Pilgergruppe-I-850

Coline Serreau: ‚Pilgern auf Französisch’

 

Pilgern_auf_Französisch_350

Der Jakobsweg als zentrales Motiv in einem Roman, der in der Gegenwart spielt: Davon gibt es nur einige wenige Bücher. Ansonsten reizte das Motiv eher zum Einsatz in historischen Romanen, die in vergangenen Jahrhunderten spielen.

Nach dem Film ‚Pilgern auf Französisch’ liegt die Geschichte nun in neuer Auflage auch als Buch vor. Die Überlegung „Was ist besser – der Film oder das Buch?“ wollen wir gar nicht anstellen. Beides lohnt sich und macht Spaß. Der Film unterhält im Wortsinne anschaulich. Das Buch bringt einige Reflektionen und Feinheiten darüber hinaus.

Mit der Erzählweise muss man sich allerdings an einigen Stellen anfreunden, da eine gewisse Tendenz zum Drehbuch und der Regieanweisung durchschlägt. Sätze werden kurz, das berühmte ‚raunende Präteritum’ (Thomas Mann) wird zum Präsens, die Dialoge sind oft schauspielartig wiedergegeben, also: redende Person, Doppelpunkt, wörtliche Rede. Aber bitte! Warum nicht!? Wer selber schreibt, weiß, wie sehr das nervt, wenn man Dialoge einführt und sich stets mit ‚sagte’, antwortete’, ‚entgegnete’ usw. wiederholt. Coline Serreau macht mit diesem Problem kurzen Prozess, und das ist gut so. Ein kurzweiliges, ein amüsantes, humorvolles und zugleich auch tiefsinniges Buch, das mit erfrischender Kritik an einer heiligen Institution nicht spart. Das betrifft etwa die Zensur der Gebetszettel in Le Puy-en-Velay, die Compostela in Santiago, die touristischen Auswüchse auf der spanischen Hauptstrecke, dem Camino Francés, es betrifft vor allem Santiago selbst. Ein paar Beispiele. Beginnen wir mit dem Monte Gozo, dem Berg der Freude, von dem aus man Santiago zum ersten Mal erblicken durfte.

„Doch der Berg der Freude hat sich in eine grauenerregende Stätte verwandelt, wo völlig unbegabte Künstler zu Ehren von Johannes Paul II. ein Denkmal aufgestellt haben, das an Scheußlichkeit kaum zu überbieten ist und dessen Anblick auch den kleinsten Funken Freude auslöscht. Heute kann man Santiago von dort aus nicht mehr sehen, dafür fällt der Blick auf ein lagerartiges kommunales Herbergsareal, und es gibt wie in allen Städten der Welt Vorstadt-Betonburgen, so weit das Auge reicht.“ (S. 216)

Zur Compostela: „Um die berühmte Urkunde zu bekommen, muss man den Verantwortlichen im Pilgerbüro zudem versichern, dass man den Jakobsweg aus religiösen Gründen gegangen ist. Wer nicht gläubig und auch noch so dumm ist, dies laut zu sagen, guckt in die Röhre. Doch wenn man lügt und erklärt, man habe sich aus religiöser Überzeugung auf den Pilgerweg begeben, bekommt man, was man will. Wer sich in Spanien um eine Arbeitsstelle bewirbt, wird von gewissen Unternehmen gefragt, ob er den Jakobsweg gegangen sei, und bei der Bewerberauswahl ist die Compostela ein Bonus. Daher herrscht auf den letzten hundert Kilometern vor Santiago ein überaus reger Verkehr.“ (S. 215f)

Auch das Spektakel in der Kathedrale von Santiago wird kritisch gesehen: „Die heilige Messe hat Komponisten zu einigen der schönsten Stücke inspiriert, die die Menschheit überhaupt kennt, aber heutzutage wird man in der Kirche Zeuge eines dramatischen musikalischen Verfalls, so auch bei der Messe in Santiago mit der abschließenden Botafumeiro-Zeremonie. (S. 224)

Ob die Autorin bei der folgenden Stelle zu einem pauschalen Rundumschlag ausholt, sei dahingestellt. Aber es ist durchaus bedenkenswert, wenn eine aufgeklärte Französin so etwas schreibt.

„Da die Kirche aber weiterhin Profit aus diesen Massenveranstaltungen ziehen will, müsste sie die Inszenierung Profis überlassen, die es verstehen, das Publikum glücklich zu machen und gleichzeitig den Opferstock zu füllen. Doch die Kirche will die Menschen nicht glücklich machen, sie will, dass sie sich schuldig fühlen.“ (S. 225)

Zum Plot selbst, der genial ist: Eine Mutter vermacht ihr Vermögen ihren drei zerstrittenen Kindern nur unter der Bedingung, dass diese gemeinsam den Jakobsweg zurücklegen. So begeben sich zähneknirschend ein Alkoholiker, ein reicher Unternehmer und eine Lehrerin auf die schweißtreibende, gefährdete und dann doch versöhnende, weil verändernde Tour. Bereichert wird die Gruppe um einige andere bezaubernde Figuren, z.B. um einen jungen Muslim, der glaubt, nach Santiago-Mekka zu pilgern.

Eine tiefsinnige, ernsthafte Komödie. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen.

Coline Serreau: ‘Pilgern auf Französisch’. Piper Verlag, 7. Auflage 2010, 234 S.

Januar 2010