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Jakobsort Stromberg

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)
 

 

 

Jakobusfenster, St. Jakobus, Stromberg

Rosettenfenster, St. Jakobus, Stromberg

Eine alte Römertrasse von Bingen nach Trier ist dem Wanderer und auch dem Archäologiefreund seit langem als Ausoniusweg bekannt. Decimus Magnus Ausonius hat die Strecke 368 n.Chr. bereist und 371 in seinem Gedicht ‚Mosella’ beschrieben. Die heute mit einem weißen ‚AU’ auf grünem Grund als ‚Römische Wanderstraße’ markierte Route folgt dabei nicht immer dem historischen Verlauf. Nun wurde der Ausoniusweg, der einen auf Römerspuren geleiten soll, auch als Jakobsweg deklariert und am 1. Juni 2013 im Archäologiepark Belginum (also nicht bei einer Kirche, Kapelle oder einem Kloster) im Beisein der politischen Prominenz eröffnet. Zeugnisse älterer oder jüngerer Jakobusverehrung scheinen auf dieser Strecke allerdings, abgesehen vom Endziel Trier, weitgehend zu fehlen. Warum man dann die Route für Jakobspilger am Anfang ihres Verlaufes ausgerechnet an Stromberg, dem Ort mit einem Jakobus-Patrozinium und wohl dem einzigen auf der Strecke, knapp vorbeiführt, ist rätselhaft.
 

Taufbecken mit Jacobus Maior

Jacobus Maior

In Stromberg treffe ich auf insgesamt acht Jakobus-Darstellungen. Ein Jakobusfenster im Altarraum der 1863 nach gotischen Stilvorgaben vom Kölner Dombaumeister Vinzenz Statz erbauten Kirche, ein Rosettenfenster im Kirchenschiff, eine Jakobusfigur über dem Taufbecken, zwei weitere Darstellungen im Pfarrheim (Gemälde und Holzrelief), eine lebensgroße Statue, aufgestellt als Kopie 1990 auf dem Marktplatz. Das originale Standbild des Stromberger Stadtpatrons, geschaffen vom Mainzer Bildhauer Johannes Eschenbach, wurde 1780 aufgestellt. Es ist jetzt im Stromberger Heimatmuseum zu sehen, neben einer weiteren Figur neueren Datums.
 

Jacobus Maior (Kopie), Marktplatz Stromberg

Jacobus Maior (Original), Heimatmuseum Stromberg

Überhaupt ist der Ort, durch den der Guldenbach fließt, als malerisch zu bezeichnen. Nähme man ihn, was gerade im Hinblick auf die Deklaration als ‚Jakobsweg’ sinnvoll wäre, in die Streckenführung auf, dürfte er gewiss einer der schönsten und bedeutendsten sein. Am besten und anschaulichsten lernt man die Geschichte der alten Posthaltestation Stromberg im liebevoll gestalteten und geführten Heimatmuseum kennen.
 

Stromberg, Heimatmuseum

Stromberg, Heimatmuseum, Rückseite

Es ist eine spannende Reise durch die Zeit. Man begegnet in den Räumen archäologischen Zeugnissen, Urkunden und Schriftstücken, der Wohn- und Lebenskultur des 19. und 20. Jahrhunderts, lernt alte Werkstätten kennen, einen Klassenraum mit hölzerner Bank und Tintenfässern, einen urigen Weinkeller und vieles, vieles mehr, das einen staunen und ein historisches Abenteuer erleben lässt. Unter anderem findet man auch Erinnerungsstücke berühmter Persönlichkeiten. So etwa das Original-Schreibset von Michael Praetorius (1571-1621). Er komponierte das Lied „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Der Besucher aus Bonn, dem dort ja das Schumann-Haus vertraut ist, begegnet weiter einem Brief Clara Schumanns, die in Stromberg gewirkt hat. Das seien nur zwei von vielen Beispielen.
 

Maria Wilbert, Heimatmuseum Stromberg

Original-Schreibset, Michael Praetorius

Frau Maria Wilbert, die mich kenntnisreich durch dieses schöne und bemerkenswerte Museum führte und viele Geschichten und Anekdoten über Stromberg zu erzählen weiß und die Sammlung erhellt und erklärt, gilt an dieser Stelle mein besonderer Dank. Das Heimatmuseum Stromberg (Gerbereistr. 20, nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt) ist donnerstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet und jeden zweiten Sonntag von 14 bis 16 Uhr. Besichtigungen können auch telefonisch vereinbart werden (06724/6447 oder 06724/1708).

Wer auf dem Ausoniusweg/Jakobsweg von Bingen nach Trier pilgert und auf institutionalisierte (Himmel, was für ein Wort!) Wege nicht viel gibt, sollte Stromberg nicht versäumen. Eine Alternative wäre zum Beispiel: Auf dem Ausoniusweg von Bingerbrück nach Weiler, dann aber westlich nach Warmsroth, von hier knapp zwei Kilometer südwestlich nach Stromberg. Von Stromberg aus nach Daxweiler und von hier zum Forsthaus Lauschhütte, wo man wieder auf den Ausoniusweg trifft – eine sehr lohnende und was das Thema ‚Pilgern’ und ‚Jakobsweg’ betrifft sinnvolle Abweichung. Jakobswege als ‘offiziell’ zu deklarieren ist sowieso eine typisch deutsche Marotte, die mit dem inneren Sinn des Weges nichts zu tun hat. Man sollte sich die Freiheit nehmen, auf eigenen Pfaden landschaftlicher Schönheit, kulturellen und sakralen Orten, insbesondere solchen mit Jakobusverehrung, zu begegnen. Auch dann und dann erst recht ist man auf dem Jakobsweg.
 

Bonn, Juni 2013