Pilgergruppe-I-850

Von Traben-Trarbach nach Trier

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

Weg nach Bernkastel-Kues
Bernd Koldewey (auf dem Weg von Traben-Trarbach nach Bernkastel-Kues)

Zur Fortsetzung unserer Moselcamino-Tour treffen wir erst am späten Nachmittag in Traben-Trarbach ein. Tagesziel soll sein: Bernkastel-Kues. Die Strecke dorthin ist ein typisches Beispiel, wie man eine Moselschleife abkürzen kann. Folgt man von Traben-Trarbach aus dem Fluss, so sind es 22 Kilometer. Kürzt man über den Bergkamm ab, sind es nur noch sechs. Und belohnt wird solch eine Abkürzung durch faszinierende Ausblicke über Weinberge und Flusstal.

Traben-Trarbach
Blick auf Traben-Trarbach

Dass aus den sechs Kilometern von Traben-Trarbach nach Bernkastel-Kues dann allerdings zwölf wurden - wir sind da oben irrtümlich den Rundweg Graacher-Schanzen gegangen - lag an der nicht ganz eindeutigen Beschilderung. Mit der Jakobsmuschel als Wegweiser ging man noch zu sparsam um. Aber die Landschaft war schön und wir waren noch frisch in den Beinen. Doch zunächst zu Traben-Trarbach und seinem berühmtesten Gast. Goethe war da. Tatsächlich. Den Traben-Trarbachern war es eine Erinnerungstafel wert.

Goethe-Gedenktafel

Die hängt an der im Trierer Barock erbauten Böckingschen Villa. Heute ist das Gebäude als Mittelmosel-Museum ein echtes Schatzkästchen. Es hat auch ein liebevoll eingerichtetes Goethezimmer, das wir besuchen durften, obwohl sich das Museum gerade anschickte zu schließen.

Goethezimmer in Traben-Trarbach
Goethezimmer in Traben-Trarbach

Dank an dieser Stelle an Frau Ingrid-Renate Mees, die zwei Jakobspilgern dieses Juwel zeigte. Dank hier auch für die Überlassung einer Lektüre, die man so leicht nicht mehr auftreiben kann: ‘Goethes sturmgefährdete Bootsfahrt auf der Mosel von Wolf nach Trarbach 1792'. Geschrieben von Erich Müller, Oberpostmeister a.D. Traben-Trarbach 1976. Anhand alter Messtischblätter und eigener langjähriger profunder Ortskenntnis hat er überzeugend nachgewiesen, warum Goethe tatsächlich in Lebensgefahr war. Die Mosel war damals ein tückischer Fluss, noch nicht gestaut und in wildem, strudelndem Verlauf zwischen Wolf und Trarbach. Deswegen darf man Goethes Worten zu dieser Begebenheit trauen und muss sie nicht für poetische Übertreibungen halten. Zum zweiten Mal war er auf einer Schiffsreise in Lebensgefahr. Das erste Mal war während seiner Italienischen Reise. Das zweite Mal dann ausgerechnet an der heute so lieblichen Mosel. Goethe kehrte aus dem Koalitionskrieg gegen Frankreich zurück. Er hatte sozusagen als Kriegsberichterstatter für seinen Freund, den Herzog von Weimar, gearbeitet. In tiefer seelischer Verstimmung über die beobachteten Kriegsereignisse wollte er so rasch wie möglich die Strecke von Trier nach Koblenz zurücklegen. Er entschied sich nicht für die Kutsche, sondern für ein Boot. Doch hören wir, was der Weimarer selbst dazu sagt, wie und warum er also in Trarbach gelandet ist:

“Nun überfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster; eingeengt wußten wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm, bisher schon ruckweise angekündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach; bald schwoll der Sturm im Gegenwinde, bald wechselten abprallende Windstöße niederstürzend mit wütendem Sausen; eine Welle nach der anderen schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnäßt. Der Schiffsmeister barg seine Verlegenheit; die Not schien immer größer, je länger sie dauerte, und der Drang war aufs höchste gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder, wo er sei, noch wohin er steuern sollte. Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefaßt. Wir schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir scheinen, dass Massen über mir noch etwas dunkler als der verfinsterte Himmel sich dem Auge bemerkbar machten; dies gewährte jedoch weniger Trost und Hoffnung; zwischen Land und Fels eingeschlossen zu sein, drang sich immer ängstlicher auf. Und so wurden wir im Stockfinsteren lange hin und her geworfen, bis sich endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat.”

