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Vorbemerkung zu einem Jakobsweg entlang der Rheinschiene

 

Meiner Einschätzung nach ist die Pilgerroute entlang der Rheinschiene einer der Hauptwege, wenn nicht sogar der Hauptweg der Jakobspilger in Deutschland gewesen. Der Rhein war im Mittelalter die Lebensader Westeuropas. Und versetzt man sich nur ein wenig in die Situation der Pilger des Mittelalters, so gewinnt die Rheinschiene als Jakobsweg eine überaus große Attraktivität.

Erstens sorgte der Rhein für eine zuverlässige geografische Orientierung. Pilger waren nicht mit Karten, geschweige denn mit topographischem Kartenmaterial ausgerüstet. Lesen oder schreiben konnten zumeist auch nur Adel und Klerus. Die Pilger waren auf mündliche Informationen angewiesen und wussten über den Weg in der Regel nur, dass er weit, sehr weit war. Der Rhein bot eine verlässliche Richtungsorientierung und war bei einem unsicheren, gefahrvollen Unternehmen ein höchst willkommener, angenehmer Abschnitt einer langen, ungewissen Reise. Für den mittelalterlichen Pilger zählte das Ankommen und nicht der neumodische Spruch ‘Der Weg ist das Ziel’. Zweitens lagen schon seit Römerzeiten (Rheintalstraße) gute Wege vor, die im Mittelalter für Heer-, Handels- und Königsstraßen benutzt wurden. Auch heute gibt es in den Orten am Rhein noch Straßenbezeichnungen, die diesen Namen tragen (Heerstraße, Königsstraße, Römerstraße). Die Wege am Rhein standen als ‘Via Regia’ unter besonderem königlichem Schutz. Auch die Treidelpfade, auf denen die königlichen Schiffe, nachdem der König sie stromabwärts benutzt hatte, von den Treidelknechten wieder stromaufwärts nach Mainz und Frankfurt gezogen wurden. Drittens gab es an der Strecke zahlreiche Klöster, Hospize, Wallfahrtsorte, Jakobuskapellen, Kirchen mit Zeugnissen jakobäischer Verehrung. Viertens war die Rheinschiene mit ihren Wegen und Treidelpfaden stets eine lebhafte Handelsroute, so dass die Pilger nicht zu lange durch unbesiedelte Gebiete laufen mussten. Fünftens war es hier für ärmere Pilger immer möglich, sich für etwas Zehrgeld zu verdingen. Sechstens trafen sie hier andere Pilger, die von Santiago zurückkamen, konnten sich also mit frischen Informationen versorgen. Dass bei rückkehrenden Pilgern die Rheinschiene beliebt war, darf mit einiger Gewissheit vermutet werden. Man konnte mit dem Schiff stromabwärts reisen. Wer Santiago erreicht hatte, dem kam es darauf an, möglichst rasch wieder heimzukehren und sich keine ausgedehnte Bildungs- oder Abenteuerreise auf anderen Wegen zu noch unbekannten Orten zu gönnen, um nach modernem Verständnis und Bedürfnis den Bildungshorizont zu erweitern. Man ging wohl eher die Strecke zurück, die man gekommen war und die man einschätzen konnte. Warum sollte sich ein Pilger im Mittelalter von Köln oder Bonn unbedingt durch die dünn besiedelte Eifel schlagen, wo noch im 19. Jahrhundert die Wölfe heulten, wie der Bonner Gottfried Kinkel es in seinem berühmten Reisebericht von 1849 für die Blankenheimer Umgebung angibt? Der Rhein dagegen bot dem Pilger alles, was er brauchte. Von Köln aus den Rhein entlang zunächst nach Bonn zu pilgern, war naheliegend. Bonn hatte damals unter anderem einen Jakobusaltar im Münster und ein Hospital für Jakobspilger. Man musste nicht unbedingt den Weg über Trier suchen. Die Rheinschiene gab mit Koblenz, Mainz, Worms, Speyer und noch einigen weiteren Orten am Oberlauf des Stroms ebenfalls bedeutende Pilgerzentren. Und ganz besonders Mainz mit dem ehemaligen Benediktinerkloster St. Jakob auf dem Mainzer Jakobsberg.

Auch heute noch ist der Pilgerweg entlang der Rheinschiene von großer Attraktivität. Es ist alles gegeben, was solch ein Weg braucht: landschaftliche Schönheit - begehbare, markierte Strecken – sakrale Stationen mit Jakobusdarstellungen als Fixpunkte der Route – und eine zweifelsfreie Historizität des Weges. Verwunderlich also, dass er bislang noch nicht Eingang gefunden hat in die Karte mit den deutschen Wegen der Jakobspilger.

 

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