerten wir von Autun bis nach Le Puy. Jetzt war nur noch die Strecke Coesfeld – Verdun zurückzulegen.

Zunächst versuchten wir, in Tages-Etappen den ersten Teil dieser Strecke zu ‚bewältigen’. Coesfeld – Oeding – Schermbeck – Duisburg – Homberg – Leichlingen. Diese Strecke legten wir in den Karnevalstagen 1992 zurück, indem wir morgens früh jeweils von Coesfeld aus aufbrachen und abends nach Hause zurückkehrten, um am anderen Morgen dort wieder zu beginnen, wo wir tags zuvor aufgehört hatten. In der Osterwoche pilgerten wir drei Tage und legten die Strecke Leichlingen – Prüm zurück. In den Sommerferien ‚erledigten’ wir nun das Reststück: Prüm – Luxemburg – Verdun. Am Vortag des Jakobusfestes, also am 24. Juli 1992, ging für mich das große Abenteuer der Pilgerwanderung von Coesfeld nach Santiago zu Ende. Deo gratias!

Ein großes Glücksgefühl überkam mich. Wahrscheinlich war ich der erste Pastor in der 800jährigen Geschichte unserer Gemeinde, der den ganzen Jakobusweg zu Fuß zurückgelegt hat.

Wer in früheren Jahrhunderten aufbrach und den ganzen Weg auf einmal zurücklegen musste, war für viele Monate unterwegs (und er musste von Santiago auch wiederum zu Fuß zurück!). Dank der modernen Verkehrsmittel mit Flugzeug, Bahn oder PKW ist heute eine Unterbrechung der Pilgerwanderung jederzeit möglich, um sie in einzelnen Jahresetappen zurückzulegen.

In 92 reinen Wandertagen habe ich die weite Strecke (ca. 2500 km) zurückgelegt. Die Lebenserfahrungen auf dem Weg haben mein Leben wesentlich mitgeprägt. ‚Gemeinsam mit einer Hoffnung und einem Ziel unterwegs’: das macht das Leben lebenswert. Wir alle brauchen einander. Nicht die Schnellen bestimmen das Tempo, sondern die Schwächeren. Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Pilger sind wir, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Ziel zuwandern.“ Als pilgerndes Volk Gottes der Gemeinde St. Jakobi sind wir alle gemeinsam auf dem Weg in ein neues Jahrtausend. Mögen wir alle unser letztes Ziel erreichen: Die ewige Vollendung in Gott!

„Jakobus möge uns begleiten, helfend uns zur Seite sein!“

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