Das Licht war in Trarbach. Das Zitat stammt aus ‘Campagne in Frankreich 1792'. Dass Goethe tatsächlich in Lebensgefahr war, ist, wie gesagt, durch Müllers Ortskenntnisse und Recherchen überzeugend dargelegt. Wie aufgewühlt durch Sturm und Unwetter die Mosel selbst in ihrer stillgelegten Zeit noch sein kann, hatten Bernd Koldewey und ich in der Nähe von Eller-Edinger mitbekommen. Da dünte sich plötzlich der stille Fluss. Im gegenüber liegenden Wald ging ein Gepoltere los. Äste flogen durch die Luft. Dann kam eine schwarze Wand. Blitze zuckten. Donner krachte. Regen prasselte. Recht heftige Wellen, vom Sturm aufgepeitscht, schlugen plötzlich gegen das Ufer. Wir waren froh, festen Boden unter den Füßen zu haben und ein paar hundert Meter weiter eine Unterstellmöglichkeit.

Kapelle Bernkastel-Kues
Kapelle bei Bernkastel-Kues

Nun ja, unsere Wanderung nach Bernkastel geschieht bei heiterem Wetter. Der Moselcamino zeigt sich von seiner allerbesten Seite. Ausblicke über Täler und Weinberge. Die Flussschleife in der Abenddämmerung, eine Kapelle am Berghang, durch ein Tor kommen wir in der liebenswerten Altstadt von Bernkastel an. 

Stadttor Bernkastel-Kues
Ankunft in Bernkastel

Weinprobe? Ja. Das gehört beim Pilgern dazu. Der Mensch macht das Bier, aber Gott den Wein. So oder so ähnlich lautet ein Spruch von Martin Luther. Der Moselwein ist gut. Gegenüber Bernkastel, also in Kues, prüfen wir den Riesling, schlagen dann gegen Mitternacht das Zelt an der Uferpromenade auf und schlafen himmlisch durch.

Nacht Bernkastel-Kues
Blick auf das nächtliche Bernkastel

Am nächsten Morgen, beim Blick aus dem Zelt, wurden wir mit einer schönen Aussicht belohnt. Besser geht es auch vom Luxushotel aus nicht.

Blick auf Bernkastel

Bevor es dann weiter nach Piesport ging, besuchten wir am Morgen ein Jakobusgemälde in Bernkastel. Es befindet sich in der Kirche St. Michael.

Jakobus Bernkastel
Jakobusgemälde in Bernkastel (St. Michael)

Was wäre das Pilgern an der Mosel ohne den schönen Wein! Auf dem Weg nach Piesport, und zwar in Kesten, finden wir am Wegesrand eine ‘Tankstelle’, die wirklich so heißt. Ein Glas kalter Riesling erfrischt.

Kesten Weinprobe
Tankstelle in Kesten

Von Kesten aus geht es über einen Bergkamm nach Piesport. Wir kürzen wieder eine Moselschleife ab, werden belohnt durch eine römische Sauerbrunnenquelle mitten im Wald und ein Kneipp-Bad, das die müden Füße erfrischt.

Roemischer Sauerbrunnen
Bernd Koldewey am römischen Sauerbrunnen beim Kneippen

Die Landschaft und ihre Ausblicke sind excellent. Der Moselcamino ist einmalig!

Piesport
Ausblick auf Piesport

Irgendwo hinter Piesport schlagen wir zwischen Weinhängen und Moselufer das Zelt auf. Wir hoffen auf eine ruhige Nacht. Doch weit gefehlt. Ein Weinbauer kurvt um Mitternacht mit seinem schlanken Traktor durch die Rebengänge und wir befürchten, dass er irgendwann unser Zelt trifft. Wir sind sprungbereit, um rechtzeitig mit der Taschenlampe zu winken. Aber es geht gut. Erkenntnis des Tages frei nach Hape Kerkeling: Weinbauer arbeiten auch nachts.

Zeltlager Mosel
Kaffee trinken am frühen Morgen

Der nächste Tag führt uns auf die Höhen über Schweich. Wir kürzen die dorthin führende Schleife ab. Am Zitronenkrämerkreuz erreichen wir wieder einen besonderen historischen Punkt. Es ist eine Tatortgeschichte. Ein Kaufmann, der Zitronen aus Italien besorgt und sie von Trier aus in die umliegenden Orte bringt, wird von seinem Diener erschlagen.

Zitronenkraemerkreuz
Zitronenkrämerkreuz

Der Sohn des Kaufmanns stellt ein Gedenkkreuz auf. Es ist ein seltsames Gefühl, an diesem Ort vorbei zu kommen. Idyllisch und unschuldig liegt er da. Nur wegen des beschrifteten Gedenkkreuzes weiß man, was zuvor geschehen ist. Man geht an der Vergangenheit vorbei und durch die Erinnerung - hier in Gestalt eines Gedenkkreuzes - wird sie zur veränderten Gegenwart.

