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Vagabundenleben

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

 

Bernd Koldewey auf dem Camino Primitivo

Das Vagabundentum mag auch ein Aspekt des Pilgerns sein. Der Vagabund und der Peregrino hängen vom Wortsinn her zusammen. Der Peregrino ist der Fremde, Ausländische. ‚Vagabund’ kommt vom lateinischen ‚vagare’ (herumschweifen, herumstreichen). Beide, der Vagabund und der Peregrino durchkreuzen das normale bürgerliche Leben, die Behausung in den immer gleichen vier Wänden. Der Peregrino allerdings hat ein Ziel. Er streift nicht herum, er hat, für eine gewisse Zeit wenigstens, abgestreift. Und zwar Pläne, Zwänge, das Diktat des Chronometers. Auch darin besteht ein nicht geringer Reiz des Pilgerns. Man berührt die Sphäre des Landstreichers und Abenteurers, bewegt sich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, darf aber oder muss sogar in diese zurückkehren. Vagabundentum mit Ziel könnte man das Pilgern nennen. In der Tat ist es für eine gewisse Zeit einfach schön, morgens nicht zu wissen, wo man abends schläft. Schön ist es auch, mit einer Flasche Rotwein vor dem Zelt zu sitzen und den lieben Gott für einen guten Tag zu loben. Kein Wecker wird klingeln, keine Schulglocke ertönen, niemand rüttelt einen zur Arbeit wach. Man darf endlich einmal leben.
 

Beim Aufbruch von Köln aus

Zelten im Wald hinter Salas

So war es dieses Mal auch auf dem Camino Primitivo. Wir zelteten im Wald, auf Wiesen, an Wegrändern, einmal in Ermangelung einer besseren Gelegenheit mitten auf einer Kuhtrifte. Was eine unruhige Nacht bedeutete. Denn nachts kam das Läuten der Glocken – bei den Kühen in Asturien ist es wie im Allgäu ein ewiges Bimmeln – einmal bedrohlich nahe. Ansonsten war der Schlaf stets ungestört.

Beim Aufbruch am Morgen ließen wir uns Zeit. Erst wurde ein Kaffee gekocht, eine Zigarette gedreht, dann ging es langsam ans Einpacken. Zur Flasche Rotwein am Abend hatten wir Pilgerlieder komponiert und versuchten nun, uns an den Text zu erinnern. Zum Aufschreiben waren wir zu faul gewesen.
 



Bars waren für uns stets willkommene Gelegenheiten, mit den Spaniern und anderen Pilgern ins Gespräch zu kommen. So dienten wir dem europäischen Frieden und trugen zum Unterhalt der Wirte in den kleinen, teils schon verlassenen Dörfern bei.

Das Abendmenü stellten wir uns selbst zusammen. Oft waren es asiatische Nudeln, die keine Koch-, sondern nur eine Einweichzeit brauchten. Und einmal gelang uns auf der Grundlage eines Tomaten- und Weißweinfonds eine exquisite Fischsuppe mit Muscheln, Garnelen und Sardinen. Wir haben sie unbeschadet überlebt.
 

nächtlicher Tanz in Cangas de Onis

Panorama hinter Salas

In einer Herberge haben wir nur einmal übernachtet, als es kalt war. Wir sind für Pilgerherbergen weniger geeignet. Wir schnarchen laut, und den Gesichtern der Mitpilger merkt man am Morgen an, was sie denken. „Hoffentlich sehen wir die nie wieder!“ Zudem mögen wir es nicht, wenn man uns abends um Zehn schon wegschließt. Dann nämlich erst beginnt das spanische Leben. Mit dem Zelt genießt man eine herrliche Unabhängigkeit. Man muss keine Befürchtung haben, dass eine Herberge schon belegt ist. Man braucht keine Reservierungen, hat Zeit und keine Eile und kann, was das Laufen betrifft, noch am Abend gutmachen, was man am Tag verbummelt hat. So kamen wir auch ans Ziel und sogar noch ein bisschen weiter und hörten am nächsten Morgen die erstaunten Worte der Mitpilger, die uns wieder einholten: „Wo kommt ihr denn her?“

Wir ließen uns Zeit an Flüssen, Bächen, Quellen, auf den Anhöhen mit faszinierenden Panoramen, genossen die Aussicht oder die Beobachtung naher Details, die einem bei der üblichen Geschwindigkeit der Welt leicht entgehen. Es kam vor, dass man sich ins Moos hockte, um noch nie gesehene Flechten wie etwa das Wald-Frauenhaar zu begutachten oder auch die vielfältigen Arten der Glockenblumen.

Ab und zu fallen mir Zeilen aus der Vagantendichtung des Mittelalters ein, aus den ‚Carmina Burana’ beispielsweise.  „Non me tenent vincula, non me tenet clavis - Mich binden nicht Fesseln, mich hält kein Schloss.“ Es sind oft Lieder einer draufgängerischen Unbekümmertheit. Aber es gibt auch andere Texte als die der ‘Carmina Burana’. In Rilkes ‚Buch von der Pilgerschaft’ beispielsweise. Da wird auch der Widerspruch erfahren zwischen dem sesshaften Leben und dem Vagabundentum. Da geht es um das eigentliche Suchen.

„Manchmal steht einer auf beim Abendbrot und geht hinaus und geht und geht und geht, - weil eine Kirche wo im Osten steht. Und seine Kinder segnen ihn wie tot. Und einer, welcher stirbt in seinem Haus, bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas, so dass die Kinder in die Welt hinaus zu jener Kirche ziehn, die er vergaß.“  

 

 

Bonn, Mai 2013