Oberhalb von Schweich
Oberhalb von Schweich

Überhaupt ist es ja so, dass der Jakobsweg auch ein philosophischer Weg ist. Manchmal habe ich mir vorgestellt, wie schön das wäre, wenn man die Strecke mit dem Motorrad zurücklegen würde. Wäre das schön? Es wäre bequem. Man gewinnt an Geschwindigkeit, verliert aber an Sehen. Es führt kein Weg daran vorbei: Man sieht, wenn man geht. Die Langsamkeit bringt den Blick.

Zeltlager Schweich
Zelt oberhalb von Schweich

Wir übernachten oberhalb von Schweich. Diese Unabhängigkeit von Hotels, Pensionen, Refugios ist wichtig. Wir übernachten dieses Mal am Waldrand, haben einen wunderbaren Ausblick ins Tal. Wir müssen uns nirgendwo anmelden, etwas reservieren, zu einer bestimmten Zeit ankommen, und vor allem müssen wir nicht Schlange stehen, um wie etwa in den spanischen Refugios einen Schlafplatz zu ergattern. Und finanzielle Vorteile hat es natürlich auch. Für einen Schlafplatz in der Natur nimmt der liebe Gott keine Gebühren.

Jakobus Biewer
Jakobusfigur in St. Jakobus, Biewer

Ausgerechnet am 25.7. kommen wir in Biewer an. Geplant war das nicht. Es ist der Feiertag des Jakobus. Auf dem Weg nach Trier ist Biewer eine bedeutsame Station. Die Pfarrei ist St. Jakobus. Die Kirche ist Gott sei Dank geöffnet. Und so treffen wir endlich wieder einmal auf Skulpturen des Pilgerapostels.

Jakobusfigur Biewer
Jakobusfigur in St. Jakobus, Biewer

Hundert Meter weiter kommt dann noch ein dem Jakobus gewidmeter Brunnen dazu.

Jakobusbrunnen Biewer
Jakobusbrunnen in Biewer

Mit Trier betreten wir besonderen Pilgerboden. Der erste Weg führt uns zu St. Matthias. Dort ist das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen. Vor der Basilika ist eine Brunnenanlage. Das Pacellikreuz dort wurde vom Trierer Bildhauer Willi Hahn geschaffen.

Pacellikreuz Trier
Brunnen mit Pacellikreuz, Trier, St. Matthias

Es erinnert in Dankbarkeit an Papst Pius XII (Eugenio Pacelli), der die von der vatikanischen Kongregation verfügte Aufhebung der Benediktinerabtei St. Matthias rückgängig gemacht hatte. Am Brunnen ist die Entfernung nach Santiago de Compostella angegeben. Es sind zahlenmäßig 1395 Kilometer. Luftlinie natürlich. Zu Fuß ist das eine andere Dimension. Da kommen noch ein paar Kilometer dazu. Und was die seelischen und mentalen Hürden und Entfernungen betrifft, ist das wieder eine ganz andere Geschichte. Von der Heimat-Tür zu Fuß nach Santiago. Das sind dreitausend Kilometer und viele Probleme. Bernd Koldewey kommt zum zweiten Mal zu Fuß in St. Matthias an. Er ist zuvor schon die gesamte Strecke nach Santiago gegangen. Jakobus hat dreitausend Kilometer seine Hand über ihn gehalten. 

Jakobusfigur Steipe Trier
Jakobusfigur an der Steipe

Für Trier braucht man einen besonderen Tag. Vieles gibt es zu entdecken. Neben der Jakobusfigur an der Steipe ist es insbesondere ein Jakobus in St. Irminen. Es ist eine barocke Figur mit wehendem Umhang.

Jakobus St. Irminen
Jakobus, St. Irminen, Trier

Viele Pilger waren auf dem Moselcamino nicht unterwegs. Getroffen haben wir auf dieser schönen Strecke niemanden. Erst in Trier, an der Porta Nigra, treffen wir den ersten Pilger. Er ist von Osnabrück aus die traditionelle Strecke durch die Eifel gegangen. Auch für ihn sind wir die ersten Pilger, die er nun trifft.

Porta Nigra
Pilger an der Porta Nigra

weitere Fotos zu diesem Abschnitt auf dem Moselcamino >>>

Siehe auch die Artikel von Bernd Koldewey: Auf dem Moselcamino IV und die nachfolgenden >>>

Bonn, August 2009

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